tatort

Wahre Freude ist eine ernste Sache

Auch im Dezember suchen wir ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 26. Januar 2015.

Mit der Errichtung des gesuchten „tatorts“ suchte der damals eigenständige Staat im Osten den Anschluss an die architektonische Entwicklung im Westen Europas. Motor des Neubaus war ein berühmter Dirigent, auf dessen Betreiben eine traditionsreiche musikalische Institution in einer vergleichsweise weltoffenen Stadt des Landes ein neues Haus bekommen sollte. Der Projektarchitekt, der sich bereits bei benachbarten Universitätsbauten bewährt hatte, durfte sogar das Orchester des Hauses auf Auslandstourneen begleiten und Erkundungsreisen nach Belgien, in die Niederlande und nach Großbritannien machen, um sich über den aktuellen „state of the art“ zu informieren. Später wurde bekannt, das er wegen seiner guten Kontakte in den Westen als sogenannter „Blickfeld-IM Richard“ für den Geheimdienst seines Landes tätig war. Ein berühmter Architekturkritiker aus dem westlichen Parallelstaat, der dem Architekten lange verbunden war und erst vor kurzem starb, wohnte der Eröffnung des Gebäudes bei und amüsierte sich über den Bauminister des Landes, der dem Staatschef militärisch Meldung von der Vollendung des Bauwerks machte. Dieser wiederum sprach davon, dass der Neubau der „sozialistischen deutschen Nationalkultur dienlich“ sein werde, weil er „Raum für Meisterschaft der künstlerischen Interpretation“ eröffne. Lediglich ein Bauarbeiter erwähnte, dass das Haus „der Phantasie geweiht“ sei. Dies seien, so der Kritiker, „die einzigen poetischen Gedanken dieses Staatsereignisses“ gewesen. Auch die Architektur schnitt beim westlichen Beobachter nicht gut ab: Schon der Eingang, in dem das größte Deckengemälde Europas mit dem Titel „Gesang vom Leben“ angebracht wurde, schlug dem Kritiker auf die Laune: „Von keiner Stelle kann (und will man) dieses Werk sehen.“ – „Nein, ein schönes Haus ist es nicht; aber es hat einen Saal, in dem es eine Lust ist, Musik zu hören.“ Der Kritiker fühlte sich beim Betrachten des Gebäudezentrums unmittelbar an Hans Scharouns Berliner Philharmonie erinnert. Aus heutiger Sicht scheint die Anregung eher vom Londoner Barbicane gekommen zu sein, das bei einer erheblich längeren Bauzeit um die gleiche Zeit von der Queen eröffnet wurde. Gar keine Gnade vor den Augen des Kritikers fand schließlich der kleinere Kammermusiksaal: Selbst vier moderne Kronleuchter könnten „die Assoziation an ein besonders aseptisches, Gefühle ausmerzendes Rundfunkstudio nicht auslöschen“. Der Architekt konnte diesen Bauteil in den 1990er Jahren noch einmal selbst umbauen. Ihm war die Leistung bewusst, die es für den finanziell immer klammen Staat bedeutet haben muss, eine Kostenerhöhung von 83 Millionen auf 136 Millionen Mark zu tragen: „So einen Bau macht man nur einmal im Leben“, äußerte er damals. Welches Gebäude wird gesucht, wo steht es und wer hat es entworfen?

Der nicht ganz einfach zu recherchierende „tatort“ der Ausgabe 5/14 war die Erweiterung des Hotels Prinz Carl in Buchen im Odenwald, das Egon Eiermann 1963/1967 entwarf. Gewinner des Buchpreises ist Harold Scholl aus Karlsruhe.

Foto: Jens Gerber

 

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