Audi Urban Future Award verliehen

Urbane Gegenwart

Heute wurde in Berlin der Audi Urban Future Award verliehen. Gewinner des mit 100.000 Euro dotierten Preises ist das Team um den mexikanischen Architekten und Stadtplaner Jose Castillo, das mit seinem „Betriebssystem für die Stadt“ die neunköpfige Jury überzeugen konnte. Juryvorsitzender John Urry, Direktor des Zentrums für Mobilitätsforschung an der Lancaster University, führte am heutigen Vormittag im Palazzo Italia unter den Linden aus: „Die Ideen der Teams waren so vielfältig wie die Städte, aus denen sie stammen. In allen Vorschlägen stecken spannende Ansätze. Letztlich haben wir uns für Mexico City entschieden, weil das Projekt bereits in die Umsetzung geht und konkrete und vor allem auch bezahlbare Lösungen für die drängenden Mobilitätsprobleme in den Megacities der Schwellenländer liefert.“

Castillo und seine Mitstreiter, der IT-Experte Carlos Gershenson und die Leiterin des Innovationslabors der Stadt, Gabriella Gomez-Mont, setzen bei ihrem Projekt auf ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ sowie den Glauben, dass das Auto die Lösung der Probleme, die es verursacht, gleich selbst liefern kann. Für den ersten Schritt hat man sich dafür eine stets verstopfte Straße zwischen der Kernstadt Mexico-Citys und dem Bürodistrikt Santa-Fe herausgesucht. Die Pendler auf dieser Strecke werden im Modell der Planer zu „Datenspendern“: über eine Internetseite und eine App können sie ihre eigenen Bewegungsdaten mit anderen Nutzern teilen. Nach und nach entsteht so eine valide Datenbasis für die Stadt- und Verkehrsplanung. Sobald genug Echtzeit-Daten für präzise Prognosen zur Verfügung stehen, so die Hoffnung, können die Menschen ihr Verhalten an die Vorhersagen anpassen und so selbst den Verkehr beeinflussen – indem sie später losfahren oder jeweils das Verkehrsmittel wählen, mit dem sie am schnellsten zum Ziel kommen. In einer Studie hat das Team herausgefunden, dass der Weg sowohl mit dem Auto, dem Bus als auch mit Fahrrad in rund einer Stunde zu bewältigen ist, wäre da nicht der stete Stau.

Stau in Santa Fe

Annegret Maier, Head of Data Intelligence bei Audi und Mitglied im Audi Urban Insight Team, erklärt: „Das Team aus Mexico City hat es geschafft, auf benutzerfreundliche Weise verlässliche Daten zu sammeln. Auf Basis dieser Daten können wir in Zukunft maßgeschneiderte Mobilitäts-Angebote entwickeln.“

Wie die einleitende Begründung des Juryvorsitzenden jedoch unterstreicht, hat man sich mit dem Preis eher für die Gegenwart denn für die Zukunft entschieden, obschon die Auszeichnung letztere im Namen trägt. Zwar ist das mexikanische Projekt zum einen bereits weit fortgeschritten und steht zum anderen unmittelbar vor einer relevanten Implementierung in den Alltag, das Auto und seine Legitimation als Verkehrsmittel Nummer eins stellt es aber nicht in Frage. Im Gegenteil.

Deutlich weiter geht da zum Beispiel das Team um den Berliner Architekten Max Schwittala. Mit seinen, unter anderem auch in der architekt 3/14 vorgestellten, Ideen der Anbindung der Urban Tech Republic auf dem Flughafen Tegel an das Mobilitätsnetz von Berlin überforderte er Jury und Preisspender jedoch womöglich. Basierend auf Erkenntnissen aus der Aufzugentwicklung und der Neurowissenschaft, die sich Schwarmintelligenz zunutze machen, schlug er gemeinsam mit dem Experten für Transit Management, Paul Friedli, und dem Biochemiker und Neurowissenschaftler Arndt Pechstein eine zweistufige Einführung eines integralen Verkehrskonzept vor, das Individualverkehr mit öffentlichem Nahverkehr verknüpft.

Ihrer Vision folgend, könnte schon 2017 mit derzeit verfügbaren Technologien einer Einzelperson über eine App am teilweise umgebauten Bahnsteig der S-Bahnstation Jungfernheide ein selbstfahrendes Auto vermittelt werden, das sie – und gegebenenfalls andere Fahrgäste mit der gleichen Destination – zu ihrem Ziel bringt. Für den Weg vom S-Bahnhof in die Urban Tech Republic, auf dem irgendwann umgenutzten heutigen Flughafen Tegel, schließen sich die Autos zu einem Konvoi zusammen. In einer ferneren Zukunft könnten diese PKWs durch individuelle, kleine kapselartige Vehikel ersetzt werden, die sich je nach Bedarf zu Paaren oder größeren Clustern verknüpfen ließen.

Die grundsätzliche Frage nach der gestalteten Erscheinung und der technischen Umsetzung eines solchen Individualmobils hätte für den Preisstifter, neben dem Nutzen der aktuellen Technologien aus dem Hause Audi, eine große und spannende Herausforderung sein können. Interessanter Nebenaspekt von Schwittalas Vision übrigens: die frei werdenden Parkflächen durch den Umstieg vom derzeitigen PKW auf die Kleinstfahrzeuge würde Raum geschaffen für Wohnungen für rund 200.000 Bewohner. Der zweite Schritt, die Abkehr vom Auto, so steht zu befürchten, hat den Hersteller mit etwas zu viel „Future“ für den Moment etwas überfordert.

David Kasparek

Max Schwittala, Paul Friedli, Arndt Pechstein: Urban Mobility Landscape

 

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