kritischer raum

Ein schönes Bergwerk

Das Europäische Hansemuseum in Lübeck von Andreas Heller Architects and Designers, 2012–2015

Lübeck hat einen neuen kulturellen Kulminationspunkt: Das „Europäische Hansemuseum“ ist eine weitgehend unterirdisch angelegte Raumfolge, der große Teile des ehemaligen Dominikanerklosters angeschlossen sind. Den Entwurf fertigten Andreas Heller Architects and Designers aus Hamburg, die Finanzierung des 50 Millionen teuren Projekts leistete zu vier Fünfteln die Lübecker Possehl-Stiftung.

An diesem Objekt müssen sich die Geister scheiden, zumindest die von Architekten und Städtebauern. Doch: Das eine bedingt ja stets das andere – und umgekehrt. Städtebaulich ist der Entwurf von Andreas Heller und seinen Mitarbeitern ein großer Zugewinn für den bisher „unterbelichteten“ nördlichen Zipfel der Lübecker Altstadt westlich des pittoresken Burgtors. Ein großer Teil des ehemaligen Dominikanerklosters und späteren Gefängnisses wird nun der Öffentlichkeit eröffnet und durch eine gedeckte Monumentaltreppe mit dem nördlichen Arm des Travehafens verbunden – einem bisher zwischen Rotlicht- und Hafenmilieu changierenden Teil der Stadt.

Das Gelände liegt auf der wohl ältesten Siedlungsstelle Lübecks, wo zunächst eine slawische, dann eine dänische Burg die weiter südlich gelegene Inselsiedlung sicherte. Nachdem sich die Lübecker Bürgerschaft in der Schlacht bei Börghöved 1227 ihres dänischen Stadtherrn entledigt hatte, wurde die Burg geschleift. An ihrer Stelle durften sich die Dominikaner in der Hansestadt niederlassen. Deren Kloster wurde ab dem 16. Jahrhundert – also nach der Reformation – zum Armen- und Krankenhaus umgewidmet, teilweise auch an Pfründner verkauft. Schließlich inkorporierte man in den 1890er Jahren den Klosterkomplex in ein neues Gerichtsgebäude: Das Obergeschoss wurde durch ein Zellenstockwerk ersetzt, das auch einen Gerichtssaal aufnahm. Das gesamte Gebäude bekam damals eine neogotische Außenhülle aus hellrotem Backstein.

Diese Geschichte ist jetzt unmittelbar erlebbar: Von der Großen Burgstraße am Burgtor haben die Architekten einen Weg an der ehemaligen Burgschule vorbei auf den Kirchplatz geöffnet, an dem der Südflügel des Klosters und ein großes Beichthaus der Dominikaner aus dem 14. Jahrhundert liegen, das jetzt mit einem liebevoll ausgestatteten Café abschließt. Über den ehemaligen Gefängnishof am Eingang zum nun museal genutzten Kloster geht der Weg vorbei zu einer großen Treppe, die zum Hafen hinabführt, oder auf eine Terrasse, die den Blick auf die tiefer liegende Trave eröffnet und die im Sommer gastronomisch genutzt werden soll. Die Architekten haben hier eine Reihe historischer Spuren sichtbar gemacht: Der Querschnitt der 1818 abgerissenen Klosterkapelle auf dem Kirchplatz erscheint mit einer großen Tafel aus so genannter Baubronze (Kupfer, Zink, Mangan und Eisen) auf der heutigen Außenmauer, weiß gefasste Mauerabschnitte machen gemeinsam mit in den Boden eingelegten Streifen die Abschnitte der Freilufthöfe des ehemaligen Gefängnisses deutlich, deren Andeutungen jedoch klar einer anrührenden Skulptur der Künstlerin Kiki Smith unter einem Zeugenbaum unterlegen sind. Das gewaltige neue Tor im Durchgang zwischen Bethaus und Kloster und der neue Eingang zum museal genutzten Kloster werfen ganz allgemein die Frage auf, ob es sich bei diesen etwas grob wirkenden architektonischen Eingriffen um den richtigen Einsatz der falschen Mittel handelt – oder umgekehrt. Die Antwort bleibt wohl der naturgemäßen Alterung der Materialien vorbehalten.

Auf der architektonischen Haben-Seite überzeugt die sorgfältige Wiederherstellung der ehemaligen Klosterräume, die einerseits selbst zum Exponat des neuen Hansemuseums geworden sind, andererseits auch einzelne Abteilungen der archäologisch-musealen Präsentation aufnehmen: Die „Lange Halle“ der Dominikaner aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ist per se der schönste Raum des Ensembles. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Terrassierung des Kirchplatzes, der ehemalige Gefängnishof, die Terrasse neben der Treppe und eine am Hang angelegte Bastion mit einer schönen Baumstellung einen malerischen Parcours durch die Geschichte des Geländes ermöglichen und damit den Bestand sinnvoll erschließen.

Dieser positive Bescheid betrifft auch die große Treppe selbst: Sowohl von der Terrasse vor dem Kloster wie vom Treppenfuß an der Untertrave bietet sie eine schöne Perspektive, die sich durch den in Licht und Schatten changierenden Farb- und Reliefwert des Ziegels eindrücklich der Erinnerung einprägt. Auf halber Höhe des Treppenlaufs befinden sich Ein- und Ausgang zum eigentlichen Museum. Das Entrée ist funktionalen Einheiten zugeordnet. Zur Linken liegen Garderobe, Kassentheke und ein erstes, ins Thema der Hanse einführendes Display, an dem die Eintrittskarten erprobt werden können: Sie haben nämlich gleichzeitig die Funktion eines elektronischen Schlüssels, mit dem weitere Informationseinheiten der Ausstellung gesteuert werden können. Zur Rechten leiten etwas unkoordiniert Verkaufstische über zum Museumscafé, das neben einer aufwendigen Ausstattung einen schönen Ausblick auf den Travehafen offeriert.

Der Eingang in die unterirdisch gelegenen Ausstellungsräume fällt profan aus. Zwar lässt sich von einer Brücke ein Blick in die Tiefe des Raums und damit auf eine Sequenz der ergrabenen Stadtschichten werfen. Zu schnell jedoch bringt ein Aufzug die Besucher auf das Null-Niveau der Anlage, das ebenfalls von Andreas Heller eingerichtet wurde. Immerhin legt hier ein beleuchteter Weg eine spektakuläre Spur zwischen den Ausgrabungsinseln mit Spundwänden, Wasserreservoirs, Siedlungsspuren und Burgresten, die bis in slawische Zeit zurückreichen. Doch werden diese historischen Spuren schon im nächsten Raum überlagert durch ein raumfüllendes Diorama, das ein Flussufer mit frühen Hansekoggen erlebbar werden lässt. Solche Dioramen wechseln mehrfach ab mit Informationsräumen, in den einige wenige Originale und eine ganze Reihe von Repliken allgemeine und besondere geschichtliche Momente der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handelsorganisation sichtbar werden lässt. Dank der kavernenartigen Anlage der Museumsräume verliert sich die Orientierung in den dunklen Räumen recht zügig – und der Besucher ist überrascht, nach dem Aufstieg über eine steile Treppe plötzlich in einem bedeutungslosen Raum und damit am Ausgang des Museums angekommen zu sein.

Es bleibt der endgültige Abstieg über die große Treppe zur Straße „An der Untertrave“: Hier eröffnet sich der Blick auf die Ziegelschale, die der unterirdischen Raumfolge vorgesetzt ist und die den Eindruck der archäologischen Schichtung des Lübecker Burghügels handgreiflich vor Augen führen soll. Mehrere unterschiedliche Ziegelverbände sollen hier in vertikaler Schichtung die Geschichte des Ortes symbolisieren. An der Südecke der Wand wird sogar ein ornamental verklinkertes Giebelhaus ausgebildet, das ganz gut den Übergang zum kleinteiligen Hausensemble in der Fährstraße bewerkstelligt. Doch zurück bleibt ein ambivalenter Eindruck: Die Massivität der Wand an der Untertrave verspricht ein ganz anderes, massives und tektonisch aufgebautes Gebäude als die Erlebniswelt unter Tage schließlich einlöst: Die reale Architektur ist hier genauso szenographisch geworden wie die Simulationen der mittelalterlichen Hansestadt im Museum selbst. Halbwertzeit: unbekannt.

Andreas Denk

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