tatort

Ungewohnt neu und doch harmonisch

Wir fahnden nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Wir möchten dessen Bezeichnung und den Namen seines Architekten wissen. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir ein Buch.
Die Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax und e-Mail an die Redaktion senden (tatort@derarchitektbda.de).

Der „Tatort“ steht am Beginn einer Zeitenwende des 20. Jahrhunderts. Der industrialisierte Erste Weltkrieg hatte mit 17 Millionen Toten den Glauben an eine kontinuierliche Fortentwicklung der Gesellschaft ad absurdum geführt. Stattdessen suchte man nach einer neuen Sinngebung des Lebens: Mitunter esoterische Vorstellungen einer „Lebensreform“, die schon im 19. Jahrhundert ihren Anfang genommen hatten, wurden zu attraktiven Welterklärungsmodellen. Die Theosophie, die Anthroposophie, die Freikörperkultur- und die Mazdaznan-Bewegung waren willkommene Anreger zur Neuorientierung des kulturellen Lebens.

Ob die Bauherrin des „Tatorts“, Tochter eines Düsseldorfer Fabrikanten und Kunstsammlerin, von solchen Ideen inspiriert war oder nicht – jedenfalls fand sie einen jüngeren Architekten, der für sie in ganz neuen, „expressionistischen“ Formen – und möglicherweise unter theosophischem Einfluss – ein ungewöhnliches Wohnhaus in der wunderbaren Landschaft einer ehemaligen Düne in der Nähe von Kleve am Niederrhein schuf. „Schon beim ersten Herannahen hat man das Gefühl des Ungewohnten und Neuen und doch Harmonischen und Selbstverständlichen, das sich bei längerem Betrachten und weiterem Umschreiten zu einem musikalischen Erlebnis verdichtet“, schrieb ein zeitgenössischer Kommentator.

Das Haus zeigt mit seinen spitzen Ecken und seinem annähernd sternförmigen Grundriss eine stilistische Wandlung der Architektur, die sich in diesen Jahren vom rechten Winkel ab und kristallinen Formen zuwendet. Besonders deutlich wird diese Tendenz im Innern des Bauwerks: Das Musikzimmer des Hauses hat der Architekt fast verschwenderisch mit kristalliner Stuckornamentik ausgestattet, die allerdings nicht als reine Applikationen anzusehen, sondern das konstruktive Prinzip der Architektur inszeniert: „Jeder Raum vom selben Geist durchströmt wie die äußere Gestalt, ein Satz des musikalischen Werkes“, schrieb der Kritiker damals. Für den Architekten, dem das Bauen „heilig“ war, erschien „jegliches wahrhaft raumgestaltende Bauwerk als endliche Form eines Teils des unendlichen Raumes“.

In der Zwischenkriegszeit beherbergte die Hausherrin, die eine persönliche Begegnung mit Hermann Göring in jungen Jahren zur Tarnung für anti nationalsozialistische Tätigkeiten nutzte, einen englischen Militärattaché, der in Berlin deutsche Kriegspläne ausspioniert hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand die international vernetzte, aber zeitweilig internierte Hausbesitzerin ihre Villa geplündert vor. Bis zu ihrem Tod 1949 lebte sie in einem Nebengebäude. Heute gehört das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Haus dem niederländischen Staat und beherbergt Naturschutzeinrichtungen. Um welches Gebäude handelt es sich und wer hat es entworfen?

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