homestory: Thomas Jocher

Im Dorf, am Hang

Wo wohnen Sie eigentlich selbst? Diese Frage wird nicht selten im Anschluss an mein Plädoyer für urbane Räume, hohe Dichte und Mobilität gestellt. Provozierend antworte ich: in einem denkmalgeschützten Dorf!

Tatsächlich, ich wohne seit mehr als die Hälfte meines Lebens in einem „Dorf“, im olympischen Dorf in München. Inzwischen unter Ensembleschutz gestellt, wird es von uns Bewohnern einfach als „Dorf“ bezeichnet. Obwohl es mit seinen knapp 7.000 Bewohnern schon fast zu den Großwohnanlagen gehört. Allerdings zu den wenigen unkritischen Großwohnanlagen. Zwar mit einem inzwischen stark veralteten Energiestandard, aber ohne soziale Probleme. Zu Beginn unseres Zuzugs, kurz nach Fertigstellung, war es eine Art Selbstversuch auszuprobieren, wie es sich wirklich in einer auch schon damals verschmähten „Betonburg“ wohnt.

Das Gebäudekonzept war sehr ungewöhnlich: terrassierte Bauten mit freiem Blick zum Himmel, wie sie uns an der TU München mein damaliger Professor Schröder mit seinem Büropartner Peter Faller zeigte, – aber auch kilometerlange Tunnels für die Autos, um an der Oberfläche ungehinderten Aufenthalt für Jung und Alt zu erhalten. Die Wohnung war damals günstig. Sogar sehr günstig. Das Olympische Dorf hatte zu Beginn erhebliche Akzeptanzprobleme. Und genau das reizte mich. Nach zwei Umzügen innerhalb des Dorfs kann ich nach mehr als 30 Jahren sagen: das Risiko hat sich gelohnt, der Selbstversuch ist gelungen.

Jede Woche wohne ich auch am Hang. An einer der bekannten Hanglagen Stuttgarts, die dort in der Mitte des Hangs „Halbhöhen“ genannt werden. Die berühmteste Hanglage dort ist wohl der Killesberg, der mit der Planung von Mies van der Rohe einen Meilenstein in der Architekturgeschichte setzte. Das wäre die zweite große Herausforderung im Wohnen als Selbstversuch gewesen. Aber leider bin ich kein Bundesbediensteter, nur für diesen Personenkreis sind die Wohnungen zugelassen. Neben dem Killesberg liegt der Kriegsberg – und meine zweite „Absteige“. Abends und nachts, wenn ich meistens heimkomme, habe ich einen wunderbaren Ausblick auf das Lichtermeer des Stuttgarter Kessels. Dann scheint es fast so, als wäre man in San Francisco oder Los Angeles.

Prof. Dr.-Ing. Thomas Jocher, Architekt BDA, (*1952) studierte bis 1980 Architektur in München, 1990 folgte die Promotion, die Gründung des Büros Fink+Jocher zusammen mit Dietrich Fink. Seit 1997 ist Jocher Professor an der Universität Stuttgart. Er lebt und arbeitet in München und Stuttgart.

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