editorial

diagnose: retrograde utopie

Auf den ersten Blick brandaktuell, auf den zweiten jedoch ein sentimentaler Rückblick in die Vergangenheit: Der deutsche Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig ist wieder einmal selbst zum Ausstellungsstück geworden. Der deutsche Generalkommissar Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architektur Museums, ist mit seinem Kurator Oliver Elser und der Koordinatorin Anna Scheuermann grundsätzlich auf das vielsagende Oberthema „Reporting from the Front“ eingeschwenkt, das der Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena für die Biennale ausgerufen hat. Berichtet wird weniger, behauptet mehr: „Making Heimat. Germany Arrival Country“ heißt das Motto, das man dem vielzitierten Buch „Arrival City“ des amerikanischen Journalisten Doug Saunders nachempfunden hat: Damit wird die Frage nach dem Einwanderungsland Deutschland gestellt, und damit erklärt sich auch der gestalterische Akt, der sehr offensichtlich das Ausstellungsgebäude betroffen hat: Gemeinsam mit den Berliner Gestaltern von „Something Fantastic“ kam das DAM-Team auf die Idee, die Vorstellung eines „offenen“ Deutschland metaphorisch auf die Ausstellungsarchitektur zu übertragen: Dafür haben die Ausstellungsmacher den Pavillon mit vier großen Wandeinbrüchen ausgestattet, die neben dem offenen Hauptportal jederzeit und allseitig den Zutritt auf das deutsche Territorium ermöglichen sollen.

Nun durchzieht frischer Lagunenwind zumindest die lichtgewordenen Räume, die in der thematisch zugehörigen plakativen Ausstellung Basisbedingungen von „Arrival Cities“ zeigen, von „Ankunftsstädten“, die Immigration erwarten, fördern und bewältigen. Den Thesen zufolge, die mit Buchautor Saunders zusammen erarbeitet wurden, ist die „Arrival City“ eine Stadt in der Stadt, weil Einwanderer zumeist ihre Chancen in der urbanen Dichte suchen. Sie soll „bezahlbar“ sein, weil insbesondere günstige Mieten ihre Attraktivität – nicht nur für Emigranten – fördern. Die „Ankunftsstadt“ ist gut erreichbar und bietet Arbeit, sie ist informell, toleriert also auch nicht vollständig rechtskonforme Eingriffe. Die Immigranten müssen die Möglichkeit zum Selbstbau haben, was nicht durch zu hohe Bauauflagen erschwert werden sollte. Dabei spielt der Ausbau der Erdgeschosse eine besondere Rolle, weil sich dort Läden und andere Kleingewerbe zum Aufbau eigener Existenzen ansiedeln können. Homogene Viertel ermöglichen den Aufbau eines Netzwerks der Auswanderer. Und um die Zukunft der nächsten Generationen zu sichern, bedarf die „Arrival City“ der besten Schulen.

Das wäre – alles in allem – als Beschreibung einiger Rahmenbedingungen für eine Einwanderungs- und Integrationspolitik der Bundesrepublik okay, wenn auch die Thesen in ähnlicher Form schon in Saunders’ Buch nachgelesen werden konnten. Die Schwäche des deutschen Beitrags beginnt bei der insgesamt schwächlich wirkenden Grafik der Ausstellung, geht weiter mit der gewollt improvisierten Ausstattung des Pavillons, die nochmals metaphorisch auf den Charakter einer „Baustelle“ verweist, und endet folgerichtig bei den Bildbeispielen, die im Pavillon zu sehen sind. Die Ausstellung suggeriert, dass die informell, nach individuellem Vermögen, Können und Geschmack der Bewohner ausgebaute und eingerichtete Stadt nicht nur das Ziel, sondern bereits die nachahmenswerte Realität ist. „Offenbach is almost alright“ heißt ein Kapitel der Ausstellung frei nach Robert Venturi.

Nicht gefragt wird danach, ob die urbane Zukunft unserer Gesellschaft mehr sein muss als das Freilassen von Entwicklungsmöglichkeiten, das die Gestalt der Stadt bestimmt. Die sich eigentlich aufdrängende Frage nach Gestalt und Form der Stadt, ihrer Räume und ihrer Häuser bleibt hinter dem Statement zurück, dass dieses Land ein Einwanderungsland ist, das mit dieser Eigenschaft auch eine eigene, „alternativlose“ Logik entwickelt. Eine gestalterische Zukunftsperspektive über die informelle Bewältigung von Immigration und Integration indes wird in Venedig nicht vorgestellt.

Irritierender jedoch ist das positivistische Bild, das der perforierte Pavillon und die bebilderten Thesen vermitteln. Während in Venedig das Deutschlandbild der „Wir-schaffen-das“-Phase unserer Innen- und Außenpolitik vom Herbst 2015 zelebriert wird, ist daheim – inzwischen – alles so gekommen, wie es an dieser Stelle (und anderswo) befürchtet wurde: Inzwischen hat sich eine in Bezug auf die Religionsfreiheit eindeutig verfassungsfeindlich argumentierende Protestpartei zu einer vermeintlichen „Alternative“ entwickelt, deren Mitglieder selbst Kinderbilder von Fußballspielern mit Migrationshintergrund als „Scheiße“ bezeichnen dürfen, ohne wegen Volksverhetzung angeklagt zu werden. Inzwischen hat sich der deutsche Innenminister Lothar de Maiziere vor laufenden Kameras damit gebrüstet, dass die (am häufigsten von Flüchtlingen benutzte) Balkan-Route „zu“ sei, und dass sie zu bleibe, und dass das gut so sei, als ob damit auch die Not der Flüchtlinge ein Ende hätte.

Inzwischen hat die Bundeskanzlerin mit dem unberechenbaren Staatschef der Türkei ein „Rücknahmeabkommen“ geschlossen, das eigentlich ein absurdes Abschiebeverfahren mit unabsehbaren Folgen für die Betroffenen ist. Inzwischen berichten die deutschen Medien, angeblich die vierte Macht im Lande, über die 700 Flüchtlinge, die am Biennale-Eröffungswochenende im Mittelmeer ertrunken sind, gar nicht mehr oder in Randnotizen auf Seite 6, während die englische BBC unter dem Eindruck dieses wohl seit langem schlimmsten Flüchtlings-Unglücks von einem „deadly weekend“ spricht. Was soll man von einem Land halten, in dem all dies – und noch viel mehr, wie wir wissen – möglich ist?

Die Kuratoren des deutschen Beitrags in Venedig können nichts dafür, dass das Bild, das ihre Ausstellung heute abgibt, einer deutschen Vergangenheit entspricht, dessen damalige Wirklichkeit heute zu einer Utopie geworden ist. Es ist die Hilflosigkeit der Politik angesichts der globalen Dimension dieser Entwicklung, die wir immer wieder beklagen müssen: Sie stellt sich gerade vor dem Hintergrund der optimistischen deutschen Selbstdarstellung in Venedig nicht nur fern von den Menschen und ihren Schicksalen dar, sondern scheint auch die Unabwendbarkeit der weltweiten Wanderungsbewegungen, die wir im Klimawandel noch erleben werden, nicht zu erkennen.

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

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