tatort

Kommunales Trauerspiel

Und wieder suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 11. November 2019.

Der „tatort“ dieser Ausgabe war die Schaltzentrale einer Mittelstadt mit 40.000 Einwohnern. Dass sich die Kommune aus neun ehemaligen Bauern- und Fischerdörfern ein so großes Repräsentationsgebäude leisten konnte, lag zum einen in der Erwartung, dass sich die Bevölkerung in kurzer Zeit verdoppeln würde, aber auch, wie der Architekt des „tatorts“ seinerzeit ausführte, am „Willen zur Selbstbehauptung im Schatten der großen Stadt“. Der Entwerfer hatte von 1938 bis 1941 an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, war seit 1948 selbständig und wurde später Mitbegründer der Architektengruppen Bauturm und Werkgruppe 7. Für den „tatort“ bekam er den städtischen Architekturpreis. Nach eigenem Bekunden versuchte er hier, dem Stahlbetonskelettbau anstelle einer Bürohausfassade ein Aussehen zu geben, das seiner besonderen Funktion entsprach. Der öffentliche Bereich liegt in der zweigeschossigen Sockelzone, aus der ein Bauteil vorkragt, in dem ursprünglich ein politisches Gremium getagt hat. Ein mehrgeschossiger Hochbau darüber nimmt „Arbeitszellen“ auf. Die Fassade ist aus schalungsrauem Sichtbeton, Fenster und Stützenverkleidungen aus schwarz eloxiertem Leichtmetall sowie bronzefarbenen Sturzblenden für den Sonnenschutz gefügt. Besonderes Augenmerk legte der Architekt auf die Ausgestaltung der öffentlich zugänglichen Räume mit zeichenhaft zu verstehenden Aus- und Durchblicken: Die Kassenhalle im ersten Obergeschoss wurde als transparenter Glaskasten mit einem hof-artigen Warteraum mit Umgang angelegt.
Die spätere Eingemeindung des Ortes in eine Großstadt ist für den heutigen Zustand dieses Gebäudes verantwortlich. Nach dem Verlust der repräsentativen Funktion wurde das Gebäude zur Dienststelle der städtischen Verwaltung degradiert und litt, wie viele Bauten dieser Zeit, an konsequenter Vernachlässigung. Seit 2002 war immer wieder von einem Neubau die Rede. 2005 lehnte der Stadtkonservator eine denkmalpflegerische Unterschutzstellung ab. 2008 wurde ein erster Wettbewerb für einen Rathausneubau am alten Ort ausgelobt, dessen Ergebnis wegen der angespannten Haushaltslage der Stadt nicht realisiert wurde. 2017 konstatierte das Gebäudemanagement der Stadt Asbest- und PCB-Belastungen. Zugleich wurde zum wiederholten Mal eine Sanierung des Gebäudes diskutiert. 2018 / 19 fand ein weiterer Wettbewerb um einen Neubau statt, den ein ortsansässiges Architekturbüro gewann: 2020 soll der „tatort“ nun abgerissen werden. Um welches Gebäude handelt es sich, wer hat es entworfen, wo steht es und wann ist es entstanden?

Der „tatort“ der Ausgabe 4 / 19 war die Zeltkirche St. Hubertus in Krefeld-Kliedbruch, die von dem Viersener Architekten Heinz Döhmen entworfen und 1959 geweiht wurde. Die Glasfenster stammen vom Krefelder Glaskünstler Hans Spierling. Gewinnerin des Buchpreises ist Bettina Moser aus Mühldorf am Inn.

Foto: Reiner Specking

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