Andreas Denk (1959–2021), Texte und Erinnerungen

Räume für die nächste Generation

Gesellschaftliche Gefüge haben in Andreas Denks Verständnis unmittelbare, wenn auch auf den ersten Blick unsichtbare Auswirkungen auf die Raumproduktion. So beobachtete er soziale Umwälzungen sehr genau, wie diese Einleitung zur ersten federführend von ihm konzipierten Ausgabe 7 / 96 zeigt. Dass die im Text genannten Beispiele heute zum Teil recht antiquiert wirken, spricht nur für seine These der sich immer schneller vollziehenden Generationenwechsel.

Jede Generation hat mit den gleichen Phänomenen des Konflikts mit der nach ihr kommenden zu tun. Die Schere zwischen dem prägbaren Baby und Kleinkind und dem, was im Laufe der Überformung durch andere als elterliche Einflüsse daraus wird, hat sich zwischen Eltern und Kindern wohl schon immer geöffnet. Doch scheint diese Kluft unterschiedlicher Philosophien und Lebensstile im Laufe der drei lndustrialisierungsphasen immer schneller und immer tiefer aufzureißen. Generationswechsel vollziehen sich offenbar inzwischen bereits in Zehn-Jahres-Abständen, werden also auch von fast Gleichaltrigen bemerkt.

Der immer weiter in die kindliche Phase zurückgehende Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen, die gesteigerte Prägung durch ständigen Medienkonsum und sich erweiternde Konsumangebote schaffen unterschiedliche Verhaltens- und Denkweisen, Handlungsansätze und Abwehrmechanismen, die schon für wenig Ältere oder Jüngere nicht ohne weiteres verbindlich sind. Dabei führt diese immer raschere altersmäßige Abfolge in Verbindung mit sozialen und räumlichen Schichtungen zu einer Zersplitterung von Interessengruppen. Nach wie vor spielen zwar Musik und Fußball eine bevorzugte identitäts- und gruppenbildende Rolle. Aber daneben haben sich Rollschuh-, Skateboard-, Computer-, Rollenspiel-, Streetball-, Graffiti-Szenen gebildet. Innerhalb dieser einzelnen Bewegungen gibt es weitere Fraktionen und Unterfraktionen, der teilweise mögliche Austausch zwischen ihnen ermöglicht selbstverständlich auch eine Art „Cliquen-Surfen“, also „Mehrfach-Mitgliedschaften“: Selbst Kennern der Szene fällt es nicht leicht, zwischen sich überschneidenden Musikstilen wie „House“, „Rave“ und „Techno“ und ihren jeweiligen Anhängern genau zu unterscheiden.

Der vielfach im Zuge der Medialisierung konstatierte Mentalitätswandel schon bei Kindern und zunehmende schichten- und topographieabhängige Zersplitterung von Gruppen und Szenen mit immer extremeren Interessen könnten bisherige Maßstäbe von Planungen für Kinder und Jugendliche für die Zukunft grundsätzlich in Frage stellen. Entsprechen die Planungen von Architekten und Städtebauern der Gegenwart den vermeintlich gewandelten Bedürfnissen? Gibt es wegweisende Architektur-Modelle, die der heranwachsenden neuen Generation „eine gute Wohnung“ bieten können? Oder sind die mentalen Unterschiede zwischen den Generationen nur ein temporäres Phänomen? Reichen konventionelle Bau- und Stadtformen und bewährte Modelle aus, weil auch die „kids“ früher oder später zu „Normalbürgern“ sozialisiert werden?

Vermutlich immer schon ist die „nächste Generation“ zur Projektionsfläche eigener Ängste, Ideologien und guten Absichten der vorangegangenen geworden. Von den Utopien von Saint-Simon, Fourier und der Experimentalpädagogik im Familistère von André Godin über den Leitspruch zur Kindererziehung von Generationen von Arbeiter- und Angestelltenfamilien und Wirtschaftswundereltern der fünfziger Jahre, die mit dem Satz „Du sollst es einmal besser haben als ich“ eine auf sozialen Aufstieg gerichtete Zukunftssicherung anstrebten, bis hin zu den Architekten-Projektionen eines „kindgerechten“ Planens, Bauens und Wohnens reichen die Interventionen, mit denen sich die „nächste Generation“ mehr oder weniger ungefragt auseinanderzusetzen hat.

Bei Kindergarten- und Spielplatzplanungen kommen weitaus eher Erinnerungen, spätausgetragene Wünsche und unausgesprochene Erziehungsvorstellungen der Entwerfer zum Tragen als daß der späteren Ausführung und Ausstattung solcher Anlagen Beobachtungen kindlichen Verhaltens und der Verzicht auf Gestaltung zugunsten von Räumen zur freien Gestaltung durch die Nutzer zugrundelägen. Dennoch ermöglicht die Kindern eigene Flexibilität und Kreativität eine Adaption auch des mißlungensten Raums und verhindert damit weitgehend eine „Evaluierung“ von Raumeigenschaften, so daß sich der „ideale“ Ort für eine gemeinschaftliche Erziehung vielleicht nur in Erzählungen oder Bildern eruieren läßt.

Dies ist im Schulbau nicht mehr der Fall, weil Kinder und Jugendliche in diesem Alter bereits relativ genau Sinneseindrücke schildern und ausdrücken können. Doch gerade beim Bau von Schulen stagniert – bis auf wenige Ausnahmen – die Entwicklung von pädagogischen Konzepten und einer unmittelbar auf sie wie auf die Mentalität und Bedürfnisse der Schüler ausgerichteten Architektur.

Allerdings findet die „Erziehung“ und „Bildung“ der Menschen nicht mehr im romantischen Sinne nur in Elternhaus und Schule statt. Phantasie beflügelnde Freiräume, Brachen, Trümmergelände, Unorte im weitesten Sinne haben schon immer eine besondere Anziehungskraft auf Kinder gehabt. Die zeitgenössische Stadtplanung entledigt sich indes solcher unbeplanter Stellen mit einem umfassenden Gestaltungsansatz. Statt informelle Erlebnisräume zu erhalten, werden künstliche eingerichtet, deren einheitliche Planung nur in den seltensten Fällen die Faszination des „Abenteuers“ ermöglicht: Hier werden „Spielräume“ eingeschränkt, die schon immer eine wesentliche Grundlage für den Zusammenschluß von Kindern und Jugendlichen zu „Banden“ und „Gangs“ waren. Cliquen und „Gangs“ sind nach wie vor das Hauptmedium jugendlicher Selbstorganisation. Sie treffen sich – je nach Interessenlage – bei „sturmfreier Bude“ zuhause, beim Bezirks-McDonalds oder auf der Straße. Ihre Strukturen, Riten und Umgangsformen sind so unterschiedlich wie die Motivation, die sie miteinander verbindet. Im Gegensatz zur pädagogisch ziellosen Selbstorganisation sollen Jugendheime in öffentlicher und kirchlicher Trägerschaft gezielt Treff- und Kommunikationspunkte für Gruppen und Einzelgänger sein. Dabei bleibt ihnen mittlerweile fast nur noch die Möglichkeit von Beschäftigungsprogrammen als kleinstem gemeinsamen Nenner für die unterschiedlichen Bedürfnisse.

Doch besonders Jugendliche in sozialen Brennpunkten sind so kaum zu mobilisieren – mobile Jugendeinrichtungen, die in wechselnden Quartieren Streetball- und Fußballturniere organisieren, sollen mancherorts den Kontakt herstellen. Solche „In“ -Sportarten gehören zu den schon in den achtziger Jahren prognostizierten „anderen Körperkulturen“, die den gewandelten Lebensumständen Jugendlicher Rechnung tragen. Rollschuhe und Skateboards, mit denen „Gangs“ den Stadtraum erschließen, ermöglichen genauso diesen neuen Umgang mit dem eigenen Körper wie tagelange Technofestivals, bei denen die tanzende „Menge“ in vermeintlicher Vereinzelung drogengestützt die eigene Leistungsfähigkeit als Rausch erlebt. Diese neuen Ausdrucksformen von Gesellschaft erzeugen andere, im Gegensatz zu oft geäußerten Ansichten sehr verbindliche Sozialformen, die aber offenbar keine eindeutig charakterisierbare architektonische und städtebauliche Form mehr benötigen.

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