neu im club

Stadt als Ressource

David Cook, Architekt BDA, haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart

Das Ladenlokal, in dem Stephan Zemmrich, Martin Haas und David Cook mit ihrem Büro Studio 2050 residieren, ist fest verwurzelt im kulturellen Gedächtnis Stuttgarts. Von 1987 bis 2013 führte Marc Hug hier – an der Ecke Gymnasiumstraße / Leuschnerstraße – die legendäre Filmgalerie 451. Hug hatte mit dieser besonderen Videothek einen weit über Stutt-gart hinausgehenden guten Ruf genossen, ehe ihn der sich verändernde Filmmarkt zunächst zur Verkleinerung und schließlich zur Aufgabe des eigenen Betriebs zwangen. Haas, Cook und Zemmrich hatten 2012 zuerst den kleineren Teil der Filmgalerie als Untermieter bezogen. „Hug war mein Nachbar“, erläutert Cook die Verbindung. Nachdem Hug und seine Filmgalerie schließlich Stuttgart den Rücken kehrten, um mit einiger Verzögerung in Berlin neu zu eröffnen, übernahm das Studio 2050 das gesamte Ladenlokal.

Auf den drei unterschiedlich hohen Ebenen des hellen fünfziger-Jahre-Raums arbeiten inzwischen 30 Architektinnen und Architekten, alle zur Verfügung stehenden Wandflächen sind tapeziert mit Farbtafeln und Mood-Boards, mit Materialproben und Plänen unterschiedlicher Arbeitsstände der aktuellen Projekte. „Wir arbeiten momentan an fünf Baustellen gleichzeitig“, erklärt David Cook. Anstrengend sei das. So sehr, dass es das Büro an seine Grenzen bringe, aber – und er fügt dies mit einem blitzenden Funkeln in den Augen hinzu – es sei eben auch „toll und inspirierend“.

haascookzemmrich STUDIO 2050, Deutscher Pavillon Expo 2015, Mailand, Entwurf 2012–2013, Schnitt, Abb.: STUDIO 2050

„Es muss möglich sein, anders zu planen und zu bauen, als wir das in den letzten 50 Jahren getan haben.“ Diese These, so der in England geborene Architekt, stand am Anfang der Selbständigkeit. Zuvor hatten die drei Architekten gemeinsam bei Behnisch Architekten gearbeitet, Haas und Cook sechs Jahre lang als Partner. Das Wissen um die Denk- und Arbeitsweisen der Partner sei dabei stetig gewachsen, so Cook: „Martin und ich kennen uns seit über zwanzig Jahren.“

Zu Beginn, erklärt der Architekt, „haben wir uns gemeinsam hingesetzt und überlegt, wer uns dabei helfen kann, unser Ziel zu erreichen.“ Lachend schiebt er ein, dass das natürlich nicht immer ganz einfach sei, müsse man doch am Ende des Tages genug Geld für die eigenen Lebenshaltungskosten erwirtschaften. Dennoch haben sich Stephan Zemmrich, Martin Haas und David Cook mit dem Studio 2050 eine klare Agenda gegeben: „Wir sind der Meinung, dass wir die Lösungen für die Probleme, vor denen wir als Gesellschaft stehen, nicht alleine finden können. Hier, an diesem Standort soll ein Austausch stattfinden, zwischen uns, Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, Freunden und Bekannten – Menschen, mit denen wir in den letzten 20 Jahren zusammen gearbeitet haben – und neuen jungen kreativen Köpfen, die als Mitarbeiter zu uns ins Büro kommen. Jeder soll etwas beitragen zu unserer Agenda.“

haascookzemmrich STUDIO 2050, Kulturhaus Karlstorbahnhof, Heidelberg, Machbarkeitsstudie 2012–2013, Schnitt, Abb.: STUDIO 2050

Diese Agenda ist geprägt von der Frage, wie nachhaltige Architektur und Stadtplanung vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher Bedingtheiten aussehen kann. Schon vor seiner Zeit bei Behnisch spielte für Cook die Idee einer ökologischen Architektur dabei eine zentrale Rolle. Besonders die Arbeiten des englisch-australischen Architekten Glenn Murcutt seien es gewesen, die ihn beeindruckten, berichtet er. Murcutts Idee einer Architektur, die Gebautes und Umwelt zu einer Einheit amalgamiert und möglichst wenig negativen Einfluss auf die Natur ausübt, fasste er schließlich, ein Aborigine-Sprichwort aufnehmend, in seinem Buch „Touch this earth lightly“ zusammen.

Klar sei aber, so Cook, dass man nur sehr selten alle Punkte der eigenen Agenda in einem Projekt verwirklichen kann. Die zur Verfügung stehenden Mittel oder schlicht die Art und Weise, wie derzeit von Seiten der öffentlichen Hand ausgeschrieben würde, verhindere das. Dennoch versucht das Studio 2050 stets möglichst viele umweltfreundliche Materialien zu verwenden oder die Energiekonzeption so ausgewogen wie möglich zu entwickeln. Deshalb haben sich Haas, Cook und Zemmrich von Beginn an ambitionierte Ziele gesetzt, was inzwischen dazu führt, dass sich das Büro ein so prägnantes Profil erarbeitet hat, dass sich Bewerberinnen und Bewerber genau deshalb für Studio 2050 entscheiden. „Wir fragen die Leute, die hierher kommen, warum sie bei uns arbeiten wollen. Und viele sagen, dass sie etwas beitragen wollen zum Thema ‚nachhaltige Architektur‘ oder ‚nachhaltige Stadtentwicklung‘.“

Die Projekte, die in den letzten fünf Jahren meist mit interdisziplinären Ansätzen entstanden, versuchen genau das: auf unterschiedlichen Maßstabsebenen etwas zur dringend notwendigen Debatte darüber beizutragen, wie Architektur und Stadtentwicklung in Zeiten schwindender Ressourcen und sich stetig wandelndem Klima aussehen können. Im Süden Darmstadts etwa entstehen auf dem Alnatura-Campus zur Zeit ein Bürogebäude mit 10.000 Quadratmetern Fläche, ein Supermarkt, ein Kindergarten und eine „Bio-Erlebnisfarm“ auf dem Gelände der ehemaligen Kelley-Baracks – einem ehemaligen Kasernenareal. Holz und Lehm kommen hier ebenso zum Einsatz wie wiederverwertbare Materialien. Das Hauptgebäude wird geprägt von einer asymmetrischen Dachfigur, die das darunter liegende Atrium mit Nordlicht versorgt. Entlang dieser, von einigen unterschiedlich stark geneigten Treppen und Stegen überspannten gebäudehohen Halle, schwingen die Geschossflächen weit vor und zurück. So ergeben sich verschiedene Räume mit divergierenden Raumhöhen und Bürokonstellationen.

haascookzemmrich STUDIO 2050, Musikschule und Konzertsaal, Ventspils, Lettland 2014–2019, Abb.: STUDIO 2050

Voraussichtlich Anfang nächsten Jahres eröffnen Musikschule und Konzertsaal im lettischen Ventspils. An der Ostsee gelegen, finden sich hier am Rande eines polygonal geometrisch gegliederten Parks Raumvolumen unterschiedlicher Größe unter einem gemeinsamen Dach ein, das die vielschichtige Formensprache der Außenanlagen fortschreibt. Der Konzertsaal für 600 Personen, Musikschule, kleiner Saal, Musikbibliothek und Serviceräume sind als klassische Boxen ausgeführt, zwischen denen sich freischwingende Balkone, Terrassen und Foyerflächen aufspannen. Das Projekt hat eine lange Planungshistorie, unterbrochen von der Finanzkrise, die Lettland 2009 beutelte. Dass der Bau so in einer Phase wurzelt, in der die drei Büropartner als Mitarbeiter und Partner bei Behnisch aktiv waren, ist dem Projekt im positiven Sinne durchaus anzusehen.

haascookzemmrich STUDIO 2050, Quartier T5, Mannheim 2016 – 2019, Abb.: STUDIO 2050

Auf der Rasterstruktur des Mannheimer Stadtgrundrisses wird momentan zudem das Quartier T5 realisiert. Die umgebende Blockrandbebauung adaptierend, bildet der geschlossene Block mehrere Einzelhäuser, die zu den Straßen hin eine homogene Raumkante schließen, sich zur Blockinnenseite jedoch vielgestaltig in Höhe und Tiefe zergliedern. Die entstehenden Vor- und Rücksprünge werden mit Terrassen und Loggien belegt. Im Innern der Häuser entstehen bis zu acht unterschiedlich große Wohnungstypen, deren Raumzuschnitte wenig determiniert erscheinen und so eine individuelle Ausrichtung der Wohnung erlauben: was Wohn-, Arbeits- oder Kinderzimmer werden wird, ist ob ihrer Größe zunächst nicht vorgegeben.

Bemerkenswert auch der jüngst mit einer Auszeichnung aus einem internationalen Wettbewerb hervorgegangene Entwurf für die Erweiterung und Sanierung der Kunsthalle Karlsruhe. Die notwendigen Funktionsräume für Foyer, Shop, Café und Veranstaltungen bringen haas cook zemmrich – wie auch die Wettbewerbsgewinner Staab Architekten – im Innenhof unter, der überdacht wird. Hier wird eine der wesentlichen Herangehensweisen von Studio 2050 deutlich: Im Gespräch in den Stuttgarter Büroräumen sagt David Cook mit Blick auf die gegenüberliegende Liederhalle: „Wenn wir über eine zukunftsfähige Architektur nachdenken, müssen wir vor allem darüber befinden, wie wir den Bestand nutzen können.“ Für Cook ist die Stadt dabei eine bei weitem nicht genutzte Ressource: „Wir müssen Wege finden, dieses latente Potential besser zu nutzen um eine lebendigere und inspirierendere Lebenswelt zu schaffen.“

haascookzemmrich STUDIO 2050, Sanierung und Erweiterung Kunsthalle, Karlsruhe, Entwurf 2017, Abb.: STUDIO 2050

Dieses Verständnis, das transdisziplinäre Arbeiten und der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen führen im Fall von Studio 2050 eben nicht zu einem tagesaktuellen und damit wohlfeilen architektonischen Chic, sondern zu – bereits in Konzeption und Planung anders und damit angemessen gedachten – Projekten, die jedes für sich einen Ansatz für die gesuchten Antworten darauf liefern, wie wir unsere Architekturen so robust gestalten können, dass sie den heutigen und womöglich kommenden Herausforderungen standhalten.

David Kasparek

www.haascookzemmrich.com

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit David Cook, Martin Haas, Stephan Zemmrich und Jörg H. Gleiter:
2. Mai 2018, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion:
3. Mai bis 6. Juli 2018

www.neuimclub.de
www.daz.de
www.derarchitektbda.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von dormakaba, Erfurt und Heinze und den BDA-Partnern.

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