Clemens Nuyken, Christoph von Oefele, N-V-O Architekten BDA, München

neu im club

Jenseits des Diktats

„Anfangs dachte ich auch, das sei eine Sekte.“ Clemens Nuyken muss lachen, wenn er an seine ersten Eindrücke im Studium bei Miroslav Šik an der ETH Zürich zurückdenkt. „Aber nachdem ich andere Ansätze gesehen hatte und später wieder bei ihm war, habe ich einiges für unser heutiges Arbeiten mitgenommen – allein das Bewusstsein für die unterschiedlichen Anforderungen an das Bauen im städtischen im Vergleich zum ländlichen Kontext.“ Dennoch fühlen weder er noch sein Büropartner Christoph von Oefele sich in ihrem architektonischen Handeln von Šik im klassischen Sinne ‚geprägt’.

Von Oefele betont vielmehr die Wichtigkeit der Öffnung für anderes in der eigenen Arbeit: „Was formale Fragen anbelangt, herrscht bei uns im Büro eine große Freiheit. Nur hinsichtlich der Proportionen sind wir kompromisslos: die sind entscheidend und müssen gut sein.“ Und Nuyken ergänzt: „Bauen ist immer eine Teamarbeit, und je nachdem wie dieses Team besetzt ist, können die Ergebnisse eben sehr unterschiedlich ausfallen.“ Formale Gleichheit und Wiedererkennbarkeit der Projekte spielt für beide keine Rolle. Wichtiger als eine solch ablesbare ‚Handschrift‘ ist beiden der Weg zum Projekt. Um die eigene Strategie und den Prozess zum gebauten Werk zu überprüfen, haben sich die Architekten vor einiger Zeit zehn Regels als Leitfaden für das Handeln im eigenen Büro N-V-O Nuyken von Oefele Architekten BDA gegeben – veröffentlicht in einer Publikation im Rahmen des 2013 gewonnenen Förderpreises der Landeshauptstadt München.

N-V-O mit Jürgen Stoppel, Haus W, Lauterbach 2010, Foto: N-V-O

In diesen Leitsätzen, die beide als undogmatisch verstanden wissen wollen, spiegelt sich auf unterschiedlichen Ebenen die Haltung des Büros wider. Es geht um den Umgang mit Materialien, um Mensch und Natur, sowie um die Rolle der Architektur im Verhältnis zu beidem. Harte Faktoren wie Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit der Konstruktion auf veränderte Anforderungen der Nutzer, oder die Reduktion technischer Systeme finden sich hier ebenso wie weiche Eigenschaften, wenn Nuyken und von Oefele die Schönheit eines Hauses gleichermaßen benennen, oder die Leidenschaft, die es beim Entwerfen, Benutzen oder Altern wecken müsse.

Christoph von Oefele selbst spricht von einem spielerischen Ansatz, wenn im ‚Satz 9‘ erläutert wird, dass dem Bauherrn, einem Künstler oder den Architekten selbst zugesprochen wird, mindestens ein Detail am Bauwerk eigenhändig umzusetzen. Geboren wurde die Idee bereits, als von Oefele noch als Projektleiter bei Baumschlager Eberle tätig war. Bei einem reinen Sichtbetonbau weigerte sich damals das Betonbauunternehmen, die hinterschnittene Schalung eines Handlaufs auszuführen, da diese zu kompliziert und langwierig auszuschalen sei.

N-V-O, Hackschnitzelheizhaus, Straubing 2008, Foto: N-V-O

Von Oefele überzeugte das Unternehmen schließlich mit dem simplen Argument, man würde das Ausschalen von Seiten des Büros dann eben selbst übernehmen. Gesagt, getan: An einem Wochenende rückte er mit Mitarbeitern des Büros auf der Baustelle an und führte die Arbeit eigenhändig aus. Die Dynamiken im Team und die Verbundenheit, die dadurch mit dem Bau entstünden, seien durch nichts zu ersetzen, so der Architekt, weshalb das „Selber-machen“ seit Gründung des eigenen Büros auch auf der Agenda von N-V-O stehe. So wurde etwa beim Neubau des Nebengebäudes für eine Hackschnitzelheizanlage die Lochstruktur der Fassade von den Architekten und ihrem Team selber geschnitten. Das Ergebnis, so die beiden Planer einhellig, sei eine sehr hohe Identifikation der späteren Nutzer und Bewohner mit ihren Häusern.

Dennoch wollen Nuyken und von Oefele diese Punkte als Handlungsstrategie begriffen wissen, die vor allem auf Beobachtungen der Natur und ihrer Phänomene fußt, und nicht als eigenes Theorem. Die Wichtigkeit, die sie in ihrem Büro der Schönheit sowie der Materialbehandlung und -alterung beimessen, kommt eher aus ihrem Verständnis von Materialgerechtigkeit als von theoretischen Texten zum Thema. Um die Schönheit von in Würde gealterten Materialien zu begreifen, so die beiden Architekten, bedürfe es nicht unbedingt der Kenntnis des japanischen Wabi Sabi. Wenn Materialien ökologisch und nachhaltig seien, und schließlich so verarbeitet würden, dass sie gut altern dürften, ergäben sich auch klare Parameter für bestimmte Details und Ausführungen. „Dabei sind wir eigentlich immer auf der Suche nach neuen Lösungen“, so von Oefele – sowohl was Details anbelangt, als auch vorgefertigte Produkte spezialisierter Hersteller. Und so ziehen Clemens Nuyken und Christoph von Oefele aus der Beobachtung der Natur ihre eigenen Schlüsse und übersetzen sie mit dem Wunsch nach wohl proportionierten atmosphärischen Räumen in eine stets individuelle Architektursprache, jenseits von Form- oder Materialdiktat.
David Kasparek

www.n-v-o.com

neu im club im Glashaus des DAZ
Gespräch mit N-V-O:
28. August 2014, 20 Uhr
Werkschauprojektion:
29. August – 10. Oktober 2014
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin
www.daz.de

neu im club wird unterstützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

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