Andreas Denk (1959–2021), Texte und Erinnerungen

Dresdner Vorlieben

Aus Heft 2 / 94 stammt dieser, damals unbebildert abgedruckte Text von Andreas Denk. Schon dieser frühe Text zeigt, dass der damalige Redakteur weder eine eigene Positionierung im Rahmen deutschlandweiter Debatten scheut, noch die architekturhistorische Einordnung des Kontextes missen lässt. Für Denk ist die Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche damals nicht weniger als die „Unfähigkeit zur Geschichte“ und setzt sie in Relation zur Frage nach dem Umgang mit anderen Baudenkmälern in der Region.

Die Rekonstruktion der Frauenkirche ist eines der Dresdner „Grands Projets“, die zur Jahrtausendwende abgeschlossen sein sollen. 1945 wurde der Bau, den George Bähr ab 1724 errichtet hatte, beim Luftangriff auf Dresden nahezu vollständig zerstört. Zu DDR-Zeiten hatte man die Ruine wie die Kathedrale in Coventry als eindrucksvolles Mahnmal gegen den Krieg belassen.

Foto: Sir James (CC BY-SA 3.0)

Doch schon vor der Wende gründete sich eine Bürgerinitiative zu ihrem Wiederaufbau, der inzwischen beschlossene Sache ist und 2002 abgeschlossen sein soll. Bagger und Kräne sind mittlerweile unermüdlich dabei, die Schuttmassen zur Seite zu räumen, aus denen alle größeren Steine geborgen werden. Denn der Wiederaufbau soll zu einem gewaltigen dreidimensionalen Puzzle werden. Die nicht verstummenwollende Kritik, hier werde lediglich eine Kopie errichtet, hat man mit dem Argument der „archäologischen Rekonstruktion“ vorerst zum Schweigen gebracht. Computergestützt werden alle Teile vermessen und Stück für Stück ihrem (wahrscheinlichen) ehemaligen Standplatz zugeordnet. Übermannsgroße Stahlregale bergen die sorgfältig numerierten Fundstücke, die ab Juni 1994 in den Neubau integriert werden sollen.

Das immense finanzielle Unterfangen – zunächst war von 160 Millionen Mark die Rede, heute sind 300 Millionen im Gespräch – wird vor allem durch Spenden gedeckt. Hier treibt der berühmte sächsische Erfindungsreichtum ordentliche Blüten. Ein besonders sinnfälliges Unternehmen hat die Dresdner Stadtsparkasse ausgeheckt. Sie läßt auf 25.000 Stück limitierte Uhrenserien produzieren, die im Zifferblatt ein Bröckchen Frauenkirchgestein tragen. Die dritte Auflage ist zu Preisen von 70 Mark für die Bürgerversion und 1.500 Mark für die vergoldete Sonderauflage im Umlauf. Zur Weihnachtszeit waren „Kerzen für die Frauenkirche“ erwerblich, Trümmerstücke werden mit Zertifikaten vermarktet, die Benefizveranstaltung eines Sponsors erbrachte im Dezember satte 570.000 Mark – wohlgemerkt an einem Abend. Das Herz des Dresdners ist offen für die Frauenkirche. Sie ist ihm ein patriotisches Anliegen. Frauenkirche heißt Dresden und Dresden heißt Sachsen. „Es geht um Sachsen“, sagt ein Dresdner Geschichtsprofessor, wenn man ihn auf den Sinn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für den Wiederaufbau anspricht. „Sachsen“ heißt auch die offizielle Werbebroschüre des Landes aus dem Hause Biedenkopf. Der Landesvater weiß, was er seinen identifikationshungrigen Mitbürgern schuldig ist. Ihm ist auch bewußt, daß dereinst nicht Kulkas Landtagsgebäude Herz der „Bürgerstadt“ Dresden sein wird, sondern die Neuauflage von Bährs Kirchbau. Schon heute erfreut sich die Ruine der Frauenkirche allerhöchster Akzeptanz. Busweise halten Touristen am monumentalen Chorfragment und auch die Einheimischen verweilen gern einige Minuten, um sich auf die strahlende Zukunft von Dresdens Stadtmitte zu freuen. Kulkas neues Landtagsgebäude hingegen bleibt unbeachtet. Unvergeßlich ist die Szene, die der Ministerpräsident beim Fototermin vor der Bautafel des inzwischen vollendeten Gebäudes ablieferte. „Hier machen wir das hin!“, sagte Kurt Biedenkopf immer wieder und hieb mit der Hand auf das Tafelholz, wie um den legislativen Mittelpunkt seines Landes in die Dresdner Stadtlandschaft einzuhämmern. Des Mannes Vehemenz diente wohl der Abwehr eigenen Zweifels, ob nicht auch hier eine Rekonstruktion größere Publikumsgunst erheischen könne.

Das neue Dresden – es soll das alte sein. Das Schloß wird wiederaufgebaut, das Taschenbergpalais, dessen Fassade leidlich erhalten ist, wird zu einem Hotel der Spitzenklasse werden, die von Canaletto gemalte berühmte Elbansicht Dresdens soll erhalten und rekonstruiert werden, auch wenn man weiß, daß der Meister ein Spezialist im Fälschen perspektivischer Ansichten war.

Das bei all diesen Rekonstruktionen wirkende vermeintliche Geschichtsbewußtsein entlarvt sich jedoch als Unfähigkeit zur Geschichte. Bemüht wird nicht die menschliche Vorstellungskraft von Geschichte, die als Prozeß Spuren hinterläßt, sondern ein „historisches“ Bild. Es wird sein, als sei nichts gewesen – kein Krieg, keine 40 Jahre Sozialismus, keine Wende, sondern ein ewiges und goldenes Elbflorenz, wie es in der Erinnerung der Dresdner vor dem Feuersturm war. Und folgerichtig ist weiteres zu erwarten, was auch Heinrich Magirius, der Leiter des sächsischen Instituts für Denkmalpflege, annimmt: „Die wiederaufgebaute Frauenkirche muß – wenn sie nicht nur in der Silhouette, sondern auch im Leben der Stadt wieder ihren Platz erhalten soll – die ihr gemäße Umgebung zurückerhalten.“

Die sächsische Rekonstruktionsherrlichkeit findet schon an der Peripherie der Stadt ihr Ende. Hier dominieren noch Leerstand und Verfall. Im Dresdner Vorort Hellerau täte rasche Hilfe not. Hier gründeten Karl Schmidt und Wolf Dohrn 1904 die Deutschen Werkstätten und zogen Richard Riemerschmidt als Architekten für Fabrik und Arbeitersiedlung hinzu. Hermann Muthesius, Heinrich Tessenow und Bruno Paul entwarfen Möbel und Teile der Siedlung. Schließlich errichtete hier 1910 / 11 Tessenow sein frühes Meisterwerk, das „Bildungsinstitut für rhythmische Gymnastik“ für den Schweizer Musikpädagogen Emile Jaques Dalcroze. Adolphe Appias Bühnen-Lichtarchitektur im zentralen Saal bot einen überwältigenden Rahmen für Ausdruckstanz und Theateraufführungen. Bis zu Dohrns Tod 1914 war Helleraus Dalcroze-lnstitut künstlerischer und intellektueller Mittelpunkt von europäischer Bedeutung. Bis in die zwanziger Jahre hielt es seinen Ruf als herausragende Tanzschule, die Mary Wigman, Suzanne Perrotet und Gret Palucca besuchten. Das Ende kam in den Dreißigern, als die Nazis die Anlage als Lazarett nutzten. Die sowjetische Armee verwendete den Bau nach dem Krieg als Turnhalle. Seit dem Abzug der Sowjets 1992 steht es leer.

Schon 1990 haben Theaterleute, Künstler und Architekten einen Förderverein gegründet, der mit viel Engagement das „Festspielhaus“ für ein Zentrum für Tanz, Theater, Musik und Kunst erhalten will. Doch das nötige Geld, das vom Land kommen soll – die Stadt hat bereits abgewinkt –, bleibt aus. Trotz zweier vielbeachteter Festivals schreitet das Unternehmen nur langsam voran, obwohl Eile geboten ist. Während schon zur russischen Zeit weniger als das Notwendige zum Erhalt dieser architektonischen Inkunabel der Moderne unternommen wurde, setzt sich der Verfall mittlerweile noch schneller fort. Der Bau unter der Obhut der Bundesvermögensverwaltung, die das Gelände dem Land schenken will, das es dann dem Verein zur Verfügung stellen würde, ist in schlechtem Zustand. Die Decke des zentralen Saals ist einsturzgefährdet. Das Gelände ist nicht zugänglich, weil im Boden Munition vermutet wird. Ein Wachmann hält ein kleines Heft mit fotokopierten Bildern und Artikeln bereit, das er anreisenden Besuchern vorführt. Auch hier hat ein ldentifikationsprozeß stattgefunden, ohne große Geste, ohne Millionenaufwand, wenn auch nicht so publikumswirksam wie beim Prestigeobjekt in der Stadtmitte.

Im Gegensatz zur Frauenkirche ist das ehemalige Dalcroze-lnstitut ein lohnendes Objekt für eine Rekonstruktion, weil es bis auf Umbauten einiger Nebengebäude in seiner Originalsubstanz erhalten ist. Tessenows Bau als Kulturzentrum wäre auch ein Zeichen für eine vorwärtsgewandte Stadtentwicklungspolitik, die Dresden und dem Bundesland Sachsen gut zu Gesicht stehen würde. Anders als die Rekonstruktion einer funktional überflüssigen Kirche beinhaltet das Monument in Hellerau eine kulturelle Verpflichtung und Herausforderung gleichermaßen.

Für die Frauenkirche verzichtete der Bundeskanzler sogar auf Geburtstagsgeschenke zum Sechzigsten und Ministerpräsident Biedenkopf verfaßte persönlich einen Spendenaufruf. In Hellerau, wo ein zukunftsorientierter und identitätsbildender „Aufschwung Ost“ möglich wäre, haben sich hochrangige Politiker noch nicht blicken lassen.

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