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Pornotopia

2010 veröffentlichte die renommierte und für ihre radikalen Ansätze bekannte Gender- und Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado das Buch „Pornotopia“. 2012 erschien das spanische Original erstmals in deutscher Sprache und rief auch jenseits von Spezialistenkreisen ein beachtliches Interesse hervor. Grund dafür war nicht nur der assoziationsreiche Titel, sondern vor allem der von Preciado gewählte Untersuchungsgegenstand: der inzwischen als historisch zu bezeichnende „Playboy“, der die mediale Verbreitung von erotischen Phantasien ihrer Ansicht nach entscheidend anders betrieben hat, nämlich entgegen der herrschenden Konvention, verknüpft mit neuen architektonischen Vorstellungen.

Preciados zentrale These, die sie detailreich mit Belegen unterfüttert, besteht darin, dass Ende der fünfziger, Anfang sechziger Jahre die Text- und Bildwelt des von Hugh Hefner gegründeten Männermagazins erstmals den weißen US-amerikanischen, heterosexuellen Mittelschicht-Mann mit den Themen Architektur, Innenraumgestaltung und Design in Verbindung brachte. Bis dahin galt dies als Domäne von Frauen und Schwulen. Dieser „andere“ Typus Mann entzog sich also unter Anleitung des „Playboy“ dem Diktat des bürgerlich-vorstädtischen Kleinfamilienmodells, um als autarker Hedonist in urbaner Umgebung einer modernen Wohngestaltung zu frönen, die unter Aufbietung aller technischen Errungenschaften ein Höchstmaß an Komfort und Kontrolle ermöglicht. Popularisiert wurde eine geradezu macho-infantile Allmachtsphantasie, die durch eine perfekte Komposition aus Lebensstilelementen zum eigentlichen Ziel führt: planungssicher erfüllbarer sexueller Genuss (für den Herrn und Meister der jeweiligen Wohnmaschine). Wie die unzähligen „Bunnys“ in die stilsicher ausgeklügelten Räume gelangen sollten, zumal der dort residierende Mann seine Lust-Zentrale im Idealfall gar nicht mehr verließ, scheinen allerdings weder der „Playboy“ noch Preciado wirklich zu beantworten zu können.

Auch wenn die Autorin ihre These insgesamt ein wenig überstrapaziert und man nicht übersehen sollte, dass die „Playboy“-Sehnsüchte seinerzeit ebenfalls in etlichen Hollywood-Filmen (entsprechend bürgerlich-moralisierend) thematisiert wurden, ist „Pornotopia“ eine wirklich aufschlussreiche und gründlich recherchierte Lektüre – auch oder vielleicht gerade für Menschen, die nicht zum Leserkreis des „Playboy“ gehören.
Kay von Keitz

Beatriz Preciado: Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im ‚Playboy’, 168 S., 24,90 Euro, Wagenbach Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3803151827

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