editorial

eine verlorene utopie

An manche Sportereignisse erinnere ich mich äußerst gerne. Meist sind es die fast immer schicksalhaften Spiele meines schwarz-gelb bekittelten Heimatvereins. Große Spiele mitunter, große Siege, große Spieler, große Tradition, aber auch ebenso große Niederlagen, Pleiten, Pech und Pannen – das gehört zum Leben als „Sportsfreund“ und begleitet einen eben durch die Zeit, den Dortmunder genauso wie die Bayerin, den Schalker wie die aficionada aus Meppen. Es gibt noch andere Sportereignisse, die etwas Großartiges haben, Weltmeisterschaften zum Beispiel, oder die Olympischen Spiele. An eine dieser Veranstaltungen kann ich mich noch besonders gut erinnern: Sie endet für mich mit dem Bild eines explodierten und ausgebrannten Hubschraubers auf einem Flugfeld in Bayern. Es war die Olympiade 1972 in München. Und die Erinnerung an diese Spiele ist bedrückend, trotz aller guten Absichten, die man damals mit den „Spielen“ verband. Ausgerufen waren „die heiteren Spiele“ – ein Spiegel sollten sie sein der neuen Bundesrepublik, die eine inzwischen wieder geachtete Position im Reigen der Nationen der Welt hatte und sich anschickte „Mehr Demokratie“ zu wagen, wie Willy Brandts Wahlkampfslogan 1969 hieß. „Wir stehen nicht am Ende der Demokratie, wir fangen erst richtig an“, sagte Brandt in seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler – und erntete höchste Unruhe bei der Opposition. Und 1972 forderte Brandt in seiner zweiten Regierungserklärung erneut „die Demokratisierung aller Lebensbereiche“. Einiges davon ist ihm damals gelungen.

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Die Olympischen Spiele von München sollten das Symbol dieser Aufbruchstimmung in der BRD werden. Der zeichenhafteste Akt dieser „heiteren Spiele“ war – neben der utopischen Architektur von Frei Otto und Günter Behnisch – die vom Essener Architekten Werner Ruhnau initiierte „Spielstraße“. Gemeinsam entwickelten Anita und Werner Ruhnau ein umfangreiches künstlerisches und kulturelles Rahmenprogramm, für das er eine variable Bühnenarchitektur mit kleinen veränderbaren Aktionsfeldern entwarf, auf denen Pantomimen, Multimedia-Performer, Clowns, Artisten, Musiker aller Genres, bildende Künstler und freie Theatergruppen auftraten.

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Unlängst hat das Museum Glaskasten Marl in Zusammenarbeit mit „Urbane Künste Ruhr“ diese Spielstraße, deren Prinzip die unbedingte Partizipation der Besucher war, zum Thema einer denkwürdigen Ausstellung gemacht. In Filmaufnahmen, die im Archiv von Anita Ruhnau aufgetaucht sind, sieht man die Menschenmassen, die sich entlang der Spielstraße durch das Olympiagelände bewegen – und man sieht in vielen Gesichtern eine Mischung aus Überraschung, Spaß, Empörung und Unverständnis, die die wilde, streckenweise anarchische Assemblage aus Performance, Spielen, Musik, Tanz und Theater mit einer guten Portion „Epater les Bourgeois“ an diesen Tagen im August bedeutet haben muss.

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Heide Rosendahl, Mark Spitz, Olga Korbut. Am 4. September 1972, dem neunten Wettkampftag, gewinnt die 16jährge Ulrike Meyfarth die Hochsprung-Goldmedaille mit der Weltrekordhöhe von 1,92 Metern. Am 5. September 1972 um 4:20 Uhr klettern acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ in Trainingsanzügen über den Zaun des Olympischen Dorfes. Sie dringen in das Haus Conollystraße 31 ein und nehmen israelische Sportler und Betreuer als Geiseln. Sie fordern die Freilassung von 234 in Israel gefangenen Palästinensern und der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Darüber hinaus verlangen sie ein aufgetanktes Flugzeug und freies Geleit. Nach mehreren Verlängerungen des Ultimatums und ergebnislosen Verhandlungen werden die Palästinenser mit ihren Geiseln nach Fürstenfeldbruck geflogen, wo sie in ein unbetanktes Flugzeug umsteigen sollen. Mehrere amateurhafte Befreiungsversuche scheitern. Als zuerst Scharfschützen in der Nacht das Feuer eröffnen und dann Panzerfahrzeuge anrollen, eröffnen die Geiselnehmer das Feuer auf die Sportler und sprengen einen der Hubschrauber mit einer Handgranate. Am nächsten Morgen wird klar, dass elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft, ein Polizist und fünf Terroristen tot sind. Nach einer Trauerfeier im Olympiastadion verkündet IOC-Präsident Avery Brundage am selben Tag: „The games must go on“.

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Die Spielstraße München 1972, Foto: Henning Rogge / Urbane Künste Ruhr 2020

Für die „Spielstraße“ gab es kein „Go on“. Sie wurde abgebrochen. Die geschockten Künstler und Theaterleute konnten nur noch abbauen und abreisen. In den Filmen im „Glaskasten“ sieht und hört man ihre Fassungslosigkeit. Party is over. Die „heiteren Spiele“ waren vorbei. In gewisser Weise galt das auch für die Bundesrepublik: Mit dem Attentat von München folgte die „bleierne Zeit“, die 1977 in der „Todesnacht von Stammheim“ kulminierte, aber nicht endete. Am 5. September 1972 begann der „deutsche Herbst“, in dessen Verlauf aus einer damals immer offener werdenden Demokratie ein „Rechtsstaat“ wurde, dem viele politische Ziele der Zeit um 1970 verlorengegangen oder fremd geworden sind. Daran musste ich denken, als ich die Bilder der „Spielstraße“ im Marler Glaskasten sah.
Andreas Denk

Titelbild: Die Spielstraße München 1972, Videostill: Archiv Ruhnau

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