Andreas Denk

Der Raum des Öffentlichen

Wenn über „Öffentlichkeit“ und „öffentlichen Raum“ gesprochen wird, scheint in manchen Kreisen der Architektur und in Kreisen der Stadtplanung stumme Einmütigkeit darüber zu bestehen, wovon die Rede ist. Die idealistische Vorstellung, dass das Öffentliche so etwas wie ein Theater sei, in dem Charaktere und Meinungen aufeinander stoßen könnten, um zu einem Austausch und Ausgleich zu finden, ist – Richard Sennett ahnte es bereits – perdu. Der geringste gemeinsame Nenner besteht vielerorts inzwischen darin, dass der Mensch im Privaten darüber bestimmen kann, wem er begegnet, im öffentlichen Raum dagegen nicht. „Sicherheit“ und „Sauberkeit“ sind deshalb wichtige kommunale Kriterien bei der so genannten „Gestaltung“ des öffentlichen Raums, die inzwischen immer dann gefordert wird, wenn wirtschaftlich interessierte Gruppen sich dafür einsetzen.

Dass mit jeder Art der vermeintlichen Verbesserung auch eine Form sozialer Segregation, eine Gentrifizierung, eine Inklusion Gleichgestellter und -gesinnter unter Ausschluss Andersartiger verbunden ist, wird stadtbaupraktisch kaum mehr in Frage gestellt. Vielmehr ist es das uneingestandene Ziel der Veränderung. Der öffentliche Raum als Begegnungsplatz aller möglichen Ethnien, aller möglichen Einkommensschichten, das heißt: auch von Bettlern, Pennern, Betrunkenen,

Prostituierten und sonstiger extravaganter Typen, die dem Konglomerat menschlicher Gesellung entspringen, wäre in der heutigen Auffassung von Stadt eine no-go-area. In Berlin fährt man ab einer gewissen Einkommensgrenze eher nicht mehr mit der U-Bahn.

Insofern leistet die nervliche Belastung durch das tägliche Leben ihren Beitrag zur Desozialisierung unseres Gemeinwesens. Die mangelnde Rückbindung von Politikern an ihre Wähler wird gern und schnell – wahrscheinlich zu Recht – beklagt. Doch wie steht es mit der eigenen Bereitschaft, die Konflikte zu ertragen, die das Aushandeln von Interessen, die das Ertragen der Anderen im Öffentlichen angeht? Ist es vielleicht doch besser – und vor allem einfacher und widerspruchsloser – die Idealstadt als romantischen Park mit wenn schon nicht klassizistischen, dann mindestens zeitlosen Architektureinsprengseln zu verstehen, wie es uns die realen Disney-Städte und Phantasiegebilde wie Potsdam suggerieren? Und zumindest Teilbereiche des Molochs Stadt mit wunderbaren Master- und Gestaltungsplänen – wie es gerade in den gelackten Post-Carbon Stadtvorstellungen gängig wird – in diese Richtung zu trimmen, um mit Platon wenigstens den Abglanz des Harmonischen in der Welt zu erkennen?

Vielleicht ist es gut, sich noch einmal das vorzunehmen, was sich Hannah Arendt in ihrer „Vita Activa“ zum Öffentlichen gedacht hat – und was heute noch politische Implikationen von hoher Virulenz besitzt, wie die unlängst erschienene Studie von Hannes Bajohr über „Dimensionen der Öffentlichkeit“ bei Hannah Arendt belegt.(1) Für Arendt erwächst die „Wirklichkeit des öffentlichen Raums aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven, in denen ein Gemeinsames sich präsentiert, und für die es keinen gemeinsamen Maßstab und keinen Generalnenner je geben kann.“ Alle, die in der Welt zusammenkämen, nähmen schließlich verschiedene Plätze in ihr ein, wobei die Position eines Individuums niemals mit der eines anderen zusammenfallen könne. Das Ureigene des Öffentlichen, „das von Anderen Gesehen- und Gehörtwerden, erhält seine Bedeutsamkeit von der Tatsache, das ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört. Dies eben ist der Sinn eines öffentlichen Beisammenseins…“

Schon im antiken Griechenland, dessen politische Gesellschaft mit ihrer Dualität von oikos und polis, von Haus und Stadt, von Familie und Öffentlichkeit das Vorbild für Arendts Konzeption des Öffentlichen ist, war der Gang ins Freie eine Frage des Muts, der „Kardinaltugend des Politischen“. Wer das geschützte Haus verließ, riskierte etwas. Doch allein dieses Handeln erzeugte die polis, die wiederum die Basis, der Austragungsort, die Option für dieses Handeln wurde. Dem gegenüber sieht Arendt entweder die Isolierung des Einzelnen durch ein totalitäres System oder die Massengesellschaft, in der „alle sich plötzlich benehmen, als seien sie die Glieder einer ungeheuren, in sich einstimmigen Familie, und wo die Hysterie dadurch entsteht, dass ein einziger Aspekt ins Gigantische übersteigert wird.“ In beiden Fällen handele es sich um krasse Fälle einer Privatisierung, also „mit Zuständen, in denen keiner mehr sehen und hören oder gesehen und gehört werden kann.“ Ein jeder sei dann „eingesperrt in seine Subjektivität wie in eine Isolierzelle (…). Eine gemeinsame Welt verschwindet, wenn sie nur noch unter einem Aspekt gesehen wird; sie existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven.“

Die gemeinsame Welt vergleicht Arendt mit einem Tisch, um den herum Menschen sitzen: eine Welt von Dingen, die ihnen ein gemeinsamer Wohnort sind. Das schwer erträgliche Phänomen der Massengesellschaft sei eben jenes, dass die Welt, dieser „Tisch“ die Kraft verloren habe, zu versammeln, also zu trennen und zu verbinden. Das ähnele dem Effekt, dass Teilnehmer einer spiritistischen Sitzung durch einen magischen Trick den Tisch verschwinden sähen, um den herum sie sitzen, so dass nun zwei einander gegenüber sitzende Personen durch nichts mehr getrennt, aber auch durch nichts mehr verbunden seien. Wenn eine Gemeinschaft das Interesse an einer ihnen gemeinsamen Welt verloren habe, helfe nur die Hoffnung auf Transzendenz durch Dauerhaftigkeit. „Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.“ Der Tisch steht noch da. Die Art und Weise, wie wir ihn decken und bestuhlen, entscheidet darüber, wer an ihm sitzen wird.

Andreas Denk

1 Hannes Bajohr: Dimensionen des Öffentlichen. Politik und Erkenntnis bei Hannah Arendt, Lukas Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-86732-103-7

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