tatort

Denkmal der Subversion

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 17. Mai 2021.

Der „tatort“ war eine Sport- und Freizeit­stätte. Sie entstand in einer östlich gelegenen Großstadt des Landes und war der letzte „Gesellschaftsbau“, der in einem heute nicht mehr existierenden Staatswesen entstand. Die Begründung des Stadtrats für den Bau der Anlage waren die „vielfältigen Bedürfnisse der Bürger und Gäste der Stadt nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung und sportlicher Betätigung“. Heutige Interpreten bringen den Bau des Gebäudes, der in den unterirdischen Räumen eines ehemaligen Umspannwerks aus den 1920er Jahren eingerichtet wurde, mit unübersehbaren Zerfallserscheinungen des Regierungssystems in Verbindung: Denn anders als übliche Kulturprojekte des Landes wurde der „tatort“ ohne Genehmigung und als sogenannter „Schwarzbau“ in Feierabendtätigkeit errichtet. Das „Jugendobjekt der Freien Deutschen Jugend“ entstand in 40.000 Stunden Arbeitszeit mit Hilfe von 6675 Personen. Dabei hatte der Architekt, unter dessen Federführung das Gebäude entstand, offenbar weitgehend freie Hand: „Ich konnte zum ersten Mal einfach bauen, wie ich wollte“, erinnerte sich der im Januar 2021 Verstorbene vor einigen Jahren. Die Ausstattung mit Marmor, Eichenparkett und einem ausgesprochen postmodern wirkenden gläsernen Foyer war extraordinär.

Foto: Gunnar Klack (via Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

Foto: Gunnar Klack (via Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

Die namensgebende Sportart des Gebäudes, eine amerikanische Variante des Präzisionssports Kegeln, konnte auf 14 Bahnen ausgeübt werden. Zudem gab es fünf Billardtische, sechs Spielcomputer vom Typ „Polyplay“, eine „Skatklause“ und das erste Fitnesscenter des Landes. Mehrere Gastronomiebetriebe, zwei Nachtbars und eine Speisebar sorgten für die nötige Erholung nach den sportlichen Strapazen. Über Umfang und Größe der Anlage erfuhr die Regierung in der Hauptstadt des Landes, die sämtliche Bauaktivitäten auf die Ausgestaltung seiner 750-Jahr-Feier konzentrierte, erst kurz vor der Eröffnung. Bis 1997 war das gesuchte Bauwerk eine vielbesuchte Location der Stadt, seitdem verfällt es zunehmend. Seit 2020 steht fest, dass das städtische Naturkundemuseum in die unterirdischen Räume des „tatorts“ einziehen soll, den die amerikanische Architektin Denise Scott Brown in einem Film zum Bau als „subversives Denkmal für die Demokratie“ gewürdigt hat. Was nach dem Umbau von der Originalsubstanz des denkmalgeschützten Baus – einem „der wenigen substanziellen Beiträge zur Architektur der Postmoderne“ in einem nicht mehr existenten Staat – erhalten bleibt, ist ungewiss. Um welches Bauwerk handelt es sich, wer hat es wann entworfen und wo steht es?

Der „tatort“ aus der architekt 1/21 war der Zentrale Omnibusbahnhof von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), den der Architekt Johannes Meyer und der Bauingenieur Christian Weise 1968 als Experimentalbau der Deutschen Bauakademie in Berlin (Ost) entworfen haben. Gewinner des Buchpreises ist Klaus Elliger aus Mannheim / Karlsruhe.

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