Buch der Woche: Spekulationen. Transformationen

Szenario D

Matthias Böttger, Stefan Carsten und Ludwig Engel wagen Ausblicke. „Spekulationen Transformationen“ stellt „Überlegungen zur Zukunft von Deutschlands Städten und Regionen“, so der Untertitel der Anfang des Jahres vorgestellten Publikation, an. Zu Beginn des Buches stehen die Fragen, wie Deutschland im Jahr 2050 aussehen könnte und wie wir in diesem Land in gut dreißig Jahren leben wollen. Die Inhalte des Buches sind dabei Ergebnisse von mehreren „Zukunftswerkstätten“, die die Macher mit einem weitgefächerten interdisziplinären Teilnehmerkreis durchgeführt haben.

Den Auftakt bildet der Analyse-Teil mit Gesprächen und einem grafisch ansehnlich aufbereiteten Kartenteil. Interviews, Thesen und kleinere Essays für diese analytische Bestandsaufnahme liefern unter anderem Frauke Burgdorff, Claus Leggewie, Heinz Bude, Konrad Götz und Klaus Hurrelmann. Zum Teil sind diese Beiträge sehr lesenswert, etwa wenn Julian Petrin formuliert, dass künftig eine immer breiter werdende Bevölkerungsschicht das Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung stärker denn je einfordern wird. Folgerichtig führt er aus: „Diese Entwicklung bringt mit sich, dass klassische Stadtplanungsinstrumente nicht mehr greifen und sich die politisch-planerischen Strukturen der Städte nach und nach kommunitarisieren könnten.“ Oder wenn Armin Grunwald im Interview auf den Punkt bringt: „Die Energiewende ist eine Transformation der Gesellschaft und nicht einfach der Ersatz von alter Technik durch neue.“ Kaum etwas ist dabei nicht schon an anderer Stelle gesagt oder geschrieben worden – es erneut zu betonen und in dieser Zusammenschau darzustellen, ist dennoch unerlässlich. Bemerkenswert auch, dass diese Aussagen nun in einem Buch gesammelt sind, das im Rahmen eines Forschungsprojekts des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit BMUB und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) entstanden ist.

Dem hehren Ziel, ein besseres Verständnis der Gegenwart zu ermöglichen, folgt der analytische Kartenteil. Er fügt mehrere Karten der Bundesrepublik aneinander, die unterschiedliche gestaltgebende Parameter aufbereiten. Die Daten dafür kommen von den laufenden Raumbeobachtungen des BBSR, Themen sind neben anderen zum Beispiel Bevölkerungsverteilung, Verkehrs- und Energietrassen, Flächenversiegelung und Wälder, verschiedene Energieträger, kommunale Schulden und Immobilienpreise, Wahlbeteiligung und die Quote sogenannter „Hartz-IV-Empfänger“ sowie Jugendliche und Haushalte im Rentenalter. Diese Karten sind nicht nur schön anzusehen, sie sind auch aufschlussreich. Sie zeigen konkrete Wechselbeziehungen auf, machen deutlich, worunter manche Regionen leiden und in welchen Gegenden sich Potentiale auftun, oder wo im Land diese schon genutzt und wo noch geborgen werden müssen.

Spekulativ ist die Mitte – und das Zentrum – des Buches. Hier wird der Auftaktfrage, wie Deutschland 2050 aussehen könnte, nachgegangen. Dafür wurden drei „Spekulationen“ genannte Szenarien entwickelt, die fallweise auf konkrete Orte angewendet werden. Das erste Szenario verhandelt eine Exportnation, deren Bevölkerung auf rund 65 Millionen Einwohner geschrumpft, stark überaltert und in einer von Großkonzernen kontrollierten Superstruktur organisiert ist. Das „Netzland“. Daneben existieren kleinste Parallelgesellschaften junger Aussteiger, die alternative Modelle zur Netzgesellschaft erproben.

Das nächste Modell ist ein ökologisch-kommunitaristisches Einwanderungsland, das dem größten Teil seiner Bevölkerung anno 2050 Zugang zu hochwertiger Bildung ermöglicht und auf einer von stabilem bürgerschaftlichen Engagement geprägten Demokratie gründet. Die Zersiedelung ist eingedämmt, rund um die Wohnstätten bilden Bio- und Naturgürtel die Naherholungsgebiete und Pufferzonen zu den entvölkerten Landschaften, die von nachhaltiger Nahrungsmittel- und Energieproduktion genutzt werden. Die vermeintlich heile Welt dieses „Integrallandes“ wird von Anschlägen und Sabotageakten gestört sowie von kleineren Gruppen Protestierender, die jedoch noch umgehend und relativ geräuschlos von der Polizei in Gewahrsam genommen werden.

Szenario Nummer drei ist das „Wattland“. Die Triebkraft der 75 Millionen Einwohner ist nicht länger der Euro, sondern die Energie. Dienstleistungsökonomie und Wissensgesellschaft haben einen hohen Energiebedarf, so dass „Watt“ das bestimmende Gut geworden ist. Nur die „Wattreichen“ können es sich erlauben, die übervölkerten Städte zu verlassen und ein energieintensives Leben jenseits der Ballungsräume zu führen. Die mittleren und unteren Schichten verbleiben – mehr oder minder sich selbst überlassen – in den Städten.

Im vierten Teil des Buches werden diese Beobachtungen reflektiert. Dafür hat der Niederländer Matthijs Bouw eine Art kulturellen Setzkasten entwickelt, um unterschiedliche Szenarien als Kommunikationsmittel räumlich zu verorten. Der belgische Geograf Erik Swyngedouw hinterfragt die Prämissen der Planbarkeit bestimmter Prozesse. Der österreichische Philosoph Armen Avanessian fordert, für einen Blick in die Zukunft, Begriffe der Moderne wie „Emanzipation“, „Fortschritt“ oder „Aufklärung“ wieder positiv aufzuladen und mit aktualisierten Inhalten zu beleben, um eine tatsächliche Veränderung unserer Zukunft anzudenken: „Wir müssen uns Zukunft wieder erarbeiten und uns eine Zukunft, in der wir tatsächlich leben wollen, vorstellen.“

Den abschließenden vierten Teil der gut 270 Seiten starken Publikation bilden „Transformation“ genannte Rückschlüsse aus dem Vorangestellten. Diese möglichen Muster für eine verändert gelebte Umwelt werden etwa in alternativen Wohlstandsmodellen, energetischer Autarkie, Fragen nach Gewinnung und Speicherung nicht-fossiler Energien oder dem Phänomen des Tauschen und Teilens gedacht. Bebildert wird dieser Teil mit wunderbaren Fotografien von Armin Linke.

Die Gestaltung von „Spekulationen Transformationen“ hat das in Berlin ansässige schweizerische Grafikdesignbüro Onlab übernommen. Nicolas Bourquin, Thibaud Tissot und ihrem Team ist dabei ein über weite Strecken sehr schönes Buch gelungen. Die bereits erwähnten Karten etwa sind nicht nur informativ, sondern auch grafisch fein aufbereitet. Zahlreiche Sonderfarben kommen im Druck zum Einsatz, was der bei Lars Müller Publishers verlegten Publikation neben dem Papier einen wirklich edlen Charakter gibt. Auch das Konzept, Querverweise innerhalb des Buches mit Punkten in orange im Text und entsprechenden Seitenzahlen am Rand der Textblöcke zu versehen, ist überzeugend – grafisch wie funktional. Eben diese Textblöcke allerdings sind einer der wenigen Wermutstropfen dieser ansonsten rundum gelungenen Publikation. Im vorderen Drittel des Buches springen sie wild umher, Einzug um Einzug jagen sich die Absätze gegenseitig über die Seiten. Das ist mindestens ein grafisches Stilmittel zu viel. In Anbetracht der Fernwirkung des Buches und dem gewagten Ausblick dürfte das – neben der gewählten Schrift – eines der Dinge sein, die „Spekulationen Transformationen“ anno 2050 deutlich als Kind des ausgehenden ersten Jahrzehnts der 2000er kenntlich machen.

David Kasparek

Matthias Böttger, Stefan Carsten, Ludwig Engel (Hrsg.): Spekulationen Transformationen. Überlegungen zur Zukunft von Deutschlands Städten und Regionen, mit Beiträgen von Thomas Auer, Armen Avanessian, Stefan Bergheim, Matthjs Bouw, Armin Linke, Erik Swyngedouw, 274 S., 160 Abb., Hardcover, 39,– Euro, Lars Müller Publishers, Zürich 2016 ISBN 978-3-03778-471-6

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