tatort

Der erste und der letzte Bau

Auch in der letzten Ausgabe des Jahres suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte der Nachkriegszeit spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir ein Exemplar des Buchs „Umbaukultur – Für eine Architektur des Veränderns“ von Christoph Grafe und Tim Rieniets. Einsendeschluss ist der 15. Januar 2021.

Der „tatort“ liegt in einem Badeort an der Ostsee. Er ist das Frühwerk eines Architekten, der sich viele Jahre später an die denkwürdige Geschichte des Bauwerks erinnerte: Nach der bestandenen „Werkarchitektenprüfung“ habe er bei der Familie an der Ostsee Urlaub gemacht. Dort hörte er vom geplanten Bau eines Gebäudes im Nachbarort und erkundigte sich, ob man schon einen Architekten dafür habe. Die zuständige Amtsperson verwies ihn an einen Zimmermann, auf dessen Veranda bis dahin das Ritual stattfand, dem der Bau zugedacht war. Innerhalb eines Jahres legte unser Mann den Entwurf für einen holzverkleideten Dreigelenkbinderbau mit einem Sockel aus Betonbrocken und Reetdach vor, den das zuständige Gremium billigte. Damit begannen die Schwierigkeiten erst: Insbesondere die Beschaffung der konstruktiv nötigen Eisenteile erwies sich als äußerst schwierig. Die seinerzeitige Materialbewirtschaftung machte es notwendig, dass das Eisen aus einem sich damals ideologisch anders orientierenden Landesteil bezogen werden musste. An einem Kontrollpunkt wurde das Material beschlagnahmt, schließlich aber mit einem Kühlwagen und dem Motorboot „Spatz“ weitertransportiert. Im Weiteren wurden die Bauausführung durch das Erscheinen von Kriminalbeamten behindert, ein mehrmaliger Bauplatzwechsel, Probleme mit der Denkmalpflege und bei der Holzbeschaffung und die Verhaftung des zuständigen Mitarbeiters in der Baubehörde folgten. Erst als sich ein einflussreicher Architekt des staatlichen Instituts für Bauwesen für den Architekten einsetzte, konnte er das Projekt fortsetzen – mit weiteren Unterbrechungen und amtlichen Stilllegungen der Baustelle. Zusammen mit dem Badeort wurde der Neubau indes schon während der Bauphase unter Denkmalschutz gestellt. Überall musste improvisiert werden: Die Innenausstattung wurde aus dem Holz einer Pappel gefertigt, die für den Bau gefällt wurde. Auch die marmorne Platte des väterlichen Schreibtischs und eine Messingschüssel, die die Mutter gestiftet hatte, stellte der Architekt in den Dienst des sakralen Bauwerks.

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Der gesuchte Entwerfer, der in Abänderung seines bedenkenswerten Vornamens oft „Gustav“ genannt wurde, machte sich später durch eine wegweisende städtebauliche Maßnahme bei einer Bauausstellung einen Namen. Ein Stadttheater, das er in Süddeutschland baute, lässt nichts mehr von seinen architektonischen Anfängen an der Ostsee ahnen. Am Lebensabend zog der Architekt in den Ort, in dem sein erstes Bauwerk steht. Dessen Erneuerung und Erweiterung nebst der Hinzufügung eines freistehenden Glockenturms waren seine letzten Bauaufgaben. Dass hier auch die Trauerfeierlichkeiten zu seinem Tod stattfanden, verknüpft den „tatort“ auf besondere Weise mit seinem Leben.

Um welches Gebäude handelt es sich, wer war sein Architekt, wann wurde es gebaut und wo steht es? Der „tatort“ aus der letzten Ausgabe war das Rathaus in Marl, das zwischen 1960 bis 1967 nach Plänen der niederländischen Architekten Johan Hendrik van den Broek und Jacob Bakema gebaut wurde. Die Gewinnerin des Buchpreises ist Astrid Wokalek aus Berlin.

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