Houston, we have a problem

Schutzburg im Marschland

Die Halligen, eine Reihe von flachen Marschinseln im nordfriesischen Wattenmeer, gehören zu jenen Orten auf dem Planeten, bei denen die Folgen des Klimawandels am deutlichsten spürbar sind. Seit Jahrhunderten leben die Menschen hier auf kleinen Erdaufschüttungen, den sogenannten Warften, um dem Wasser, das die Ebene mehrmals im Jahr überspült, trotzen zu können. Doch die fragile Existenz dieser Siedlungshügel ist durch den steigenden Meeresspiegel bedroht – wer hier neu bauen will, muss die Naturkräfte und die Bedrohungen der Zukunft mitdenken.

blauraum Architekten, Warft Treuberg, Hallig Langeneß

Zahlreiche Funktionen hat man für ein Neubauensemble auf der Warft Treuberg von Langeneß, der größten der insgesamt zehn Halligen, vorgesehen: In einem offenen, zweiphasigen Realisierungswettbewerb suchte man nach einer baulichen Lösung, die sowohl Wohnungen, Arbeitsplätze für die Gemeinde und den Landesbetrieb für Küstenschutz, Gastronomie, einen Verkaufsraum und Behandlungszimmer sowie Werkstätten und einen Marktplatz unterbringen kann. Einen Lebens- und Arbeitsort also, in dem für die Versorgung der Inselbewohner wie auch der zahlreichen Touristen gesorgt wird, die die Halligen in den Sommermonaten besuchen.

Mit einer Gruppierung von fünf langgezogenen, zweigeschossigen Bauten mit Schrägdächern konnte schließlich das Hamburger Büro blauraum Architekten überzeugen. Poetisch mutet diese Lösung mit ziegelroten Bauten an, die auf den Renderings von Aquarellhimmel, saftigen Wiesen und Schafherde umgeben sind, jedoch musste hier auch handfest für Sicherheit gesorgt werden: In den Obergeschossen finden sich Schutzräume, die Materialien sind in Hinblick auf besondere Robustheit und Langlebigkeit ausgewählt.

blauraum Architekten, Warft Treuberg, Hallig Langeneß

Die Gruppierung der einheitlichen Ziegelbauten trägt ebenfalls den besonderen Wetterbedingungen der Hallig Rechnung, sie sind nah aneinander gerückt, wobei die dem Wind ausgesetzte Seite reduziert wurde – „wie Schafe auf der Weide“, so die Architekten, schützen sich die Gebäude so gegenseitig. Die öffentlichen Räume sind dabei alle nach innen, zum Marktplatz orientiert, während die Dauerwohnungen nach außen hin liegen und so Privatheit und Rückzug ermöglichen. Ein gemeinsames Dach im Außenraum verbindet die Bauten auch bei Regen und Schnee und befördert den Austausch und die Ensemblewirkung. Auch die Dächer, laut den Entwurfsverfassern eine „zeitgemäße Interpretation der traditionellen Reetdachhäuser“, tragen zur Vereinheitlichung der Gebäude bei.

blauraum Architekten, Warft Treuberg, Hallig Langeneß

Es scheint nicht zufällig, dass gerade auf den Halligen besonderer Wert auf nachhaltige Materialien, Energieautarkie sowie eine sparsame Wasserwirtschaft gelegt wird. Durch die isolierte Insellage und die Schwierigkeit, an Süßwasser sowie an Baumaterialien zu gelangen, ist man sich der Knappheit der Ressourcen seit jeher besonders bewusst. Die südlichen Dachflächen sind daher mit Photovoltaik- und Solarthermienanlagen ausgestattet. Zusätzliche wird Wärme über eine geothermische Anlage gewonnen. Regenwasser wird – auch eine lange Tradition – in einem Wasserspeicherbecken nah beim Haus, dem Fething, gesammelt, während Abwasser in einem „ganzheitlichen Ansatz“ für die Energiegewinnung genutzt werden soll.

Als Biosphärenreservat sind die Halligen eine von der UNESCO initiierte Modellregion – dabei gilt nicht nur das Ziel, die Naturlandschaft zu erhalten, sondern auch auf ökonomischer und sozialer Ebene vorbildhafte Konzepte vorzulegen. Es zeigt sich hier, wie die spürbare Verwundbarkeit eines Kultur- und Naturraums Sensibilität für das schaffen kann, was Architektur im Zeitalter des Klimawandels leisten muss.

Elina Potratz

Architekt: blauraum Architekten, Hamburg
Landschaftsarchitektur: Sabine Rabe Landschaften
Bauherr: Gemeinde Langeneß
Standort: Hallig Langeneß
Status: in Planung, geplante Fertigstellung 2022
Verfahren: offener Realisierungswettbewerb, zweiphasig, 1. Preis

Bereits vor zehn Jahren verfassten zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ und thematisierten damit auch eine Selbstverpflichtung, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auf dem diesjährigen BDA-Tag in Halle an der Saale stellte der BDA am 25. Mai mit dem Papier „Das Haus der Erde“ nun  „Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“  zur Diskussion.

 

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