tatort

Merkwürdige Begegnungen an der Schnittstelle

Auch in dieser Ausgabe suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 26. September 2014.

Der „tatort“ liegt an der Stelle einer 1955 abgerissenen ruinösen Villa in einem Landschaftspark an einem großen Fluss. Ein hoher Amtsträger verschaffte hier einem befreundeten Architekten, dem er bereits sein eigenes Haus verdankte, den Auftrag zum Bau eines repräsentativen Dienst- und Wohngebäudes für seinen Vorgesetzten. Kurze Zeit später durfte er selbst für mehrere Jahre in den Neubau einziehen, den der bayerische Baumeister für zwei Millionen Mark als Stahlskelettbau mit Punktstützen und Flachdach entworfen hatte. Nicht zuletzt aus Fragen internationalen Prestiges des zukünftigen Bewohners knüpfte der Architekt konzeptuell und formal an Bauten der klassischen Moderne an. Das Gebäude entwickelt sich auf einem Grundriss in der Form zweier unterschiedlich großer, ineinander geschobener Quadrate mit ebenfalls quadratischen Atrien. Im größeren Bauteil hat der Architekt durch versenkbare Wände veränderbare Empfangs- und Speiseräume und das Arbeitszimmer des Amtsträgers untergebracht. Der zweite, kleinere Gebäudeteil nimmt die angesichts der bedeutenden Funktion des Bauwerks bescheidenen Wohn- und Schlaftrakte der Bewohner auf, verfügt jedoch über Zimmer für Bedienstete und Wachpersonal sowie eine große Küche, die zur Verköstigung auch größerer Gesellschaften ausgestattet wurde. Stahl, Glas und Ziegel bestimmen den äußeren Eindruck des Gebäudes. Travertin am Boden, brasilianische Kiefer unter der Decke, monochrome Teppiche und Holzeinbauten zeichnen bis heute das Innere, das Anregungen aus dem modernen dänischen Design nicht leugnen kann. Dennoch war der Amtsinhaber, unter dessen Ägide das Gebäude entstand, so erbost, dass er dem Architekten zehn Jahre Gefängnis wünschte. Seine Nachfolger waren mitunter kulanter, nutzten das Gebäude aber nach eigenem Geschmack und gaben ihm eigene oder offiziöse Zutaten. So stattete einer der späteren Amtsinhaber den Bau mit Stilmöbeln und mittelalterlicher Kunst aus. Der vorletzte offizielle Bewohner verbrachte von allen Kollegen die längste Zeit am „tatort“ und ließ sogar einen Halogen-Sternenhimmel im Esszimmer anbringen. Er durfte während der Dienstzeit seines Nachfolgers den Wohntrakt weiternutzen, obwohl er ihn angesichts eigener Leibesfülle als „absurd“ empfand. Die Anwesenheit des ehemaligen und gegenwärtigen Amtsinhabers indes soll zu merkwürdigen Begegnungen an der Schnittstelle zwischen repräsentativem und privatem Bereich geführt haben. Nach einer grundlegenden und sehr sorgfältigen Sanierung durch eine Stiftung hat das Gebäude mit seiner anekdotenreichen Geschichte heute nur noch Denkmalfunktion. Derzeit macht es in einem anderen Kontext in Italien Furore.

Der „tatort“ der Ausgabe 3_2014 waren die Städtischen Bühnen Münster. Das Theater wurde zwischen 1952 und 1956 von den Architekten Harald Deilmann, Max Clemens von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau entworfen und gebaut. Gewinner des Buchpreises ist Daniela Kaufmann aus Weimar.

Foto: Andreas Denk

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2 Gedanken zu „Merkwürdige Begegnungen an der Schnittstelle

  1. Die dramatis personae im Tatort vom 19.08.2014 sind der Bauherr / „Vermittler“ Ludwig Erhard und das BDA Mitglied Sep Ruf. Ort des Geschehens war die Stadt Bonn am Rhein, zum Zeitpunkt der Tat Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, Tatzeit 1963 – 64. Verbliebenes Deliktindiz ist das Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers eben dieser Bundesrepublik, vulgo „Kanzlerbungalow“ genannt. Ca. 10 Jahre zuvor hatte das Duo Erhard / Ruf bereits das private Wohnhaus des Erstgenannten am Tegernsee gebaut. Ludwig Erhard war nicht nur ein guter Ökonom sondern auch ein gebildeter Mensch mit einem sehr zeitgemäßen Architekturgeschmack, mit dem er, wie sich zeigte, allen anderen, auch zukünftigen, Amtsinhabern um mindestens ein halbes Jahrhundert voraus war.

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