neu im club

Anspruch und Haltung

Stephanie Hambsch und Philipp Dury, dury et hambsch architektur BDA,
Landau i. d. Pfalz

„Ja, das ist es dann…“ Mit einladender Geste bittet Philipp Dury mich herein. Entschuldigend fügt er an: „Die Tür ist ein Provisorium. Das eigentliche Türelement wird gerade beim Schreiner unseres Vertrauens aufgearbeitet.“ Dahinter betreten wir eine Baustelle, die schon jetzt erahnen lässt, dass hier einmal eine schöne Eingangshalle sein wird. Wir befinden uns in einem der Bürgerhäuser an der Landauer Ringstraße. Der ursprüngliche Entwurf des zweigeschossigen gründerzeitlichen Hauses stammt von Arndt Hartung. Wie viele andere deutsche Städte entledigte sich auch Landau in der Pfalz nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges im Jahre 1871 seiner Festungsanlagen. Im Bereich der geschliffenen Stadtmauern entstanden Ringstraßen und an ihnen eine homogene Stadterweiterung.

Im ersten Stock des freistehenden Eckhauses hatten Stephanie Hambsch und Philipp Dury bereits vor einiger Zeit mit ihrem Büro Quartier bezogen. „Damals waren das noch drei Einheiten: eine kleine Wohnung und die Räume einer Anwaltskanzlei“, erklärt Dury. Klangfarbe und Melodie seiner Stimme lassen erkennen, dass er ein Kind der Region ist. Im Laufe der Zeit seien dann aber zuerst die Anwälte und schließlich die Bewohner der Wohneinheit ausgezogen. So ergab sich die Möglichkeit, die komplette Etage zu erwerben und neben dem Büro hier auch die privaten Wohnräume einzurichten. „Die räumliche Nähe finde ich super,“ sagt Dury. „Wir sind ohnehin täglich viele Stunden im Büro – und so fallen die Zeiten, die wir für die Wege zwischen Büro und Zuhause aufbringen müssten, weg. Passt!“

Nicht nur das, auch die Lage in der Stadt und die Innenräume „passen“. In einer Art privaten Archäologie bauen die beiden jungen Architekten nun gemeinsam mit einem befreundeten Handwerksbetrieb all die Einbauten zurück, die im Laufe der Jahrzehnte die Originalsubstanz ergänzten. „Spannend ist das“, befindet Stephanie Hambsch. Deutlich treten nun in den Baustellenräumen die einzelnen Zeitschichten zutage. „Nach der x-ten Schicht Tapete kamen diese floralen Muster zum Vorschein,“ erklärt die in Bruchsal geborene Architektin. Und so analysieren die beiden die Substanz, schließen von Fensterformaten und Raumhöhen auf die ursprüngliche Funktion der Räume. „Ich war mir sicher, dass hier ein Terrazzoboden liegt,“ führt Hambsch aus. „Irgendwann kam dann der Handwerker an und meinte, er habe unter Teppich und Laminat wieder nur Teppich gefunden – aber keinen Steinboden. Ich aber war mir sicher. Wir haben dann spät abends, schon im Dunkeln, noch einmal selbst angefangen zu suchen…“ Ihr Partner fügt lachend hinzu: „…mit Spachtel und Modellbau-Cutter!“ Und in der Tat – irgendwann lugte tatsächlich der historische Steinboden hervor: „Hier war mal ein Bad.”

dury et hambsch architektur BDA, Umnutzung Scheune, Göcklingen 2017 ff., Schnitt, Abb.: dury et hambsch

dury et hambsch architektur BDA, Umnutzung Scheune, Göcklingen 2017 ff., Schnitt, Abb.: dury et hambsch

Die praktische Arbeit mit den eigenen Händen sei das, was sie letztlich zur Architektur gebracht habe, erklärt mir Stephanie Hambsch beim anschließenden Gang durch die Stadt: „Ich habe früher schon gerne gezeichnet, gebastelt, oder im Wald Hütten gebaut.“ Diese Freude am Haptischen gibt es bis heute. Die Arbeit auf der Baustelle und das gemeinsame Suchen und Ringen mit den Handwerkern nach der besten Lösung im Detail machen für sie einen gewichtigen Teil der Qualität des Berufs aus.

Kennengelernt haben sich Hambsch und Dury zum Ende ihres Studiums an der FH Kaiserslautern. Stephanie Hambsch arbeitete in der Folge bei Architekturbüros in Blieskastel und Karlsruhe, Philipp Dury zog es nach Stuttgart, wo er bei UN Studio an der Realisierung des Mercedes-Benz-Museums mitarbeitete. „Das war eigentlich auch nicht vorstellbar, wenn man deine Entwürfe aus dem Studium kennt,“ sagt Stephanie Hambsch augenzwinkernd. „Da war alles immer ganz straight und orthogonal.“ Die Erfahrungen, in ein solch großes Projekt und eine große Bürostruktur eingebunden zu sein, möchte Dury bis heute nicht missen: „Auch räumlich ist das hochgradig spannend. Und es hat mich immer an den Helden meiner Studienjahre erinnert: Louis Kahn.“

dury et hambsch architektur BDA, Neues Wohnen in Chorweiler Nord, Landeswettbewerb, Köln 2015, Abb.: dury et hambsch

dury et hambsch architektur BDA, Neues Wohnen in Chorweiler Nord, Landeswettbewerb, Köln 2015, Abb.: dury et hambsch

Nach dieser praktischen Erfahrung zog es den gebürtigen Landauer dann erneut an die Hochschule. „Dabei war für mich klar, dass es ein Akademie-Studium sein soll.“ In Düsseldorf bei Axel Schultes, Max Dudler und Laurids Ortner fand Dury, was er suchte. Das Paar siedelte ins Rheinland, Stephanie Hambsch sammelte weitere praktische Büroerfahrung bei v-architekten in Köln. Der Ankauf ihres Wettbewerbsbeitrags für die Landesgartenschau in Landau führte die beiden schließlich wieder in die Pfalz. Auch wenn sie sich vom Ergebnis der städtebaulichen Umsetzung enttäuscht zeigen, war es doch der Kick-Off für die eigene Bürogründung 2011.

Neben Neubauten ist es seitdem auch der Einsatz für die Architektur vor Ort, die die Arbeit des Büros dury et hambsch prägt. Vernetzt mit Künstlern, Architekten und einigen Aktiven vor Ort wurde eine Initiative zum Erhalt des historischen „Haus zum Maulbeerbaum“ in der Landauer Kernstadt gestartet. Stephanie Hambsch und Philipp Dury haben im Rahmen einer Machbarkeitsstudie Erhalt, Weiter- und Umnutzung des Hauses aus dem 16. Jahrhundert nachgewiesen. „Die Stadt ist hier kurz davor gewesen den Abriss in Erwägung zu ziehen und den gleichen Fehler in einem Block gleich zweimal zu begehen,“ erläutert Hambsch kopfschüttelnd. Das Ergebnis dieser kommunalen Kurzsichtigkeit zeigt sich weniger Meter weiter, wo eine maximal aussagelose Bebauung entstanden ist, die an einigen Fassadenmotiven einen verzweifelt wirkenden Versuch der Annäherung an die historische Umgebung aufscheinen lässt, ansonsten aber hinter dünnen, vorgehängten Steinplatten und Wärmedämmverbundsystem in Bedeutungslosigkeit versinkt.

Bei Kaffee und Nussschnecke erzählen die beiden Architekten später davon, wie schwer die zu leistende Überzeugungsarbeit in solchen Fällen oft ist. „Ich bin dabei meistens die optimistischere von uns beiden,“ grinst Hambsch, während Dury lachend hinzufügt: „Stimmt schon. Ich erinnere mich in meinem Fatalismus manchmal an meinen Hochschullehrer Schultes.“

dury et hambsch architektur BDA, Kindertagesstätte, Reinsdorf, Wettbewerb 2011, Modellfoto: dury et hambsch

dury et hambsch architektur BDA, Kindertagesstätte,
Reinsdorf, Wettbewerb 2011, Modellfoto: dury et hambsch

Gemeinsam mit einem befreundeten Künstler versuchen die beiden derzeit, in einer Nachbargemeinde eine städtebauliche Planung zu beeinflussen. „Es ist oft erschreckend, mit wie wenig Anspruch da agiert wird,“ konstatiert Dury. Ganz unten müsse man dort anfangen und Schritt für Schritt ein Bewusstsein für Stadt und Architektur schaffen. Zupass kommt Hambsch und Dury dabei sicherlich, dass sie die Sprache der Menschen vor Ort sprechen. Sie wissen, wie sie lokal verwurzelte Protagonisten ansprechen müssen. „Auch wenn uns die richtige Anbindung fehlt. Wir waren halt hier in den letzten 15 Jahren nicht im Fußballverein…“.

Doch schon jetzt zeigt sich, dass der hohe Anspruch der Architekten an ihre eigene Arbeit wie auch an die Handelnden vor Ort, der richtige Ansatz ist. Auch im wenige Kilometer entfernten Albersweiler ist mit dieser stets aus dem Ort entwickelten Haltung eine Architektur entstanden, die sich im Ortskern ebenso trefflich einfügt wie einen eigenen subtilen Ausdruck an den Tag legt. Mit dem „WohnLager“ genannten Gewerbebau ist ein weiteres Beispiel für diese Architekturauffassung derzeit im Entstehen. Eigentlich sollten dury et hambsch hier nur eine bestehende Planung ausführen und überwachen – als eine Art „Brot-und-Butter-Projekt“, um die laufenden Bürokosten zu decken. Doch stattdessen haben sie den Bauherrn überzeugt, statt einer weiteren gesichtslosen Standardkiste ein Stück Architektur im Landauer Gewerbegebiet zu realisieren. Auch wenn der Weg dorthin bisweilen recht mühsam erscheint: Die gebauten Ergebnisse geben Stephanie Hambsch und Philipp Dury, der zur Zeit gleich zwei Lehraufträge wahrnimmt, bislang recht. Die Saat, so scheint es, wird hier gelegt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie aufgeht.

David Kasparek

www.duryethambsch.com

neu im club im DAZ-Glaushaus
Talk mit Stephanie Hambsch und Philipp Dury: 13. Juli
Werkschauprojektion: 14. Juli bis 27. August
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin

www.daz.de
www.neuimclub.de
www.derarchitektbda.de

neu im club wird unterstützt von dormakaba, Erfurt, Heinze, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises. Medienpartner: www.marlowes.de

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*