der schöne gebrauch

Ich rolle

Volvo stellt neue Studien vor

Jahrelang waren Volvos der Inbegriff des „Kastens auf vier Rädern“ – vor allem in den späten 1970ern bis weit in die frühen 1990er Jahre. Vorher hatten sich die Schweden mit dem „Schneewittchen-Sarg“ genannten P1800 ES Coupé oder dem PV P18A einen Namen als Hersteller eleganten und zeitgemäßen Designs gemacht. Zeitgemäß waren auch die Entwürfe ab dem Modell 240. Hier aber wird in der Formengeschichte das eingeleitet, was Kritiker einst „Bauhaus auf Rädern“ nannten: klare Linien, saubere Radien, kein Zierrat. Einen Höhepunkt stellt sicher der legendäre Volvo 700 dar. Nicht nur unter Architekten und Designern erfreuten sich die Wagen jener Jahre einer großen Beliebtheit. Entsprechend groß war der Aufschrei der Fans wegen der schrittweisen Zurücknahme dieser formalen Stringenz – spätestens ab dem Facelift für den 850er Ende 1996, der fortan als V70 in der Kombi- und S70 in der Limousinenvariante firmierte. Einen erschreckenden Tiefpunkt erreichte diese – ab 1999 von der amtierenden Konzernmutter Ford verantwortete – Designlinie dabei im riesenhaften und weichgelutschten SUV-Klopps XC90 von 2002.

Nach bemüht auf Sportlichkeit getrimmten Modellen, die sich die Bodenplatten mit ihren Konzernschwestern und -brüdern aus Köln teilen mussten, geht es gestalterisch für Volvo seit dem Verkauf durch Ford an den chinesischen Hersteller Geely ab 2010 wieder in deutlich ambitioniertere Fahrwasser. Mit der Übernahme der Designverantwortung durch Thomas Ingenlath, der vorher seine Vorliebe für klare Linien bereits bei Skoda und VW unter Beweis gestellt hat, besinnt man sich bei Volvo auf die große Historie und knüpft dort an, wo man zuletzt die meisten Verehrer gewinnen konnte: Die klaren Formen, die großen Flächen und einfachen Linien, sie sind zurück im Volvo-Kosmos.

Ende Mai nun stellte der schwedische Automobilhersteller zwei neue Studien vor, die das Thema des Volvo-„Kasten“ angemessen zeitgemäß interpretieren. Voraussetzung für diese Betrachtungsweise ist freilich, sich darauf einzulassen, dass diese Wiederentdeckung der Design-Kernthemen anhand von zwei kleinen und vermeintlich hippen SUVs präsentiert werden – eine Wagengattung, die an und für sich unnötig und absurd, wenngleich wirtschaftlich enorm erfolgreich ist.

Das Team um Ingenlath knüpft mit den beiden Studien „Concept 40“ an jene Klarheit an, die die Marke einst groß gemacht hat. Zudem wird das neue Leuchtendesign – etwas überzogen als „Thors Hammer“ bezeichnet – konsequent umgesetzt und entwickelt die Möglichkeiten weiter, die die LED-Technologie mit sich bringt. Hier ist endlich vorstellbar, dass sich die LED-Bänder gänzlich vom Leuchtenkörper, den andere Hersteller immer noch in den Abmessungen mittlerer Kinoleinwände über die Fronten ihrer Autos spannen, lösen und diesen schließlich ganz hinter sich lassen werden. Alles an diesen beiden Studien wirkt stramm und wohl proportioniert. Die Hoffnung, dass der mit den neuen Modellen ab 2014 beschrittene Designweg fortgesetzt wird, besteht also. Volvo – lateinisch für „Ich rolle“ – rollt auch gestalterisch wieder.

David Kasparek

Fotos: Volvo

 

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