Annette Rudolph-Cleff

Kontinuität und Bruch

Tendenzen der Stadtplanung nach 1945

Die Frage nach der zukünftigen Stadt und ihrer Gesellschaft hat auch die Architekten und Planer der Nachkriegszeit beschäftigt. Es ist sicher falsch zu denken, dass es für diese Generation vor uns auf den Flächen der Kriegszerstörung leicht war, Neues zu wagen. Die eklatante Wohnungsnot und der Handlungsdruck führten in der Phase des Wiederaufbaus dazu, dass unter diesem Begriff die unterschiedlichsten Maßnahmen von rekonstruktivem Wiederaufbau bis hin zum modernen Neubau gefasst wurden. Wohnungspolitik und Stadtentwicklung bildeten schnell ein sehr erfolgreiches Zweigespann, das sich vor die Siedlungsentwicklung in der Phase des Wiederaufbaus und der Großwohnsiedlungen spannte. Die reiche Tradition des sozialen Wohnungsbaus und die gebauten Beispiele der 1920er Jahre dienten als Modelle zur Orientierung, doch das Genossenschaftswesen und die Wohnreformbewegung waren durch die Gleichstellung in der Nazizeit vertrocknet und durch den Gleichheitsgrundsatz der Förderung in der jungen BRD auch nicht mehr wiederzubeleben. Der Glaubenskrieg zwischen den Traditionalisten und dem Neuen Bauen lebte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf. Heimatschutz und Werkbund fanden ihren Konsens in der gegliederten und aufgelockerten Stadt.

Städtebau war Teil des wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaftsmodells. Mit dem Wirtschaftswunder und der Vollbeschäftigung in den 1960er Jahren wurde der Glaube gestärkt, dass sich die Welt trotz politischer Probleme allumfassend planen lässt. Die Wohnungsunternehmen, allen voran die Neue Heimat mit Ernst May an ihrer Spitze, bauten auf ihrer Erfahrung auf und konnten schnell moderne Wohnsiedlungen realisieren, die für die Mittelklasse der Industriegesellschaft und ihre Kleinfamilien zugeschnitten waren. Die Faszination der Moderne wurde gefeiert bei der Interbau 1957 in Berlin, wo 53 Architekten aus 13 Ländern am Ende des Nachkriegswiederaufbaus das Hansaviertel neu gestalteten. Die Modernisierung und der Großsiedlungsbau präsentierten sich im Glanz.

Parallel entstanden im nationalen wie internationalen Kontext viele leuchtende Beispiele der Moderne, die neue Standards in der Qualität der Nachbarschaften und ihrer Wohnungen für zukünftige Projekte setzten, wie beispielsweise die organisch gebaute Sennestadt in Bielefeld (1954–1969) von Hans Bernhard Reichow und Fritz Eggeling, und die städtebaulichen Projekte von J. Darbourne und G. Drake mit Lilington Street (1964–1970) und Marques Road in Islington (1968–1976). Den Vorgriff auf zukünftige Entwicklungen wagte man in Toulouse-le Mirail von Candilis-Josic-Woods (1965–1972). In dieser Zeit entstanden auch beispielhafte Projekte im verdichteten Flachbau wie Puchenau von Ronald Rainer (1968–2000), die Baumgarten-Siedlung in Karlsruhe von Paul Schütz (1963–1968) oder die Siedlung Halen in der Schweiz von Atelier 5 (1959–1961). Die Liste lässt sich beliebig erweitern und zeigt, dass vielfältige Wohnquartiere als Stadtumbau, Stadterweiterung und als Neubausiedlungen in der Nachkriegsmoderne gebaut wurden, die ganz unterschiedliche Typologien hervorgebracht haben und bis heute ihre hohe Wohn- und Lebensqualität nachweisen.

Berlin, Hansaviertel IBA 57, Städtebauliche Rahmenplanung: Gerhard Jobst und Willy Kreuer, 1951 ff., Foto: Archiv

Berlin, Hansaviertel IBA 57, Städtebauliche Rahmenplanung: Gerhard Jobst und Willy Kreuer, 1951 ff., Foto: Archiv

Eine neue Phase sollte mit den Großsiedlungen unter dem Leitbild „Urbanität durch Dichte“ ins Leben gerufen werden. Mit dem Wettbewerb Elementa 72 wurden das Thema der Vorfertigung und des Massenwohnungsbaus vorangetrieben. Die Wachstums-erwartungen waren ungebrochen, auch wenn sich schon erste Anzeichen des sozio-ökonomischen Strukturwandels zeigten. Während die Wohnungen schnell gebaut wurden, scheiterte die Realisierung ergänzender Einrichtungen an der einsetzenden Rezession. Die Großsiedlungen der Siebziger wurden sogar noch im Wachstumsmodell der degressiven Förderung gebaut, so dass der Mittelstand schon kurz nach dem Erstbezug die Wohnungen wieder verließ, als die Mieten sprunghaft explodierten. Die Bugwelle der Sanierung drängte benachteiligte Bevölkerungsgruppen in die leerstehenden Wohnungen. Der moderne Massenwohnungsbau sollte sich als schwieriges Erbe erweisen, das wenig Möglichkeiten für Anpassungsfähigkeit, für Transformationen, für funktionale Veränderungen bot. Die monofunktionalen Siedlungen waren durch ihre Lage am Stadtrand schnell schon am Rand des städtischen Lebens und gesellschaftlicher Teilhabe. Das Erwachen aus technokratischem Optimismus und selbstverschuldeter Krise war schmerzhaft und sollte zum Ausstieg aus der Objektförderung in der Wohnungspolitik führen. Wo Staat war, sollte Markt werden.

Die Wende erfolgte zu Beginn der 1970er Jahre, zeitgleich mit Ölkrise und dem Bericht des Club of Rome. Die Planungskultur und die Zielvorstellungen veränderten sich grundlegend (Harlander). Im Mittelpunkt standen Sanierung und Umbau der Stadtkerne. Mit der Neubewertung historischer Stadtstrukturen und der Stadterneuerung setzte sich das Leitbild des behutsamen Stadtumbaus durch. 1975 wurde das Jahr des Denkmalschutzes. Die Architektur der Stadt (Rossi) stand im Fokus, gewann ihre stetigen Anhänger, während die Planung ihre Wunden leckte. Die Diskussion um die europäische Stadt und ihre Qualitäten nahm hier ihren Anfang und begleitet uns bis heute in einer weit gespannten Debatte über die richtige städtebauliche Form und die Qualitäten von öffentlichem Raum. In diesem Kontext scheint das Leitbild der kompakten europäischen Stadt immer wieder auf, gerne auch politisch und ideologisch gesetzt.

Die Umstellung der Wohnungspolitik auf die Subjektförderung und die Anfänge der Deregulierung des Wohnungsmarktes fielen zusammen mit einer Phase geringer Wohnungsbautätigkeit. Die Politik setzte auf den privaten Wohnungsmarkt und versprach in den 1980er Jahren noch über Steuererleichterungen im Eigenheimbau filtering-down-Optionen für freiwerdende Mietwohnungen. Seit Mitte der 1980er Jahre fielen mit dem Auslaufen der Darlehen die öffentlich geförderten Wohnungen aus ihrer (sozialen) Belegungsbindung und konnten als frei vermietbare und frei verkäufliche Wohnungen auf dem Markt platziert werden. Der kontinuierliche politische Ausstieg aus der Wohnungsbauförderung setzt sich bis heute fort. Stadtentwicklung und Wohnungspolitik werden nicht mehr parallel gedacht.

Georg Heinrichs und Partner, Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek

Georg Heinrichs und Partner, Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek

Nach der postmodernen Lässigkeit und der Addition von Einzelprojekten sollte die Planung langfristig kulturell gebundener Ziele mit dem Begriff der Nachhaltigkeit wieder an Bedeutung gewinnen. Die Stadtplanung in den 1990ern konzentrierte sich auf Sanierung des Gebäudebestands, die Entwicklung von militärischen und industriellen Konversionsflächen und die Konversion von regionaler Infrastruktur. Gleichzeitig war deutlich geworden, dass die Planungsleitbilder und die Realität immer weiter auseinanderlaufen. Die Gleichzeitigkeit von divergierenden Entwicklungen im städtischen Raum war offensichtlich. Die neuen Aufgaben erforderten neue Planungsstrategien. Mit der IBA Emscherpark im Ruhrgebiet und dem „Perspektivischen Inkrementalismus“ (Karl Ganser) wurde die Definition langfristiger städtebaulicher Leitbilder aufgegeben, der Schwerpunkt aber auf die Definition von Planungszielen gelegt, an denen sich die Einzelprojekte qualifizieren müssen. Parallel wurden die Entwicklungsziele in Berlin definiert und auch hier lag der Fokus auf allgemeinen Zielvorgaben, Projekten statt Programmen und auf überschaubaren Etappen. Für das Ruhrgebiet und für Berlin waren Werkstätten ein wichtiges Entwicklungselement der Bürgerbeteiligung. Beide Planungsprozesse zeigen jedoch auch, dass es der Verfahrenskreativität und der Verfahrenskultur durch gestaltende Köpfe bedarf.

Die planungsrechtlichen Instrumente hinken schon immer der Stadtentwicklung hinterher. Bestes Beispiel geben dafür schon das Bundesbaugesetz von 1962 und das Städtebauförderungsgesetz von 1971, die bereits bei Inkrafttreten als veraltet galten. Die Frage der Legitimation von Planung, der Mitbestimmung der Nutzer und der Bürgerbeteiligung ist schon seit Ende der 1960er Jahre virulent und gewinnt weiter an Bedeutung für Planungsverfahren, da das Ziel der Nachhaltigkeit auf gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen beruht. Die steigende Komplexität der Planungsverfahren selbst und der Anspruch an Rechtssicherheit haben die Suche nach Lösungen von Planungsaufgaben im letzten Jahrzehnt nicht erleichtert.

Die Moderne
Die städtebaulichen Konzepte der Moderne fielen zusammen mit dem Anfang des größten Stadtwachstums und lehnten bewusst geschichtliche Vorbilder ab, da sie diese in gesellschaftlicher Erneuerung suchten. Insbesondere die frühen Konzepte der 1920er und 1930er Jahre hatten einen hohen sozialen Anspruch und waren auch reinigende Ansätze, um sich von der Bilderflut des Historismus zu befreien. Der bewusste Verzicht galt sozialer Gleichheit und öffnete andere Optionen: Es ging zu diesem Zeitpunkt immer um mehr als das Wohnen, wie die beispielhaften Gemeinschafts-, Sport-, und Bildungseinrichtungen zeigten, die im Kontext dieser Siedlungen entstanden. Die städtebaulichen Konzepte der Moderne waren „gesellschaftspolitische Hoffnungs- und Experimentierfelder“ (Sieverts) und viele Projekte der Nachkriegszeit tragen diesen Charakter.

Die große Wohnungsnot der Nachkriegszeit hat das Thema des Wohnungsbaus weit in den Vordergrund gerückt. Die technokratischen Ansätze der 1960er und 1970er Jahre, immer schneller und immer mehr Wohnungen zu bauen, waren vor dem Hintergrund des Wohnungsfehlbestands ein hehres Ziel, aber sie reduzierten schematisch das komplexe Konstrukt städtischen Lebens und waren damit zum Scheitern verurteilt.

Josef Paul Kleihues, Sieben Essentials zum Rahmenplan für die Neubaugebiete der Internationalen Bauausstellung Berlin, oben: Zustand Berlin-Innenstadt West 1981, unten: Konzept zur Rekonstruktion der historischen Straßenzüge und der Blockrandbebauung

Josef Paul Kleihues, Sieben Essentials zum Rahmenplan für die Neubaugebiete der Internationalen Bauausstellung Berlin, oben: Zustand Berlin-Innenstadt West 1981, unten: Konzept zur Rekonstruktion der historischen Straßenzüge und der Blockrandbebauung

Im Blick zurück zeigen sich beide Ebenen der Moderne: ihre Geschichtlichkeit, wenn es sich um gebaute Utopien und von der Vergangenheit eingeholte Projekte handelt, und ihre Aktualität, wenn es um die Suche nach neuen Konzepten geht, für die es noch keine Vorbilder gibt. Auch heute wissen wir nicht, mit welchen Strategien wir auf die großen Herausforderungen an unsere Städte im 21. Jahrhundert antworten können. Was uns aber sicher fehlt, ist die Aufbruchstimmung, die noch die Generationen der Stadtplaner in die Moderne begleitet hat. Es ist ein konservatives Zukunftsbild, das uns begleitet, und uns bisweilen auch den Blick auf reale Entwicklungen und mögliche Lösungsansätze verstellt.

In unserer Arbeit geht es um Prognosen und Zukunftsszenarien, die entlang einer Zeitachse entwickelt werden. Es geht um Entwicklungen, die aus der Betrachtung der Vergangenheit für die Zukunft erschlossen werden können. Klimawandel, Alterung, Migration, Ressourcenende sind einige der Problemcluster, mit denen die Stadt im 21. Jahrhundert zu kämpfen hat. Reichen die Kräfte, um integrale Lösungen dafür zu finden?

Wie könnte eine Strategie dafür aussehen? Wie kann Nachhaltigkeit in Einklang mit der dynamischen gesellschaftlichen Veränderung in Einklang gebracht werden? Die Herausforderungen, vor die unsere Städte und ihre divergierenden Entwicklungen uns stellen, erfordert eine Verständigungsebene Stadt und die Revision unserer alten Konzepte. Es ist eine Frage unserer eigenen Glaubwürdigkeit, uns mit den dramatischen Entwicklungen im Stadtraum auseinanderzusetzen. Mit den alten Bildern werden wir die heutigen Städte und ihre Stadtentwicklung nur negativ beurteilen können. Man kann die Entwicklungsrichtung aber nicht umkehren, man läuft damit nur Gefahr, Ansätze zu anderen Qualitäten städtischen Lebens zuzudecken. Einseitige Leitbilder und Rezepturen, wie sie die Moderne und die Postmoderne hervorgebracht haben, verschärfen nur die Probleme. Wir wissen längst, dass die Stadt und die Stadtgesellschaft keinem einfachen und einheitlichen Modell folgen, sondern nur in differenzierten Fragmenten Teilordnungen finden.

Die Revision unserer Konzepte für Stadt und Landschaft war und ist überfällig. Dies gilt auch für die ökologische Debatte, die neu geführt werden muss. Schon am Beispiel der Zielkonflikte in der Nutzung von Frei- und Naturräumen wird deutlich, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit ökologischen Funktionen und Nutzungen auch zu einem neuen Verständnis von Landschaftsräumen führen wird.

Wir werden auch keine Stadt weiterdenken und weiterbauen können, ohne ein Bild von unser Gesellschaft zu formulieren. Der Blick auf die Stadt ist immer auch ein Blick auf uns selbst, auf unsere Lebenswelt und unseren Alltag, auf unser Leben als Individuum und unser Leben im Kollektiv der Gesellschaft.  Es bleibt die Frage, die schon André Gorz und Alain Touraine gestellt haben, nach den Möglichkeiten der räumlichen Entsprechung einer auf Öffentlichkeit angewiesenen Sozialgesellschaft. Die Frage nach Stadt ist die Frage nach ihren integrativen Kräften in der unabschließbaren Welt. „Vielleicht ist ein städtebauliches Leitbild im Zeitalter der Schwächung des Kommunalen, des Politischen überhaupt zugunsten des Marktes heute eine Utopie – aber ohne eine solche Utopie bleibt Stadtpolitik ohne Grund“ (Sieverts). Aber am Ende der Geschichte ist die Utopie als Stückwerk allemal zu verkraften.

Prof. Dr.-Ing. Annette Rudolph-Cleff studierte Architektur an der TH Karlsruhe und an der Ecole d´Architecture Paris-Belleville. Sie arbeitete nach dem Diplom (1991) bei Jean Nouvel in Paris und ab 1994 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Karlsruhe, an der sie 1995 mit Auszeichnung ihre Promotion ablegte. Seit 1994 ist sie freiberuflich tätig. Nach einer Vertretungsprofessur an der Bergischen Universität Wuppertal wurde sie 2006 an das Fachgebiet Entwerfen und Stadtentwicklung der Technischen Universität Darmstadt berufen. Sie ist in verschiedenen Forschungsprojekten tätig und leitet als akademische Direktorin den internationalen Master-Studiengang „International Cooperation in Urban Development – Mundus Urbano“ sowie seit 2013 das europäische Team des Wettbewerbs „Designing Resilience in Asia“.

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