Constanze Moneke, Martin Bredenbeck und Martin Neubacher im Gespräch mit Andreas Denk

Konzeptuelle Emotionalität

Projekt und Theorie III: Die Werkstatt Baukultur Bonn

Andreas Denk: Was will die Werkstatt Baukultur Bonn?
Constanze Moneke:
Die Werkstatt ist eine Fortsetzung der „Initiative Beethovenhalle“, bei der es darum ging, die Bonner Konzerthalle von Siegfried Wolske vor dem Abriss zu bewahren. Dabei haben wir viele Erfahrungen gesammelt. Anschließend haben wir am Kunsthistorischen Institut der Universität damit begonnen, aus anderen Studienabschnitten nach Nachwuchs zu suchen – und dabei festgestellt, dass es noch mehr Baustellen gibt, die wir beackern müssen. Unser Schwerpunkt ist die Vermittlung: Die Akzeptanz, die das (vor einigen Jahrzehnten) Neugebaute nicht genießt, kann durch Erklärung gewonnen werden. Es gibt niemanden, der das macht – also machen wir das.
Martin Bredenbeck:
Wir haben einen doppelten Baukulturbegriff. Einen faktischen, der fragt, was vor dreißig, vierzig Jahren und früher gebaut wurde – und einen operationalen, der danach fragt, was damit heute passiert. In beiderlei Beziehung sehen wir eine fehlende Diskussions- und Umgangskultur in Bonn mit Bauten aus diesem Zeitabschnitt – und die fordern wir ein.

Woher kommt die Sensibilität und das Interesse für die Bauten dieser Zeit?
Martin Bredenbeck:
Die Antwort: Von Hiltrud Kier. Sie war jahrelang Chefin der Kölner Denkmalpflege und lehrt am Bonner Kunsthistorischen Institut. Ihr Credo: Man muss nur lange genug Denkmalpfleger sein, um das zu schützen, was man einmal bekämpft hat. Das Betrachten von Sachen, sie erst einmal gelten zu lassen, nicht alles sofort abzulehnen, sondern aufgeschlossen zu sein für Weiterentwicklungen – das hat sie uns allen ins Herz gepflanzt, aus der Erfahrung heraus, dass auch sie für den Erhalt von Zeitschichten kämpfen musste, die einmal unpopulär waren.
Martin Neubacher:
Es ist die interessante Herausforderung, Kunstgeschichte weiterzuschreiben mit den Bauten, die noch nicht diese Wertschätzung erfahren, die aber qualitativ hochwertig und es wert sind, dass man sich mit ihnen eingehender beschäftigt. Die Institutionen, die dafür verantwortlich sind, zu bestimmen, was Denkmalwert hat, agieren oft aus einer schlechten Position heraus. Das ist auch ein Imageproblem. Für uns ist es deshalb eine Herausforderung, diese Positionen in anderen Formaten zu vermitteln.
Constanze Moneke:
Die Denkmalpflege wird personell und finanziell so ausgedünnt, dass die Gefahr besteht, dass vieles verloren geht, was unsere Generation als erhaltenswert betrachtet. Die ältere Generation ist viel rigoroser. Wir kommen gerade aus dem Studienalltag und sind noch gar nicht in den Positionen, zu entscheiden.

Woher speist sich der Fundus der Dinge, für die Sie sich einsetzen?
Martin Neubacher:
Man braucht nur den „Bonner Generalanzeiger“ aufzuschlagen und nachzulesen, was gerade „marode“ genannt wird.
Constanze Moneke:
Es ist tatsächlich der zweite Blick: Oft geht es um Bauwerke, für die jedes negative Klischee bemüht wird. Es kann aber nicht sein, dass alles nur alt, schlecht und hässlich ist.
Martin Bredenbeck:
Wir gehen offenen Auges durch die Stadt. Dabei haben wir bestimmte Vorstellungen von Qualität entwickelt: In Bonn gibt es viele Bauten der 1950er, 1960er und 1970er Jahre. Aus dieser Masse stechen einige mit höherem Anspruch heraus.

Heinle, Wischer &  Partner, Stadthaus, Bonn 1973 – 1978; Foto: Qualle

Heinle, Wischer &  Partner, Stadthaus, Bonn 1973 – 1978; Foto: Qualle

Was sind Ihre Qualitätskriterien? Können Sie sie an Beispielen erklären?
Martin Bredenbeck:
Es sind Ensemblecharakter, Einheit von Architektur und Ausstattung, städtebaulicher und stadthistorischer Anspruch…
Constanze Moneke:
…und die Qualität des Baumaterials. Viele Bauten der fünfziger Jahre beispielsweise wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Wenn man genauer hinschaut, sieht man hochwertige Glasmosaike, geschwungene Treppenläufe, Messing, Kupfer und Marmorfußböden – Materialien, die einmal teuer waren und es auch noch sind, heute aber nicht mehr wertgeschätzt werden, weil jeder sich im Baumarktambiente eingerichtet hat.
Martin Bredenbeck: Es muss wahrnehmbar sein, dass eine bewusste, absichtsvolle und durchdachte Gestaltung vorhanden ist. Das ist schwer zu objektivieren, aber man entwickelt ein Gespür dafür. Es geht um eine Idee dahinter, um das „gut Gemachte“.
Martin Neubacher:
Die Liste der Objekte in Bonn ist natürlich vergleichsweise herausragend – die Fülle der bemerkenswerten Gebäude erklärt sich vor dem Hintergrund der Konkurrenzsituation zwischen Bund, Universität und Stadt.

Diese Bauten gehören unmittelbar zu Ihrer Lebensumgebung, Sie sind damit aufgewachsen. Welche Rolle spielt Ihre eigene Lebenserfahrung?
Martin Bredenbeck:
Ein Bau, den ich sehr gemocht habe, ist das inzwischen abgerissene Leverkusener Rathaus, das 1977 eingeweiht wurde. Als 1977er-Jahrgang wurde ich kürzlich vom Arzt aufgefordert, Altersvorsorge zu betreiben – bei Menschen geht es um Pflege, bei den Bauten hingegen um Abriss. Man sollte auch Gebäude als heilbar empfinden.
Constanze Moneke:
Im Zuge der Diskussion um die Bonner Beethovenhalle wurde uns klar, dass wir jetzt die Bauten der Großeltern schützen, die unsere Eltern gerne abreißen möchten. Da sieht man die Generationsschichten – es muss immer etwas Zeit vergehen, damit eine Bauzeit anders bewertet werden kann. Irgendwann werden wir auch mit den Bauten der achtziger und neunziger Jahre konfrontiert werden. Und dann kommt wieder Hiltrud Kier ins Spiel, die gesagt hat, dass man immer wieder über seine Kriterien nachdenken muss.

Ein Zweifelsfall wie das Bonner Stadthaus hat unübersehbare Qualitäten. Sie werden heute kaum gesehen – immer noch trauern viele Bonner zwei Gründerzeitblöcken nach, die in den 1970er Jahren dafür planiert worden sind. Wie sehen Sie den Bau? Hat er Merkmale, die für seinen Erhalt sprechen – oder ist der Bau eine Wunde in der Stadt, die geheilt werden muss?
Martin Neubacher:
Wir setzen uns für den Erhalt des Stadthauses von Heinle, Wischer und Partner ein, weil wir das sehen, was heute da ist: ein hervorragendes kommunales Gebäude, das in der Konkurrenz zum Langen Eugen als Stadtkrone errichtet worden ist. Man führt derzeit eins der Erbsündeargumente gegen dieses Gebäude ins Feld: Aber die „tollen Gründerzeithäuser“, die dafür abgerissen wurden, waren Standardware des 19. Jahrhunderts in einem nicht besonders gut beleumundeten Quartier. Das Problem des Baus ist vor allem seine Insellage im Stadtgefüge. Ursprünglich war es Teil einer viel größeren Planung – und das bringt heute natürlich städtebauliche Probleme und argumentative Herausforderungen mit sich.
Constanze Moneke:
Der Bau funktioniert immer noch in seiner Aufgabe als Verwaltungssitz – in seinem Ausmaß, in seinen Proportionen. Alles, was man stattdessen bauen würde, hätte ähnliche Dimensionen und wäre in spätestens dreißig Jahren wieder umstritten.

Heinle, Wischer &  Partner, Stadthaus, Windkreuz im Lichthof, Bonn 1973 – 1978; Foto: MrOrwell

Heinle, Wischer &  Partner, Stadthaus, Windkreuz im Lichthof, Bonn 1973 – 1978; Foto: MrOrwell

In welchem Maße ist so ein Gebäude veränderbar, ohne gänzlich den Denkmalcharakter zu verlieren?
Martin Bredenbeck:
Gerade wenn es noch kein eingetragenes Denkmal ist, kann man über Nutzungen und Umbauten frei nachdenken. Beim Bonner Stadthaus gab es Überlegungen, wie man die Sockelzone besser in den Stadtraum einpassen kann. Die Stadtloggia von Thomas van den Valentyn ist ein etwas dünnes Ergebnis davon. Es gab Ideen, eine Blockrandbebauung herum zu legen und eine breite Freitreppe zu errichten – wunderbare Sachen, die die Vorstellung des Weiterbauens in sich tragen…

Bei einem radikalen Umbau oder Weiterbau passen die heutigen Kriterien des Denkmalschutzes kaum noch, oder?
Constanze Moneke:
Das liegt am Denkmalbegriff, der den letzten dreißig Jahren angehört. Jede Zeit braucht auch eine eigene Vorstellung davon, was ein Denkmal ist. Momentan gibt es sehr viele Wege in der Denkmalpflege. Wenn man sich mit dem Thema der Rekonstruktion auseinandersetzt, merkt man, wie sehr das Fach in sich gespalten ist. Der Denkmalbegriff muss ebenso für unsere Generation die Chance bekommen, neu gedacht zu werden.
Martin Bredenbeck:
Die Keule „eingetragenes Baudenkmal“ ist für die Sicherung des Bestands immer noch wichtig – aber wir müssen in der Vermittlungsarbeit eine Zwischenstufe finden. Ich frage mich deshalb, ob man alle Denkmalbegriffe unter ein Dach bekommt oder ob man interime Denkmalbegründungen braucht, die in 30 Jahren gegebenenfalls revidiert werden können. Ich könnte mir parallel existierende Denkmalbegriffe vorstellen, die sich über den Bild- oder Alterswert definieren. Oder wir könnten für verschiedene Denkmalgruppen verschiedene Pflegestufen einrichten. Vielleicht müssen wir die Kategorie „akzeptiertes Gebäude, intelligent weiterentwickelt“ ausrufen, die einen Erhalt ermöglicht, ohne dass das Gebäude de jure unter Schutz steht. Am Beispiel des Bonner Stadthauses hieße das, dass man sich überlegen muss, was das eigentliche Thema des Baus ist, das man bewahren will: Ist es das Bild der großen Dominante oder ist es die Aluhülle? Ist es die Glashülle oder lassen sich dort demnächst auch Solarpaneele applizieren?
Constanze Moneke:
Aber damit riskiert man die Innenausstattung, die bis zu den Teppichfliesen original ist. Das Stadthaus ist die Chance, ein Denkmal aus einer Zeitschicht zu konservieren, deren Zeugen rapide schnell verschwinden. Wenn man in einhundert Jahren nachvollziehen will, was in den siebziger Jahren hier gebaut wurde, müsste man dieses Bauwerk konsequent einfrieren.

Was halten Sie von der Idee von Denkmalinseln, die prototypisch an Teilen des Gebäudes deren ursprüngliches Aussehen bewahren?
Constanze Moneke:
Wenn wir Denkmalinseln einrichten, könnten wir auch ein Museum daraus machen. Es soll aber in Benutzung bleiben und kein Museum werden.

Damit kommen wir zur Gretchenfrage: Wir haben – noch – viel mehr Denkmale der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als wir erhalten können. Was machen wir mit dem Gros der Bausubstanz?
Martin Neubacher:
Das ist auch eine Frage der Finanzen. Die Denkmalfrage würde sich beispielsweise beim Bonner Stadthaus gar nicht stellen, wenn nicht Unterhaltungs- und Restaurierungskosten eine Rolle spielten.
Constanze Moneke:
Wenn es uns gelänge, eine breitere Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen, würden weniger öffentliche Gelder gestrichen werden. Wir müssen stärker in die Öffentlichkeit gehen und sie für die Gedanken der Nachhaltigkeit und des Erbes sensibilisieren. Wenn die Diskussion um die Architektur der sechziger und siebziger Jahre eine von der Bevölkerung getragene Debatte ist – und das war sie vor vierzig Jahren für frühere Bauten ja auch – sind die Finanzen eine andere Geschichte.
Martin Bredenbeck:
Wir versuchen eine intellektuelle Stimulanz: Als Kunsthistoriker können wir die Bedeutung des Gebäudes auf relativ abstrakter Ebene schätzen. Der Otto-Normal-Bonner braucht dafür ein sehr gutes Narrativ oder eine Bar. Wir müssen also fragen, wie wir emotionale Akzeptanz erzeugen können.
Constanze Moneke:
Die Argumentation muss fundiert emotionaler werden, weniger abstrakt. Und: die Nachhaltigkeitsdiskussion, soweit man sie auch fassen kann, spricht für den Denkmalschutz.

Glauben Sie, dass es tatsächlich ein gesteigertes Interesse der Bevölkerung an der Bewahrung des Stadtbilds und Stadtraums gibt, sofern er aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt? Werden Häuser aus den 1960er und 1970er Jahren als Teil einer „Heimat“ verstanden?
Martin Neubacher:
Heute gibt es wenig gesellschaftliche Initiative für den Erhalt von Siebziger-Jahre-Bauten. Kam in den Siebzigern ein Investor in die Stadt und wollte Gründerzeitgebäude abreißen, um eine Shoppingmall zu errichten, wurde dagegen demonstriert. Kommt er heute, wollen es alle. Die Akteure der Wirtschaft werden unhinterfragt als Heilsbringer wahrgenommen. Aber: Die Generation, die in den Fünfzigern geboren wurde, stellt nach Gesprächen mit uns mitunter fest, dass sie beispielsweise durchaus einen Bezug zum Stadthaus haben, das sie als Jugendliche gar nicht so schlecht fanden. Das ist der emotionale Zugang, den man schaffen muss. Das schafft Identität.
Martin Bredenbeck:
Heimat ist ein struktureller Begriff. Heimat ist da, wo man aufwächst und wo man sich engagiert. Leider wird er immer wieder einseitig trivialisiert: Heimat ist dann lediglich das Schöne – aber das trifft es nicht. Man kann eben auch das Stadthaus als Teil der Heimat sehen.

Da geht es nicht mehr um die Substanz des Denkmals, sondern um das Bild. Man könnte sich aber auch vorstellen, dass spezifische Stadtstrukturen oder Erscheinungsformen von städtischen Räumen als Denkmal städtischer Gesellschaft – unabhängig von der Architektur – schützenswert sind.
Constanze Moneke:
Das ist sicherlich bedenkenswert, denn es geht bei allen Diskussionen immer auch darum, ob man den Raum oder das Bild des Raumes erhalten will. Aber wenn wir anfangen, nur Bilder zu schützen und den Zeugniswert von (Original-)substanz ignorieren, können wir auch ein Gemälde aufhängen oder Pappmaché aufbauen.

Dr. (des.) Martin Bredenbeck (*1977), studierte Philosophie, Mittelalterliche und Neuere Geschichte, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; 2011 Abschluss der Dissertation in Kunstgeschichte bei Hiltrud Kier (Thema: „Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland“). Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Referent beim Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU). Bredenbeck hat Lehraufträge für Kunstgeschichte in Bonn und für Architekturgeschichte an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden und ist Gründungsmitglied der Initiative Beethovenhalle (Deutscher Preis für Denkmalschutz 2010) sowie der Werkstatt Baukultur Bonn.

M. A. Constanze Moneke (*1983) studierte von 2003 bis 2011 Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Neuere deutsche Literatur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; seit 2011 Promotion bei Hiltrud Kier (Thema: „Der Architekt Siegfried Wolske 19252005)“. Sie ist Mitbegründerin der studentischen Initiative Beethovenhalle (2010 Deutscher Preis für Denkmalschutz) und der Werkstatt Baukultur Bonn und übt eine Lehrtätigkeit an der Universität Bonn (Kunstgeschichte) aus. Seit Mai 2012 ist Constanze Moneke bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz tätig.

M. A. Martin Neubacher (*1985) studierte Kunstgeschichte, Neuere Geschichte und Christliche Archäologie in Bonn und Brüssel. Seit dem Magisterabschluss 2011 arbeitet er an seiner Promotion in Kunstgeschichte bei Hiltrud Kier über Campus-Universitäten in Nordrhein-Westfalen. Seitdem ist er in der Lehre an der Universität Bonn (Kunstgeschichte) tätig. Neubacher war 2009 Gründungsmitglied der Initiative Beethovenhalle und 2011 Gründungsmitglied der Werkstatt Baukultur Bonn.

Prof. i. V. Andreas Denk (*1959) ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift. Er lehrt Architekturtheorie an der Fachhochschule Köln, lebt und arbeitet in Bonn und Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge, Moderationen und Veranstaltungskonzepte.

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