Buch der Woche: The Architects Collaborative TAC

Grope statt Gropius

TAC, Gruppenbild auf der Skulptur von Richard Lippold um 1950, Graduate Center, Harvard-Universität. Im Uhrzeigersinn v.u.: Walter Gropius, Robert McMillan, Benjamin Thompson, Louis McMillen, Norman Fletcher und John Harkness (es fehlen die beiden Frauen: Jean B. Fletcher und Sarah P. Harkness), Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

Der Rückblick auf das Bauhaus langweilte Walter Gropius schon bald, nachdem er in die USA emigriert war. Er fand eine neue Berufung – oder die Berufung fand ihn: Eine Gruppe von sieben jungen Architektinnen und Architekten überzeugte ihn 1945 in Cambridge, ihrem neu gegründeten Kollektiv mit seiner Erfahrung Rückhalt zu verleihen. Damit war The Architects Collaborative (TAC) gegründet, das in den Folgejahren zu einem der größten US-Architekturbüros heranwuchs. Der junge Deutsche Arnold Körte, später Professor an der HfG Offenbach und TU Darmstadt, arbeitete dort zu Beginn seiner Karriere Anfang der 1960er-Jahre und schildert seine Erinnerungen nun in einem schmalen Band. Dieser lohnt, weil Körte als Zeitzeuge unersetzliche Einblicke in das Bürogeschehen von TAC gibt – eine Epoche, die ansonsten in Gropius-Biografien nur spärlich beleuchtet wird.

TAC, Wohnblock zur „Interbau“, Berlin 1955–1957, Foto aus: Nerdinger 1996

Insbesondere der deutschen Öffentlichkeit ist die Wahrnehmung von TAC als Kollektiv immer schwergefallen, weil der große Name Gropius alle Aufmerksamkeit auf sich zog – und die Ergebnisse als eher enttäuschend empfunden wurden, so der Wohnblock zur „Interbau“ im Hansaviertel, das Bauhaus-Archiv und insbesondere die „Gropiusstadt“, die sogar fälschlicherweise seinen Namen erhielt. Letztere konnte das Büro nur teilweise wie geplant umsetzen. Sowieso galten die Projekte in Deutschland bei TAC als „schwierig, mühsam, kontrovers, undankbar“, weil sie immer irgendwo hakten. Gleichzeitig war die Großwohnsiedlung aus der US-Perspektive attraktiv, weil sie einen Ausbruch aus der Planung für die dortigen, wenig dichten Suburbs ermöglichte.

TAC, Bauhaus-Archiv, Berlin 1976–1979, Foto aus: Lupfer/Sigel 2004

Körte räumt mit dem Missverständnis vom „väterlichen Gropius im Kreise seiner Jünger“ auf und betont den kollektiven Charakter des Arbeitens. Das Bauhaus spielte höchstens noch als Erbe aus vergangenen Zeiten eine Rolle. Die alten Debatten waren Gropius (nun genannt „Grope“) „lästig und weit weniger relevant als die tägliche, zukunftsgerichtete Arbeit“, beobachtete Körte. Auch die circa 30 Jahre jüngeren Partnerinnen und Partner trieben andere Fragen um, allen voran die Weiterentwicklung der Moderne. Formal reagierte TAC vorerst vor allem mit gestocktem Sichtbeton.

TAC, Boston Federal Office Building, Boston, Massachusetts 1961–1966, Foto: Arnold Körte

Der Alltag bei TAC ließ das kollektive Ideal bröckeln. Verschiedene Teams arbeiteten bis Mitte der sechziger Jahre über die ganze Stadt Cambridge verteilt. Zum Austausch trafen sie sich nur beim Jour Fixe, den Körte allerdings als „etwas Ritualisiertes“ empfand, sodass das Feedback meistens verpuffte. Hin und wieder pochte Gropius auf seine Autorität, indem er beispielsweise ausrief: „But I want the corners to be round!“ Den etwas kauzigen Eindruck, den Anekdoten wie diese hinterlassen, verfolgt Körte in seinen Aufzeichnungen nicht weiter, sondern blickt mit einer gehörigen Portion Verehrung zurück auf Gropius. Die Risse, die die Forschung inzwischen dem Bild des Genies zugefügt hat, bringt er nicht zur Sprache.

TAC, Classical Central Education Center, Providence, Rhode Island, 1963, Zeichnung: Arnold Körte

 

Vielschichtiger setzt sich Körte mit dem Aufstieg und Niedergang von TAC auseinander und reflektiert auch die Epochen, in denen er selbst nicht mehr Teil des Büros war. Die zentralen Schauplätze lagen in Nordafrika und Nahost. Nachdem sich TAC in den USA zunächst vor allem durch Schul- und Campusbauten auszeichnete, folgte 1957 der Auftrag für eine vollständig neue Universität in Bagdad, deren Entwürfe Körte zu TAC lockten, weil ihn die Anpassung der Moderne an das andere Klima faszinierte (Dachüberstände, brises soleil, Lamellen). Später zeichnete Körte dann selbst an einem ähnlichen Projekt für die Universität in Tunis und ergänzte die Architektur „mit ‚arabischen‘ Staffagen und vom Wüstenwind angewehtem Laub“. Dass er sich nah an der Grenze zur Folklore bewegte, wurde ihm bewusst, als er „im Hintergrund einer anderen Zeichnung noch gelbe Sanddünen und einen einsamen Kameltreiber unterzubringen“ versuchte. Der Projektleiter „war vor Ort gewesen und sagte, dass man dort genauso lebe wie in unseren Städten, mit Autos und modernen Errungenschaften.“

TAC, Universität Tunis, Bibliothek der juristischen Fakultät, 1964, Zeichnung: Arnold Körte

Diese Erfahrungen stehen im größeren Kontext stellvertretend für die nicht unproblematischen Versuche jener Jahre, die moderne Architektur des Westens zu exportieren. Eine Anpassung an lokale Spezifika war von den Verantwortlichen vor Ort oftmals gar nicht gewünscht, weil sie „schnell als patronizing attitude westlicher Architekten beargwöhnt wurde, die den Bauherren ihre erstrebte knallharte Moderne nicht gönnen wollten.“ Gleichzeitig wurde allerdings deutlich, „dass die Folgegeneration mit der reinen und abstrakten Internationale nicht mehr viel anzufangen wusste, eben weil im Prozess der Modernisierung alles Regionaltypische unterdrückt worden war.“ Darüber hinaus meldete einer der Partner, Ben Thompson, auch moralische Zweifel an der Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimen an, während Gropius „unverdrossen am Ideal einer besseren Gesellschaft festhielt, die durch seinen ganzheitlichen Ansatz zu reformieren sei“. An dieser Stelle wagt Körte auch Kritik, wenn er diese Haltung als „etwas zwiespältig und nicht immer ganz ehrlich“ bezeichnet, da Gropius „doch selbst durch ein solches Regime 1934 in die Emigration getrieben worden war.“ Außerdem sah er solche Aufträge als Quellen dringend benötigter Einkünfte.

TAC, Universität Tunis, Bibliothek der juristischen Fakultät, 1964, Foto: Archiv Körte

Aufgrund der politischen Lage blieben allerdings große Honorarzahlungen aus Bagdad und Tunis aus und die Projekte wurden nicht vollständig umgesetzt, was die Liquidität des Büros erheblich einschränkte. 1965 zog sich Gropius aus dem operativen Geschäft zurück, bevor er 1969 verstarb. TAC wuchs bis Mitte der achtziger Jahre weiter auf beinahe 400 Personen. Körte beobachtete jedoch, dass das Büro die unwirtschaftliche Seite seines kollektiven Arbeitens nicht in den Griff bekam und Schulden ansammelte. Den finalen Stoß versetzte TAC ein Großprojekt in Kuwait. Der aufstrebende Golfstaat unterzog sich einer radikalen Modernisierung, die mit dem großflächigen Abriss und der Neubebauung der Altstadt einherging, was einen aufgeheizten Immobilienmarkt lostrat. TAC beteiligte sich mit Verwaltungs- und kommerziellen Gebäuden. Zum Verhängnis wurde ihnen der Umbau eines Parkhaus-Kellergeschosses in Büros, da sich dort kriminelle Händler ansiedelten, um unregulierten Spekulationsgeschäften nachzugehen. Davon wusste TAC zwar nichts, doch „konnte sich die geschockte Öffentlichkeit schwer enthalten, in dem Szenario nicht auch den Niedergang von TAC als international hochangesehenes Architekturbüro gespiegelt zu sehen.“ Wegen dieses Reputationsverlusts und der anhaltenden finanziellen Schieflage schrumpfte TAC immer weiter – bis zum endgültigen Ende 1995. Ob dies nun unbedingt daran lag, dass „die führende und einigende Hand von Walter Gropius“ fehlte, wie Körte schließt, sei dahingestellt.
Maximilian Liesner

Arnold Körte: Begegnungen mit Walter Gropius in „The Architects Collaborative“ TAC, 192 Seiten m. 12 Farb- u. 115 sw-Abb., 24,90 Euro, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-7861-2792-5

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