Buch der Woche: Elemental

So weit erstmal

Bis zum 28. Februar 2019 zeigt das Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebæk als zweiten Teil seiner Reihe „The Architect´s Studio“ die Ausstellung „So Far… Elemental ǀ Alejandro Aravena“. Nach Wang Shu nun mit Aravena also der nächste Pritzker-Preisträger. Wie der Titel der Schau andeutet, handelt sich dabei um eine Art retrospektiver Bestandsaufnahme. Sowohl die beiden Kuratoren der Ausstellung, Kjeld Kjeldsen und Mette Marie Kallehauge, als auch Museumsdirektor Poul Erik Tøjner war es bei der Konzeption der Ausstellung wichtig, nicht nur fertige Arbeiten zu präsentieren, sondern sichtbar zu machen, wie Architektur entsteht, mit welchen Methoden Elemental, das Studio des chilenischen Architekten, arbeitet.

Anlässlich der Ausstellung in Humlebæk, jenem kleinen Ort nördlich von Kopenhagen, liegt nun auch der entsprechende Katalog vor. Die im Zürcher Verlag Lars Müller Publishers erschienene Publikation ist ein reich bebildertes, 240 Seiten umfassendes Buch geworden. Der Versuch, das Atmosphärische einer Ausstellung einzufangen, ist eigentlich fast zum Scheitern verurteilt, ihre Intention – die Darstellung von Arbeitsweisen nämlich – lässt sich sehr wohl abbilden.

Tatsächlich gelingt genau dies der Publikation gut. Ein einleitender Teil stellt das Büro vor, benennt in einem Text von Mette Marie Kallehauge die Arbeitsweisen des „Workshop Elemental“, den sozialen Anspruch vieler Projekte und die Ideen, sich mit dem Themenkomplex der Wiederverwertung von Materialien in der Architektur zu beschäftigen. Es folgen 19 Projekte unterschiedlicher Typologien und Größenordnung: von Stuhl und Lampe über Aussichtspunkte und Ausstellungspavillons bis hin zu großmaßstäblichen Bürokomplexen und Siedlungsprojekten. Dabei machen Ausstellung wie Katalog keinen Unterschied zwischen realisierten und projektierten Bauten.

Die Stärke des Buchs liegt darin, die Wiederholung der Ausstellung aufzunehmen: jedes Projektkapitel wird mit einem Modellfoto eröffnet, dem Foto oder Rendering und ein kurzer Text folgen. Danach kommen meist großformatige Abbildungen aus den Skizzenbüchern Aravenas, teils als Faksimiles aufgeschlagene Doppelseiten. Eine Ausnahme bilden hier ausgerechnet die Siedlungs- und Wohnbauten aus Mexiko und Chile, denen Aravena wohl einen Großteil seiner internationalen Popularität verdankt. Jene Bauten, die Elemental als „halbe Häuser“ entwickelte, und die im Selbstbau von den Bewohnerinnen und Bewohnern je nach Zeit und finanziellen Möglichkeit im Laufe der Zeit fertig gebaut werden können, sind klassisch mit Kurztext, Bild und Zeichnung dargestellt. Atmosphärisch dicht werden diese Seiten durch Einblicke in die Werkstattverfahren mit den Bewohnern der Häuser und der Nebeneinanderstellung der Endergebnisse. Die Addition unzähliger, auf den ersten Blick immer gleicher Strukturen, die im Detail dann doch verschieden sind, zeigt die ganze Stärke der Projekte.

Daneben gelingt es dem Band, den Bruch in der formalästhetischen Dimension der Arbeit Aravenas abzubilden: Wo bei den Wohnbauprojekten in Monterrey (Mexiko), Iquique, Antofagasta, verschiedenen Stadtteilen von Santiago und Constitución (alle Chile) der Formwille im Sinne eines kohärenten und in sich abgeschlossenen Projekts kaum noch zu erkennen ist, ist die Offenheit in der Konzeption völlig ablesbar und der Fokus liegt offenkundig auf einer robusten Struktur – so scheint eben dieser Formwille bei den übrigen Projekten umso größer. Fast brutalistisch in ihrer Materialbehandlung schwanken die zum Teil sehr großen Projekte irgendwo zwischen den geometrischen Übungen Mario Bottas und Ieoh Ming Peis und den räumlichen Großkalibern eines Louis Kahn. Dabei ist vor allem Aravenas Vorliebe für raumbildende Schalen und Schichten deutlich erkennbar, die vielen Projekten und Bauten im Innern eine signifikant unterschiedliche Anmutung gibt. Dabei gibt es immer wieder Variationen in den Materialien – die Idee eines rauen und harten Äußeren und einem irgendwie zugänglicheren Innern aber findet sich immer wieder.

In dieser Zusammenschau ist das Buch eine bemerkenswerte Sammlung zum bisherigen Werk des 1967 in Santiago de Chile geborenen Pritzker-Preisträgers Alejandro Aravena, das durch ein interessantes, viele Aspekte tangierendes Interview von Michael Juul Holm mit dem Architekten sinnfällig abgerundet wird.

David Kasparek

Mette Marie Kallehauge, Lærke Rydal Jørgensen, Louisiana Museum of Modern Art (Hrsg.): Elemental. Alejandro Aravena, 240 S., 240 Fotos und Abb., mit einem Interview von Michael Juul Holm, Hardcover, englisch, Lars Müller Publishers, Zürich 2018, 45,– Euro, ISBN 978-3-03778-572-0

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