neu im club

Fenster zum Hof

Mehdi Moshfeghi, fehlig moshfeghi architekten, Hamburg

fehlig moshfeghi architekten, Elbblickturm, Rosengarten 2017,  Abb.: fma

Das Schanzenviertel hat sich verändert. Früher, vor zwanzig Jahren bin ich hier oft auf der Suche nach Musik von Plattenladen zu Plattenladen gestreift. Hamburg, das war die Stadt von Samy Deluxe, den Beginnern, Doppelkopf und Eins Zwo. All das fand sich auf Vinyl, hier, „auf der Schanze“. Alles bunt, alles groß. Die meisten der Plattenläden sind heute weg. Stattdessen Shops mit Klamotten, in denen schöne Menschen andere schöne Menschen beim Einkaufen beraten. Während ich am Restaurant von Tim Mälzer vorbeigehe, freue ich mich, dass es wenigstens „Omas Apotheke“ noch gibt. Auch der Haushaltswarenladen, in dessen Schaufenster mich früher schon die großen Messer und entsprechenden Schleifer faszinierten, ist noch da. Ich gehe die Schanzenstraße hinunter und bin auf dem Weg zu Mehdi Moshfeghi und Niels Fehlig. Die beiden haben ihr Büro seit gut drei Jahren am Neuen Pferdemarkt, der zuletzt im Rahmen der G20-Berichterstattung seinen bis dato wohl größten medialen Auftritt hatte. Das Gerüst, von dem aus die Hamburger Polizei mit verschiedenen Wurfgeschossen attackiert wurde, steht noch. Schräg gegenüber diesem Andenken an die Protestnacht im Juli 2017 liegt das Büro von fehlig moshfeghi architekten. Das Ladenlokal unter der angegeben Adresse erscheint jedoch bis auf einen großen Tisch und ein Fahrrad leer. Eine Handzeichnung am Fenster erläutert den Weg, den Moshfeghi am Telefon schon angedeutet hatte: einmal um die Ecke, dann in den Hof und dort in den Anbau.

fehlig moshfeghi architekten, Elbblickturm, Rosengarten 2017, Foto: Martin Kunze

Mehdi Moshfeghi begrüßt mich freundlich winkend durchs Fenster, öffnet zuvorkommend die Tür. „Wir sind gerade umgezogen“, erklärt er. „Und eigentlich ziehen wir immer noch um“, fügt er lachend hinzu. Als der vorherige Mieter die rückwärtigen Räumlichkeiten verließ, haben er und sein Partner zusätzlich zu den bisherigen 80 Quadratmetern die auf zwei Etagen verteilten 120 der Remise hinzu gemietet. „Wir wollten nicht mehr vorne sitzen“, sagt der in Hannover und Delft ausgebildete Architekt. Zum Pferdemarkt hin hat das Ladenlokal eine große Scheibe. Zwischen dem Ausgehvolk der Schanze und den Fußballfans vom nahen Millerntor saßen die Architekten hier sprichwörtlich auf dem Präsentierteller. „Bei Architekten brennt eben auch spät abends noch Licht.“ Moshfeghis Büropartner Niels Fehlig hat sich zu uns gesellt. „Wenn wir am Schreibtisch saßen und Wettbewerbe geschrubbt haben, klopften ständig Leute ans Fenster und fragten, was wir da machen.“ Jetzt also sitzt das Büro auf den beiden Etagen der kleinen Remise mit Fenstern zum Hof, die Fläche zum prallen Leben der Schanze ist untervermietet.

fehlig moshfeghi architekten, Elbblickturm, Rosengarten 2017, Foto: Martin Kunze

Seit drei Jahren erst gibt es das Büro. „Wir haben alles auf eine Karte gesetzt und einfach losgelegt“, blickt der 1980 geborene Moshfeghi zurück. Startpunkt war 2011 der gewonnene Wettbewerb Europan11, den die beiden neben der Arbeit als angestellte Architekten bearbeiteten. Aus dem Entwurfsbeitrag „Between the Courtyards“ für Ibbenbüren wurde 2014 zunächst das Doppel aus Gestaltungsfibel und -satzung „Wohnen am Aasee“. 2015 folgte nach einem Bewerbungsverfahren der Zuschlag für ein Baufeld, auf dem ein aus drei drei- und zwei zweigeschossigen Bauteilen zusammengesetztes Mehrgenerationen-Wohnhaus entstand. Schon hier ist die klare architektonische Handschrift von Fehlig und Moshfeghi erkennbar: Die fünf Baukörper werden durch einen Sockel aus Sichtmauerwerk zusammengehalten, auf dem weiß verputzte Kuben ruhen, die die Wohnräume aufnehmen. Eigentlich eine klassische Reihenhausarchitektur, die aber durch Materialwahl und Staffelung der Baukörper geschickt aufgebrochen wird.

fehlig moshfeghi architekten, Generationenwohnen „Wohnen am Aasee”, Ibbenbüren 2015 – 2017, Abb.: fma

Nach einem Realisierungswettbewerb an gleicher Stelle folgte im selben Jahr der Zuschlag für den Bau eines Hofhauses, das den formalen Duktus des Vorgängerprojekts weiterschreibt, ohne ihn zu kopieren. Den Kern der Arbeit seit Bürogründung bilden jedoch nicht nur Wettbewerbe, auch wenn die aktuelle Website ein anderes Bild suggeriert. „Wir sind eigentlich gar nicht die Typen, die nur schicke und glänzende Renderings zeigen wollen“, sagt Moshfeghi, und Fehlig ergänzt: „Wir sind seit geraumer Zeit dabei, die Website zu überarbeiten und sie so zu gestalten, dass sie eben nicht nur unsere Wettbewerbsbeiträge zeigt.“ Für ein kleines Büro sei das aber eben im Alltag eines der Projekte, die immer wieder vertagt würden, führt er aus. „Tatsächlich machen wir ja momentan viel ‚Schwarzbrot-Architektur‘, die auf den ersten Blick eben nicht fancy und glossy ist“, erklärt Mehdi Moshfeghi: Schulumbauten, Kita-Sanierungen, meist bei kleinem Budget. „Aber dadurch hat die öffentliche Hand hier eben gemerkt, dass wir so etwas können – obwohl wir jung sind. Und dann gab es Folgeprojekt um Folgeprojekt.“ Fehlig fügt an: „Da spielt uns natürlich die konjunkturelle Lage in die Karten: Für größere Büros sind Projekte solcher Größenordnung im Moment rein wirtschaftlich gar nicht interessant. Und weil die ausgelastet sind, kommen eben wir zum Zuge.“ Damit finanziert sich das Büro: „Wettbewerbe sind eher Fingerübung – auch, um einmal andere Maßstäbe und Bauaufgaben auszuprobieren…“ Lachend unterbricht Fehlig: „Aber du sagst jedes Mal, dass das jetzt wirklich das letzte Mal war, dass wir einen Wettbewerb machen, wenn wir ihn gerade abgegeben haben.“ „Klar!“, antwortet Moshfeghi, „aber dann kommt doch wieder einer, der mich reizt und dann muss ich das doch machen.“ Auch er lacht.

fehlig moshfeghi architekten, Generationenwohnen „Wohnen am Aasee”, Ibbenbüren 2015 – 2017, Foto: fma

Die Stimmung ist gut bei den beiden Architekten. Auch wenn die Arbeit vieles dominiert. Fehlig, Vater eines Kindes im Kindergartenalter, betont: „Wir sitzen auch am Wochenende schon mal hier. Und dann muss das Kind halt mit. Aber eigentlich ist das doch gut, wenn das eigene Kind erfährt, dass ich einen Job mache, an dem mir wirklich etwas liegt, der mir Spaß macht und der eben mehr ist als bloßer Broterwerb.“ Diese Passion schlägt sich auch in Ergebnissen nieder. Neben einer größeren Anzahl an zweiten Preisen und Anerkennungen wurde der Beitrag „On Demand. Wohnanger Sarstedt“ – der in Zusammenarbeit mit N2M architekten aus Hannover für den Wettbewerb „Wohnraum schaffen“ entstand – mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Wichtiger für das eigene Auskommen aber sind momentan, neben den genannten Schwarzbrotprojekten für die Stadt, persönliche Kontakte. So entsteht derzeit ein Projekt in Göttingen, bei dem die Architekten dem Investor über einen gemeinsamen Bekannten vorgestellt wurden. „Interessanterweise waren die dort sehr offen und haben sich all unsere Ideen angehört“, erklärt Mehdi Moshfeghi. „Mit dem Ergebnis, dass jetzt wahrscheinlich etwas ganz anderes gebaut wird, als das, was ursprünglich im Raum stand, ein Projekt, das eben nicht nur Rendite abwirft, sondern auch der Stadt etwas zurückgibt.“

fehlig moshfeghi architekten, IQ Lounge, Göttingen 2017 – 2018, Abb.: fma

Fünf Mitarbeiter hat das Büro inzwischen, eine Teeküche nach eigenem Entwurf wurde just fertiggestellt, ein Bereich des Hofs, der noch begrünt werden soll, mit einer Terrasse beplankt, Schreibtische im Erdgeschoss warten auf die neuen Praktikanten und Mitarbeiter. „Wir haben schon noch einiges vor“, sagt Mehdi Moshfeghi lachend beim Blick in den Besprechungsraum. Abdeckungen hier, eine Tür vor die Abstellkammer dort – kleinere Stellschrauben in guten Zeiten für Architekten. Und so schauen Mehdi Moshfeghi und Niels Fehlig grundoptimistisch aus ihrem Fenster zum Hof inmitten der hippen Hamburger Schanze.
David Kasparek

www.fehlig-moshfeghi.de

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Mehdi Moshfeghi und Niels Fehlig: 11. Januar 2018, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion: 12. Januar bis 4. März 2018

www.neuimclub.de
www.daz.de
www.derarchitektbda.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von dormakaba, Erfurt und Heinze, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

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