tatort

Verwischte Spuren

Wieder fahnden wir nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Wir möchten dessen Bezeichnung und den Namen seines Architekten wissen. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir ein Buch. Die Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax und E-Mail an die Redaktion senden. Einsendeschluss ist der 23. Mai 2013.

Die Zeit, die über das Gelände gegangen ist, auf dem der „Tatort“ liegt, hat fast alle Spuren und Hinweise auf die Zusammenhänge seiner Existenz verwischt. Anstelle des gigantischen Stahlwerks, das noch vor drei Jahrzehnten die dortige skyline dominierte, steht ein Einkaufszentrum, das dem Einzelhandel der ganzen Region Käufer in nicht geringer Anzahl abspenstig gemacht hat. Der Tatort selbst liegt nordwestlich davon. Der ursprüngliche Zusammenhang zum Werk, als dessen Hauptverwaltung und Hauptlagerhaus es einst diente, ist nicht mehr erkennbar.

Dabei wurde es damals als Visitenkarte eines weit agierenden Unternehmens erbaut, das mit der Zusammenfassung von Lagerkapazitäten und einer kontinuierlichen Qualitätskontrolle der angelieferten Materialien nicht nur eine organisatorische Neuorientierung suchte. Vielmehr war man mit der architektonischen Wirkung dieses Zweckbaus auf eine repräsentative Außen- und Binnenwirkung bedacht, die in einer wirtschaftlich nicht einfachen Zeit ein nötiges „Surplus“ gegenüber der starken Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft erbringen sollte.

Die gesteigerte Ambition zeigte sich schon im Verfahren. Die „Firma“ schrieb eine Art Ideenwettbewerb aus, zu dem unter anderen der Architekt zahlreicher Berliner S-Bahnhöfe sowie ein Maler eingeladen wurden, der zwanzig Jahre zuvor bei einer Bauausstellung im Hessischen mit einem Entwurf für sein eigenes Heim reüssierte. Der Maler obsiegte – wohl auch wegen seiner beratenden Tätigkeit für einen Hersteller von Elektrogeräten, für den er ein vollständiges corporate design entworfen hatte.

Obwohl der Selfmade-Architekt seine Planung proportional und funktional dem Entwurf seines unterlegenen stahlbauaffinen Konkurrenten anpassen musste, blieb der auftraggebende Konzern dem Schöpfer der neuartigen Architektur treu. Sogar dem Wunsch des Architekten nach einem besonderen Klinkermaterial aus Oeynhausen folgten die Auftraggeber, obwohl so 400.000 Reichsmark Mehrkosten entstanden.

Zwar sind die Einflüsse Frank Lloyd Wrights auf die Architektur des Tatorts unübersehbar, zumal dessen frühe Publikation „wie eine Bibel“ im Büro des Lagerhaus-Architekten verwendet worden sein soll. Doch zugleich entwickelte die deutsche Vielfachbegabung einen eigenen und neuen Ausdruck für die industrielle Bauaufgabe, wie er immer wieder als Ziel seiner Entwurfstätigkeit formuliert hat. Ihm selbst galt später der Bau als jener, bei dem er seine „Kunstanschauung“ am klarsten verwirklichen konnte. Dass das Gebäude seit einiger Zeit den Beständen eines überregionalen Industriemuseums als Depot dient, ist einer der wenigen Glücksfälle seines devastierten Standorts im westlichen Ruhrgebiet.

Der „Tatort“ unserer Ausgabe 1/13 war das Chile-Haus in Hamburg. Fritz Höger errichtete es von 1922 – 1924 für den Unternehmer Henry B. Sloman. Gewinner des Buchpreises ist Arno Meyer, Architekt BDA aus Lüdinghausen.

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