Andreas Hild

Umbau als Chance

Eine andere Sicht auf die Architektur

Alle Welt spricht vom Umbau. Trotzdem: Innerhalb der aktuellen Baupraxis handelt es sich dabei eher um eine Ausnahme. Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte hinweg war Umbau das übliche architektonische Verfahren. Man konnte es sich einfach nicht leisten, auf bereits Gebautes als vorhandene Ressource zu verzichten. Erst mit der Moderne haben sich die Materialien und Werkzeuge so weit verändert, dass Abriss und Neubau eine echte Option darstellen. Inzwischen ist der gesamte Gebäudekreislauf in Hinblick auf Abbruch und Neuerrichten optimiert. Umgestaltung oder Erweiterung großer Strukturen sind dagegen ökonomisch nur schwierig zu rechtfertigen.

Allerdings folgt die Ökonomie ausschließlich ihren eigenen Rahmenbedingungen. Jenseits davon gibt es unzählige gute Gründe für ein nachhaltigeres Verfahren. Parteiübergreifend ist es daher politischer Wille, die Umbaurate von derzeit gerade mal 1,5 Prozent deutlich zu steigern, ja sogar zu verdoppeln. Unabhängig davon, ob man dieses Ziel für ehrgeizig genug hält: Ohne gesetzliche Änderungen wird es nicht zu erreichen sein. Mit einer Bauordnung, die sich im Wesentlichen am Neubau orientiert, wird man nicht deutlich mehr Umbau erzeugen können. Zu groß sind die darin enthaltenen Beschränkungen hinsichtlich Brandschutz, Akustik, Bauphysik etc. Die restriktive Rechtsprechungspraxis tut ein Übriges. Und dann die Kosten: Solange graue Energie in die Investitionskostenrechnungen nicht eingeht, wird sich ein Abbruch immer günstiger darstellen. Schließlich wird auch über gesellschaftliche Sicherheits- und Komfortvorstellungen zu reden sein. Nicht jeder Umbau kann hinsichtlich der vorhandenen Standards ein besserer Neubau sein.

Pantheon, Rom 118 n. Chr., Foto: ain‘t looking for nothing (via flirckr.com / CC BY 2.0)

Pantheon, Rom 118 n. Chr., Foto: ain‘t looking for nothing (via flirckr.com / CC BY 2.0)

Nehmen wir für einen Moment an, die hier umrissenen Fragestellungen ließen sich alle befriedigend beantworten. Dennoch wird sich vermutlich wenig bewegen, wenn nicht überzeugende architektonische Bilder für die Attraktivität von Umbaumaßnahmen werben. Es müsste gelingen, auf diesem Sektor Architekturen zu entwerfen, hinter denen sich die Menschen versammeln, und die die Notwendigkeit der Überwindung all der genannten Schwierigkeiten plausibel machen. Das jedoch lässt sich nicht bewerkstelligen, solange wir Architekten den Umbau als eine von beschränkten Möglichkeiten dominierte Aufgabe mit schmalen formalen Möglichkeiten und hohen Sachzwängen kleinreden.

Richtig verstanden, führt Umbau systematisch zu Lösungen, die auf anderem Wege nicht erreicht worden wären. Lösungen, die räumlich, architektonisch, funktional oder sogar juristisch bereichernd sein können – und die letztlich dem Zwang zum Erhalt eines Gebäudes oder eines Bauteils zu verdanken sind. Im Idealfall kann dies geradezu als Befreiung aus den Beschränkungen der heutigen Bauproduktion verstanden werden. Ist vor diesem Hintergrund eine andere Sicht auf das Bauen selbst zu entwickeln? Wie müssten die notwendigen gesellschaftlichen Verabredungen aussehen, wie die entsprechenden Entwurfsstrategien? Um sich bereit zu machen für mehr Umbau, muss sich die Architektur zunächst auf die Suche begeben. Auf die Suche nach einer neuen Lösung für eine alte Aufgabe. Was brauchen wir für den Umbau unserer Welt?

Prof. Dipl.-Ing. Andreas Hild (*1961) studierte Architektur an der ETH Zürich und der TU München. 1992 gründete er zusammen mit Tillmann Kaltwasser das Büro Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1999 in Partnerschaft mit Dionys Ottl: Hild und K Architekten. Nach verschiedenen Lehraufträgen und Gastprofessuren wurde Hild 2013 auf die Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München berufen. Andreas Hild ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, er lebt und arbeitet in München.

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