tatort

Kontrast zum Monument

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine spezifische Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine besondere Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir wie immer ein Buch. Einsendeschluss ist der 18. Mai 2018.

Der Tatort liegt in einer Hafenstadt. Als deren frühneuzeitliche Stadtbefestigung abgetragen wurde, entstand hier zunächst der Neubau eines Klosters, das schließlich in den 1920er Jahren einem großen „Messehaus“ Platz machen sollte. Nachdem die Weltwirtschaftskrise den geplanten Bau des Hochhauses verhindert hatte, plante ein Architekt in den 1930er Jahren an dieser Stelle einen monumentalen Verwaltungsbau für die städtischen Verkehrsbetriebe. Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Bauarbeiten, die Ruine wurde nach Kriegsende abgebrochen. In den frühen 1950er Jahren griff die Stadt die Pläne einer Bebauung der Brache wieder auf und beauftragte denselben Architekten, der sich bereits am Wettbewerb um das Messehaus beteiligt und die Planungen für den Verwaltungsbau der dreißiger Jahre verfasst hatte, mit einer neuen Konzeption.

Foto: Andreas Denk

Der Architekt entwarf vier quer zur Straße stehende Hochhausscheiben, die durch eine flache, ursprünglich zweiseitig erschlossene Ladenzeile mit Kegelbahn und Tiefgarage miteinander verbunden sind. Damit aktualisierte er die monolithischen Messehaus-Entwürfe der 1920er Jahre mit einer typischen Nachkriegstypologie, die ausdrücklich „an die fortschrittliche Architektur der (…) zwanziger Jahre“ anknüpfen sollte. Das Bauwerk wurde mit weißen Leca-Keramikplatten verkleidet, erhielt umlaufend Schwingfenster aus rötlichem Holz und kontrastierte so die anschließende monumentale Backsteinarchitektur der 1920er Jahre. Genauso interessant wie die Planungsgeschichte ist die des Verfalls: In den 1970er Jahren ersetzt man die roten Holz- durch weiße Plastikfenster und brachte graugrüne Faserzementplatten über den weißen Keramikplatten an.

Im Zuge von Umbauarbeiten wurde eine Seite der Ladenerschließung geschlossen. Immerhin dient der Bau derzeit als Sitz einer städtischen Behörde, die jedoch in diesem Jahr umziehen soll. Bei einem Bieterverfahren fand der Vorschlag eines bekannten Architekturbüros, das denkmalgeschützte Gebäude in den ursprünglichen Zustand zu versetzen, großen Zuspruch. Der Entwurf wurde jedoch nach der Änderung der Ausschreibungsbedingungen ausgeschlossen. Im März 2018 beschloss der Rat der Stadt „aus überwiegendem öffentlichen Interesse“ trotz erheblicher, bis heute anhaltender Proteste den Abriss der stadtbildprägenden, aber herabgewirtschafteten Immobilie. Inzwischen hat ein Privatunternehmer einen Wettbewerb ausgelobt, dessen Siegerentwurf einen Neubau mit Wohnungen, Büros, einem Hotel, Läden, gastronomischen Betrieben und einer Kindertagesstätte vorsieht. Dessen Formensprache lehnt sich stark an die benachbarten Kontorhäuser an, die zum Weltkulturerbe der Stadt gehören. Die Abrissgegner erwägen nun juristische Schritte, um das Ensemble in letzter Sekunde zu retten. Wo steht das gefährdete Gebäude, wie heißt es und wie sein Architekt?

Der „tatort“ der Ausgabe 1/18 war das Ensemble der Ruhr-Universität Bochum, das nach Plänen des Düsseldorfer Büros Hentrich, Petschnigg & Partner zwischen 1962 und 1974 entstand. Der Gewinner des Buchpreises ist Benedikt Schulz aus Leipzig.

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*