Buch der Woche: Wohnbauten von Oskar Pixis in München

Ins Licht!

Architektur ist nie das Werk Einzelner. Je größer die Bauaufgaben, desto umfänglicher die Teams, die sie bewältigen, desto mehr Mitarbeitende in den Büros. In der Rezeption aber wird all das immer wieder verkürzt. Die Gründerinnen und Gründer der Büros stehen dabei im Fokus, ihr Team rückt in den Hintergrund. Was heute gilt, war auch früher schon so. Eine von Rainer Schützeichel herausgegebene Publikation weist auf diesen Fakt anhand der Person Oskar Pixis hin.

Während dieser Name wohl nur Kennerinnen und Kennern der Münchner Architektur und wenigen anderen Fachleuten ein Begriff ist, ist der seines ehemaligen Vorgesetzten fest in der Geschichtsschreibung europäischer Architektur verankert. Pixis war lange Jahre der Büroleiter von Theodor Fischer. Fischer prägte Städte mittel- und unmittelbar – selbst als Architekt und Stadtplaner, über Umwege als Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und Hochschullehrer von späteren Größen wie Adolf Abel, Dominikus Böhm, Ernst May, Wilhelm Riphahn oder Bruno Taut. Schützeichel stellt in seinem Einleitungstext fest: „(…) ohne einen Stab von Mitarbeitern und Vertrauten hätte Fischer weniger, vielleicht auch anders gebaut.“

Zeile Balmungstraße in der Großsiedlung Neuhausen, Fotografie von 2020, Foto: Rainer Viertlböck

Zeile Balmungstraße in der Großsiedlung Neuhausen, Fotografie von 2020, Foto: Rainer Viertlböck

Pixis selbst, das macht das schön gesetzte und durchweg gut lesbare Büchlein an mehreren Stellen deutlich, suchte nicht das Rampenlicht, sah sich selbst als „nur helfend, nicht schaffend“. Mit Fischer verband ihn nicht nur das Berufliche: beide waren direkte Nachbarn, die Gärten waren durch keinerlei Mauern, Hecken oder Zäune voneinander getrennt. Erst im Alter von 50 Jahren wagte Pixis schließlich den Schritt in die Selbständigkeit. Ab 1923 entstehen die ersten „eigenen“ Häuser.

Dass die ab diesem Zeitpunkt entstandenen Bauten nun erstmals auch einem größeren Kreis zugänglich sind, verdankt sich einem Seminar der Hochschule München, das Schützeichel anleitete und das architekturhistorische Recherchen mit den klassischen Mitteln architektonischer Darstellung abbildet. Studierende haben ihre Erkenntnisse in Plänen, Modellen und Texten zum Ausdruck gebracht. Gerahmt wird dies von einem kenntnis- und deswegen aufschlussreichen Text des Herausgebers selbst und schönen Fotografien von Rainer Viertlböck, der die erhaltenen Häuser in ihrem heutigen Zustand ins Bild rückt.

Haus Sachtleben, Modell M. 1:100, 2019/20, Nachweis: Stefan Gahr, Marco Klingl und Daniel Palme (Modellbau)/David Curdija (Foto)

Haus Sachtleben, Modell M. 1:100, 2019/20, Nachweis: Stefan Gahr, Marco Klingl und Daniel Palme (Modellbau)/David Curdija (Foto)

Die Spanne der Projektgrößen ist dabei weit, umfasst bescheidene ebenso wie großzügige Einfamilienhäuser und reicht bis zu großmaßstäblichen, stadtbildprägenden Wohnbebauungen. So entstehen etwa zwischen 1928 und 1933 die Wohnblöcke in der Klugestraße. Ihnen sieht man deutlich zeittypische Merkmale einer „moderaten architektonischen Moderne“ an: am augenscheinlichsten die Kubatur der Gebäude, aber auch im Detail. So sind die Ecklösung mit einem eingeschossigen Ladenlokal, kaum noch merkliche Fensterlaibungen und die mittels Fenster aufgelösten Ecken mustergültige Beispiele jener Epoche. Früheren Entwürfen wie dem Haus Defregger (1923–1925) merkt man ihre zeitgeschichtliche Entstehungsphase ebenso an, wie späteren – etwa dem Haus Sachtleben (1935–1936). Wo das Haus aus der ersten Hälfte der 1920er-Jahre deutlich die bei Fischer erprobte Formensprache erkennen lässt, zeigt sich nach der architektonischen Moderne in den Projekten der späten 1930er Jahre ebenso klar eine Hinwendung zu Heimatstil-Elementen.

Haus Sachtleben, München, 1935–36, Ansicht der Straßenseite, Fotografie um 1936, Nachweis: Privatarchiv Pixis, München

Haus Sachtleben, München, 1935–36, Ansicht der Straßenseite, Fotografie um 1936, Nachweis: Privatarchiv Pixis, München

Was all die gezeigten Bauten eint, ist ihre Anständigkeit. Die Wohnungen sind sinnfällig geschnitten, die Fassaden sauber proportioniert, die Details adäquat ausgeführt. Es sind bodenständige Gebäude, deren Wert sich, wie Rainer Schützeichel schreibt, aus ihrer „Gewöhnlichkeit“ und „Unauffälligkeit“ speist. Mit Blick auf die Machart allzu vieler zeitgenössischer Wohnbauten, deren Entstehung unmittelbar mit den immer irrwitziger werdenden Auswüchsen der Bodenspekulation und sich selbst antreibenden Kapitalströmen verknüpft sind, scheinen solch solide Architekturen, die nicht mehr wollen, als ihren Nutzerinnen und Nutzern gute Dienste zu leisten, ferner denn je.

David Kasparek

Rainer Schützeichel (Hrsg.): Oskar Pixis. Wohnbauten der 1920er und 1930er Jahre in München, 120 S., 140 Abb., Deutscher Kunstverlag, Berlin 2021, 32,– Euro, ISBN 978-3-422-98615-2

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*