Buch der Woche: Gion A. Caminada und Florian Aicher im Gespräch

Landjäger und Strickbau

Um die Architektur Gion A. Caminadas ist in den letzten zwanzig Jahren ein regelrechter Hype entstanden. Erste Publikationen der Bauten in Vrin, dem Heimatort des Architekten, reichte man sich in den frühen 2000er Jahren wie kostbare Schätze weiter – glücklich, wer eines jener Büchlein sein eigen nennen konnte. Rückblickend erscheint die damalige und an vielen Orten aufblühende Rückbesinnung auf lokale Bautraditionen wie ein erstes, weil gebautes, manifestiertes Zeichen von Globalisierungsmüdigkeit. Müdigkeit, nicht Kritik, weil sich seitdem trotzdem viele aufmachten, in aller Herren (und Frauen) Länder, ausgestattet mit global produzierten Kleidungsstücken, Kameras und Smartphones, um diese jeweils unterschiedlichen Blüten einer Architektur in Augenschein zu nehmen, die inzwischen als Fortschreibung des „kritischen Regionalismus“ – wie ihn der Kenneth Frampton oder der Philosoph Paul Ricœur benannt haben – subsumiert wird.

Vrin mit Ställen und Metzgerei (Sut Vitg) im Vordergrund, Totenstube (Stiva da morts; links neben der Kirche) und Wohnhaus Caminada, Foto: Lucia Degonda

Vrin ist ein kleiner Ort in der Region Surselva im Schweizer Kanton Graubünden. 2012 zählte er 242 Einwohner. In den 1980er Jahren schien Vrin dem gleichen Schicksal wie viele andere Orte in den Alpen geweiht zu sein: die jungen Menschen zogen weg, Gemeinden suchten ihr Heil der Kommerzialisierung der Natur, um die Regionen touristisch attraktiver zu machen. In Vrin aber steuerte die Dorfgemeinschaft diesem Trend entgegen. Eine Stiftung wurde gegründet, die Bewohner kauften das freie Bauland auf und entzogen es so der Spekulation. Wiesen wurden zusammengelegt, eine Genossenschaft gegründet und ein Metzgereibetrieb angesiedelt. Es kamen wieder neue Bewohner hinzu, Gebäude wurden in Maß und Material dem historischen Ort entsprechend neu gebaut. Für diese Dorferneuerung erhielt Vrin 1998 den mit 20.000 Franken dotierten Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes.

Gion A. Caminada, Totenstube (Stiva da Morts), Vrin, Schweiz 2002–2003, Foto:

Wer nun verstehen will, wie der Sohn einer Bauernfamilie aus Vrin zunächst zum Tischler, dann zum Architekten und schließlich zur Symbolfigur für architektonisches Engagement und die Weiterentwicklung tradierter Bau- und Konstruktionsformen wurde, findet in „Gion A. Caminada. Unterwegs zum Bauen“ aufschlussreiche Hintergrundinformationen. Im Gespräch mit Florian Aicher, der auch als Herausgeber des im Birkhäuser-Verlag publizierten Buches fungiert, erzählt Caminada da etwa von seinem Leben als Vieh hütender Sohn der Familie, dem aus Geldmangel nur ein halber Landjäger, jene harten Mettwürste, die damals populär wurden, pro Tag zur Verfügung stand, wie sich die Dorfgemeinschaft nach den Jahreszeiten und den topografischen Bedingungen richtete, oder welche Arbeiten wann und wie zu verrichten waren.

Gion A. Caminada, Waldhütte Tegia da vaut, Domat / Ems, Schweiz 2009–2013, Foto: Ralph Feiner

Dabei werden nicht nur interessante Aspekte im gebauten Werk des Architekten und Hintergründe zu Projekten beleuchtet, sondern für die Denkweise Caminadas ausschlaggebende Dinge benannt. Die Wertigkeit von Materialien etwa, das Verständnis für Konstruktionen wie dem hiesigen Strickbau oder der Wunsch, nicht immer alles rein technisch erklären zu wollen. Zwar ist die Vielzahl der Zwischenüberschriften im Text etwas verwirrend – vermitteln sie doch den Eindruck, ab und an Gesprächsabschnitte etwas wahllos in ein Thema pressen zu wollen –, doch die Form der dialogischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Gesprächspartnern ist hochgradig aufschlussreich. Wunderbar unterstützt wird das durch kleine Illustrationen und Fotografien, die wie grafische Anmerkungen den Text begleiten. Durch die kurze und fundierte Einleitung von Francois Burkhardt und die dem eigentlichen Gespräch vorangestellte Fotoserie von Petra Steiner wird das Buch schließlich angenehm abgerundet.

David Kasparek

Florian Aicher (Hrsg.): Gion A. Caminada. Unterwegs zum Bauen. Ein Gespräch über Architektur mit Florian Aicher, 160 S., 99 Abb., Birkhäuser, Basel 2018, 29,95 Euro, ISBN 978-3-0356-1540-1

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