tatort

Wilde Zeiten

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Exemplar der Studienausgabe von Werner Durths und Paul Sigels „Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels“. Einsendeschluss ist der 20. November 2017.

Die systematische Ausbildung von Architekten in dieser Stadt begann schon 1799 in einer eigens dafür gegründeten königlichen Institution, über deren Wiedererrichtung gerade nachgedacht wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich eine ganze Reihe von Architekturlehrern der neu begründeten Technischen Universität am Wiederaufbau der Stadt. Einer von ihnen entwarf nach den Parametern der internationalen Moderne die Neubebauung eines Platzes. Trotz einiger Abstimmungsprobleme mit einem Konkurrenten kam der Entwurf des Architekten zur Ausführung: Er hatte eine offene Platzform vorgeschlagen, deren Raumbildung durch Hochhäuser insbesondere bei der Bewegung mit dem fahrenden Auto erlebt werden sollte. Die Hochbauten entstanden bis in die 1970er Jahre nach Plänen mehrerer Architekten für die Nutzung durch große Wirtschaftsunternehmen und durch die TU.

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Wichtiger Bestandteil der Planung war ein Neubau für die Architektenausbildung, die der gesuchte Architekt selbst übernehmen konnte. Er stammte eigentlich aus dem Hunsrück, war aber bei Paul Bonatz in Stuttgart diplomiert worden und arbeitete dann in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre als Architekt bei Herbert Rimpl und dem späteren BDA-Präsidenten Wilhelm Wichtendahl für kriegswichtige Industrieunternehmen. In Wichtendahls Auftrag ging er nach Hamburg, wo er nach dem Krieg – als „politisch unbelastet“ eingestuft – im Wiederaufbau stadtprägende Bauten entwarf. 1955 wurde er als Architekturlehrer in die gesuchte Stadt berufen. Der Bau des neuen Universitätsgebäudes fiel in eine wilde Zeit: Die Studenten richteten sich gerade in diesen Jahren nicht nur gegen den Vietnam-Krieg und den weltweiten „Imperialismus“, sondern auch gegen die personell und rituelle Kontinuität in Deutschland vor und nach dem Krieg.

In die Phase der massivsten Auseinandersetzungen in Stadt und Hochschule fiel der Umzug der Fakultät in das neue Haus am neuen Platz, dessen innovative Architektursprache immerhin überhaupt keine Ähnlichkeit mit nationalsozialistischer Repräsentationsarchitektur hatte. Wohl richteten sich die Proteste der Studenten nicht gegen das Gehäuse, aber gegen die Studienbedingungen („Unter den Talaren: Muff aus tausend Jahren“), die mit ihm verbunden waren. Folge der Proteste: Ein Jahr nach Fertigstellung des Baus wurden die Fakultäten der TU in Fachbereiche aufgegliedert.

Die Architekturausbildung fand nun als Gesellschafts- und Planungswissenschaften, als Umwelttechnik und als Bauplanung und -fertigung statt. Insbesondere die theoretische Diskussion über soziale oder ökonomische „Verhältnisse“ und planerische „Bedingungen“ der Architektur rückte in die Mitte des Studiums. Zugleich wuchs der Andrang auf das „gesellschaftsrelevante“ Fach: Der Neubau der Fakultät war für 600 Studierende konzipiert, zum Zeitpunkt des Bezugs musste er bereits über 1000 Studenten aufnehmen. Heute ist das „Institut für Architektur“ nach zahlreichen organisatorischen Reformen Teil einer „Fakultät für Planen Bauen Umwelt“. Das Gebäude aus wilden Zeiten steht indes schon seit Mitte der 1980er unter Denkmalschutz. Wo steht das Gebäude und wer hat es wann entworfen?

Der „tatort“ unserer Ausgabe 4 / 17 war das Gebäude der Westdeutschen Landesbank und der Landesbausparkasse (LBS) in Münster. Der Vorsitzende der WestLB, Ludwig Poullain, beauftragte den Münsteraner Architekten Harald Deilmann 1965 mit der Planung, 1975 wurde der letzte Bauabschnitt fertiggestellt. In Dortmund entstand zwischen 1975 und 1977 eine Niederlassung der WestLB und der Dresdner Bank mit fast gleichem Aussehen. Der Gewinner des Buchpreises ist Wilfried Limke aus Münster.

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