Uwe Schröder

Raumverständnis für Architektur…

…und auch für Stadt

„Architektur ist räumliche Philosophie.“(1)
Mickaël Labbé

Stellen wir uns die Architektur im Moment ihrer Entstehung vor und ziehen die Zeit von Entwurf und Bau zusammen, von der Idee bis zum Schlussstein, noch ohne Anrechnung eines sinnstiftenden Zwecks, ohne den Abgleich mit dem bestehenden Ort und ohne jede Annahme der verstreichenden Zeit, also das „Rahmenwerk“ gleichsam ohne inneres und äußeres „Füllwerk“,(2) dann wird vorstellbar, dass „Zweck“, „Ort“ und „Zeit“ nicht zu den Eigenschaftlichkeiten eines Gebäudes zählen können, obgleich sie sein Zustandekommen als „äußere“ Bestimmungen mehr oder weniger beeinflusst haben. Die „äußeren“ bewegen die „inneren“ Bestimmungen – des „Materials“, der „Konstruktion“, der „Form“, der „Funktion“ und des „Raums“ – die ihrerseits als Eigenschaftlichkeiten des Gebäudes selbst auftreten. Das wesentliche Werk von Entwurf und Bau besteht demnach auch darin, jene äußeren Bestimmungen mittels der Idee in die Architektur, in das Gebäude zu transferieren und den inneren Bestimmungen einzuschreiben.(3) Aber hier ist nicht der Ort, diesem Vorgang weiter nachzugehen und über die Bedeutung des Entwerfens, der Idee und des Transfers nachzudenken, vielmehr soll den Inhalten der aufgerufenen Grundbegriffe weiter nachgefolgt werden.

Unter diesen Begriffen gehört der des „Raums“ gegenwärtig vielleicht zu den umstrittensten, vielleicht auch nur missverständlichsten innerhalb der Disziplin, aber woran liegt das? Hatte man in den vorausgehenden Zeitläuften mit dem Anspruch philosophisch-physikalischer Hoheit über die begrifflich-inhaltliche Bestimmung des „Raums“ gestritten, so kam es im Verlauf des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu einer Überstellung des Diskurses an verschiedene Disziplinen, zum Beispiel an die Kunstgeschichte, die Soziologie, die Phänomenologie und die Psychologie, vor allem aber an die Naturwissenschaft. Was der Begriff des Raums beinhaltet und welches theoretische Modell ihm zugrunde liegt, wird auch heute noch innerhalb der Disziplinen unterschiedlich verhandelt und behauptet. Nur eine transdisziplinäre Begriffsgeschichte könnte hier noch Auskunft geben, könnte die verschiedenen, sich „entwickelnden“ Fäden von Verständnis und Vorstellung, von Bedeutung und Inhalt, zwischen theoretischen Modellen und synästhetischer Wahrnehmung, differenziert wieder zusammenführen. Spätestens mit dem spatial turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften ab Ende der 1980er Jahre und auch dem in der Nachfolge etwa ab dem Millennium wiederaufgenommenen architekturtheoretischen Diskurs zu Raum, Räumen und Räumlichkeit (4) ist eine disziplinäre Ausdifferenzierung der Begrifflichkeit offengelegt.

Ludwig Mies van der Rohe, Farnsworth House, Plano, Illinois, USA 1945 – 1951, Foto: Yorgos Efthymiadis / yorgosphoto.com

Ludwig Mies van der Rohe, Farnsworth House, Plano, Illinois, USA 1945 – 1951, Foto: Yorgos Efthymiadis / yorgosphoto.com

Raumverständnis für Architektur
Die Architektur betreffend setzen wir hier ein Raumverständnis voraus, das dem architektonischen Raum innerhalb der differenzierten Räumlichkeit der Lebenswelt und neben anderen natur-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumvorstellungen eine phänomenale Eigenständigkeit zuspricht: Architektur verortet, „stiftet und fügt“ Räume, die im Inneren von Gebäuden, beispielsweise als Hof – und inmitten von Gebäuden, zum Beispiel als Platz – erscheinen und die wegen der proportionalen Nähe ihrer baulichen Grenzen als Innenräume auf uns wirken. Andere Räume, etwa Außenräume, die wegen der Ferne ihrer Begrenzungen eher als offene und weite „Felder“ wirken – beispielsweise als Park – zählen nicht zu architektonischen Räumen im engeren Sinn, gleichwohl sie zweifellos zur Räumlichkeit der Stadt dazugehören.

Räume der Architektur erscheinen als ortgebundene Innenräume, die wesentlich von ihren baulichen Grenzen her bewirkt werden. Dass wir uns in einem Gebäude durch verschiedene Räume bewegen können, die durch Öffnungen miteinander verbunden sind, entspricht wohl unserer alltäglichen Erfahrung und Wahrnehmung. Aber schon mit dieser einfachen Beschreibung des Phänomens als wahrgenommenem Ereignis heben wir das hier angenommene architektonische Raumverständnis etwa vom mathematischen Raum oder auch anderen relationalen Raumvorstellungen ab. Wir würden daher auch nicht von „dem“ Raum sprechen, der etwa ein Gebäude oder auch die Stadt durchwaltet, sondern differenziert nach ihrem Erscheinen von den Räumen des Gebäudes und in gleicher Weise auch von den Räumen der Stadt.

Zu den „Urphänomenen“ der Architektur, die auf diese räumliche Eigenschaft hinweist, gehört die „Trennung von Innen und Außen“.(5) In materieller, konstruktiver und formaler Hinsicht bewegt sich Architektur auf der Grenze, auf Grenzen zwischen Räumen:(6) zunächst auf der Außengrenze zwischen Innen und Außen, also zwischen dem Inneren und dem Äußeren eines Gebäudes, dann auch auf der Binnengrenze zwischen verschiedenen Räumen im Inneren des Gebäudes selbst. Das Äußere meint hier das Draußen-Sein, den Aufenthalt vor dem Gebäude, es sagt aber noch nichts über die räumliche Qualität dieser Situation aus, denn das Äußere, bezogen auf das Gebäude, kann als Außenraum, als weites Feld, oder wiederum als ein Innenraum, als Straße oder Platz erscheinen. Mit anderen Worten: Auch draußen können wir drinnen sein, auch außerhalb von Gebäuden erscheinen architektonische Räume als Innenräume. Dass diese von oben vielleicht nicht gedeckt sind, hebt ihr räumliches Erscheinen – wie beim Hof im Inneren des Gebäudes – nicht auf. Die Architektur gestaltet bauliche Grenzen zwischen Räumen und bestimmt die Übergänge als Öffnungen, die selbst auch als eigenständige Räume erscheinen können, als Tür und Tor, als Fenster und Nische.(7) Auch in der Sprache lassen wir unsere alltägliche Wahrnehmung zum Ausdruck kommen, indem wir präpositional auf die gewohnte Räumlichkeit der Situation hinweisen, wenn wir etwa davon sprechen, dass wir uns in der Tür, in der Nische, am oder im Fenster, im Zimmer, im Saal, aber auch in der Straße oder auf der Straße aufhalten.

Rotblauplan Bologna (Ausschnitte), Maßstab 1:10.000; Abb.: Forschungsprojekt Archea (Architectural European medium-sized city Arrangement), Kartierung städtischer Räume (Uwe Schröder, RWTH Aachen University), Partneruniversitäten: Università di Bologna, Università di Parma, ETSA Normandie, Politechnika Slaska

Rotblauplan Bologna (Ausschnitt), Maßstab 1:10.000; Abb.: Forschungsprojekt Archea (Architectural European medium-sized city Arrangement), Kartierung städtischer Räume (Uwe Schröder, RWTH Aachen University), Partneruniversitäten: Università di Bologna, Università di Parma, ETSA Normandie, Politechnika Slaska

Die Moderne und „der“ Raum
Der von den Modernen begeistert aufgenommene, oft indes missverstandene Paradigmenwechsel zur vierdimensionalen Raumzeit führte in Praxis und Theorie der Architektur zu interpretativen Auslegungen.(8) Eine weitgehende bauliche Entgrenzung des Innenraumes ließ die tradierte Dialektik von innen und außen in den Hintergrund treten. Für die Architektur bedeutete dies einen selbstauferlegten Verzicht eigenständiger Raumbildung zugunsten einer formalen Komposition baulicher Elemente, welche darauf abzielte, die Grenze zwischen innen und außen weitgehend aufzuheben. Wenn mit Bezug auf diese moderne Entwicklung der Architektur von „Raumlosigkeit“(9) gesprochen worden ist, dann sollte damit der konzeptualisierte Verzicht auf eine selbstständige Bildung von Innenräumen bezeichnet werden.(10)

Ludwig Mies van der Rohe / Ludwig Hilberseimer / Alfred Caldwell, Lafayette Park, Detroit, Michigan, USA 1959, Foto: Fernando Schapochnik

Ludwig Mies van der Rohe / Ludwig Hilberseimer / Alfred Caldwell, Lafayette Park, Detroit, Michigan, USA 1959, Foto: Fernando Schapochnik

Raumverständnis für Stadt
Wenn wir vonseiten der Architektur zur Beschreibung der Räumlichkeit der Stadt kommen, dann müssen wir das hier beschriebene architektonische Raumverständnis weder infrage stellen noch müssen wir das hinterlegte theoretische Modell wechseln, etwa den absoluten gegen den relationalen Raumbegriff: Wir beschreiben die Wirklichkeit der Räume der Stadt als wahrgenommene räumliche Situationen, welche mancherorts eher innenräumlich und andernorts mehr außenräumlich erscheinen und entsprechend auf uns wirken. Dabei ist anzumerken, dass wir hinsichtlich der innenräumlichen Stadt über einen tradierten theoretischen Diskurs und eine differenzierende Typologie der Räume verfügen, die für das städtebauliche Entwerfen eine enzyklopädische Referenzsammlung hervorgebracht haben. Gleiches kann selbstredend für die außenräumliche Stadt so nicht geltend gemacht werden, da sie – jedenfalls in der Tradition der architektonischen Moderne – eben nicht in differenzierten Räumen, sondern vielmehr als kontinuierlicher Raum gedacht wird. Eine solche relationale Raumvorstellung aber wendet die Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich vermehrt der Form, der Morphologie baulicher Strukturen, einer Stadt der Objekte zu. Wollten wir diese überkommene Raumvorstellung überwinden, dann hätten wir auch die außenräumliche Stadt als Stadt der Räume vorzustellen, zu beschreiben und zu bestimmen. Einer Typologie der Außenräume der Stadt käme so auch die Aufgabe zu, eine differenzierte inhaltliche Bestimmung der üblichen und allzu allgemeinen Begriffe – wie etwa den der Stadtlandschaft – einzuführen und zu einem synchronen Raumverständnis für die Innen- und Außenräume der Stadt beizutragen.

Wiesbaden um 1900, Figur-Grund-Plan

Wiesbaden um 1900, Figur-Grund-Plan, Abb. aus: Rowe, Colin / Koetter, Fred: Collage City, Basel 1984 (Cambridge/Mass. 1978)

Die Moderne und die „offene Stadt“
In Opposition zu Sittes Raumästhetik der Stadt ging auch der Städtebau dieser Epoche vermehrt von einem relational konzipierten Raumverständnis aus: Mit der Öffnung städtischer Räume sollte unter anderem eine tiefe Durchdringung von Stadt und Landschaft erreicht werden. Die Gebäude ließ man als Solitäre auftreten, die in hygienisch konnotiertem Grün angeordnet waren und untereinander eine kompositorische Beziehung unterhielten, die nicht in eigenständigen Räumen gedacht gewesen war. Wenn im Betreff dieser modernen Entwicklung des Städtebaus, die bis in die Gegenwart nachwirkt, von „Stadtvergessenheit“(11) die Rede gewesen ist, dann war insofern auch hier der konzeptualisierte Verzicht auf eine selbständige Bildung von gewidmeten Stadträumen in Form von Straßen und Plätzen gemeint.(12)

Le Corbusier, Plan Voisin, Paris 1922 – 1925, Massenplan

Le Corbusier, Plan Voisin, Paris 1922 – 1925, Massenplan, Abb. aus: Rowe, Colin / Koetter, Fred: Collage City, Basel 1984 (Cambridge/Mass. 1978)

Räumlichkeit von Architektur und Stadt
Ein gewidmetes Erscheinenlassen von Räumen an Orten ist Aufgabe der Architektur. Alle anderen Bestimmungen – wie die zuvor genannten inneren und äußeren – sind auf dieses Ziel ausgerichtet: Wir bauen der Räume wegen. Es sind daher architektonische Räume, die wir wohnend in Gebrauch nehmen. Und was für das Haus gilt, das gilt doch auch in gleicher Weise für die Stadt: Das gewidmete Erscheinenlassen von Räumen an Orten ist Aufgabe auch des Städtebaus! Nur, dass wir in diesem Fall nicht allein mit architektonischen Räumen umgehen, also mit Innenräumen, sondern eben zugleich auch mit anderen Räumen, mit zu differenzierenden Außenräumen, aber jedenfalls nicht mit „dem“ Raum. Die außenräumliche Stadt sollte nicht länger als ein diffuses Kontinuum verstanden, sondern als gegliederter Zusammenhang außenräumlich erfahrbarer Situationen, Orte und Felder, Quartiere und Stadtteile vorgestellt werden, die den verschiedenen Charakteren und Atmosphären im „Spannungsfeld zwischen Stadt und Landschaft“(13) Rechnung tragen. Der Architektur käme so auch die Aufgabe zu, diese Außenräume eindeutig zu identifizieren, indem sie begrenzt, konturiert und markiert, indem sie auch die Übergänge zwischen den Räumen räumlich erfahrbar gestaltet und den insofern geglie­derten städtischen Zusammenhang einer „Stadt der Räume“(14) zuführt.

Prof. Dipl.-Ing. Uwe Schröder (*1964) studierte Architektur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1993 unterhält er ein eigenes Büro in Bonn. Nach Lehraufträgen in Bochum und Köln war er von 2004 bis 2008 Professor für Entwerfen und Architekturtheorie an der Fachhochschule Köln, seit 2008 ist er Professor am Lehr- und Forschungsgebiet Raumgestaltung an der RWTH Aachen University. Als Gastprofessor lehrte er an der Università di Bologna (2009 – 2010), an der Università degli Studi di Napoli „Federico II“ (2016), am Politecnico di Bari (2016), an der Università degli Studi di Catania (2018), am Politecnico di Milano (2018 – 2019) und an der Università degli Studi di Parma (2020 – 2021). Uwe Schröder ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift.

Anmerkungen
(1) Atmosphärische Störung. Gegen eine Architektur der Verachtung, Der Philosoph Mickaël Labbé im Gespräch mit Michael Magercord, Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 10.05.2020: https://www.deutschlandfunk.de/atmosphaerische-stoerung-gegen-eine-architektur-der.1184.de.html?dram:article_id=475397#, Seitenaufruf: 19.11.2020.
(2) „Architektur ist Folie des Menschenlebens, aber nur beide Erscheinungen zusammen: Das Rahmenwerk und das Füllwerk ergeben in gewissem Sinne den Vollbegriff ‚Architektur‘“, Sörgel, Hermann: Architektur-Ästhetik, 3. Aufl., München 1921, S. 269.
(3) Vgl. auch die erschienenen Heftausgaben zu „Grundlagen der Architektur“: ort. grundlagen der architektur I (der architekt 3 / 17), material. grundlagen der architektur II (der architekt 6 / 17), funktion. grundlagen der architektur III (der architekt 6 / 18), konstruktion. grundlagen der architektur IV (der architekt 6 / 19).
(4) Vgl. u. a. Schröder, Uwe: Verlust des Raumes, in: der architekt 1 / 2000, Verlust des Raumes, initiiert v. Andreas Denk, S. 19-21.
(5) Vgl. Die Korrespondenzen von Leib und Architektur. Urphänomene, in: Meisenheimer, Wolfgang: Das Denken des Leibes und der architektonische Raum, Köln 2000, S. 24ff.
(6) Vgl. Schröder, Uwe: Die Wand. Grenze der Architektur – Architektur der Grenze, in: der architekt 4 / 16, S.20-25.
(7) Ebd., S. 20f.
(8) So kommt beispielshalber László Moholy-Nagy zu der relationalen Auffassung: „raumgestaltung ist die gestaltung von lagebeziehungen der körper.“, Ders.: von material zu architektur (1929), in: Wingler, H. M. (Hrsg.), Berlin 2001, S. 193-211.
(9) Schröder, Uwe: Die eingeräumte Stadt (2008), in: Ders.: Die zwei Elemente der Raumgestaltung. Ausgewählte Schriften, hrsgg. am Lehr- und Forschungsgebiet Raumgestaltung der Fakultät Architektur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Tübingen / Berlin 2009, S. 69ff.
(10) Vgl. Erläuterungen zur „Naturwissenschaft des Raumes“, in: Denk, Andreas / Schröder, Uwe / Schützeichel, Rainer (Hrsg.), u. wiss. Mitarb. v. Schriner, Christopher: Architektur. Raum. Theorie. Eine kommentierte Anthologie, Tübingen / Berlin 2016, S. 13ff.
(11) Schröder 2009 (wie Anm. 9), S. 69ff.
(12) Denk / Schröder / Schützeichel 2016 (wie Anm. 10), S. 13ff.
(13) Vgl. bes. auch die Sammlung außenräumlicher Situationen, in: Magnago Lampugnani, Vittorio / Domhardt, Konstanze Sylva / Schütz­eichel, Rainer (Hrsg.): Enzyklopädie zum gestalteten Raum. Im Spannungsfeld zwischen Stadt und Landschaft, Zürich 2014.
(14) Zur Begrifflichkeit „Stadt der Räume“ vgl. auch: Denk, Andreas / Schröder, Uwe (Hrsg.): Stadt der Räume. Interdisziplinäre Überlegungen zu Räumen der Stadt, Tübingen / Berlin 2014.

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