neu im club

Fragen und Antworten zum Grundbedürfnis Wohnen

Leona Geitner, Architektin BDA, Geitner Architekten, Düsseldorf

Wir schreiben E-Mails von überall. Dabei ziehen wir uns an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen, Cafés oder Flughäfen in die teilprivaten Sphären von Social-Media-Accounts, E-Mail-Postfächern und Clouds zurück und veröffentlichen uns gleichermaßen, in dem wir all diese ebenso semi-öffentlichen digitalen Areale vom privatesten aus, etwa dem Frühstückstisch, dem Sofa oder gar dem Bett aus bedienen. David Kasparek macht sich in Zeiten von dichten Terminkalendern vor Jahresende diese Koinzidenz zunutze und spielt mit Leona und Andreas Geitner ein E-Mail-Ping-Pong zwischen diversen Orten in und um Berlin und Düsseldorf. 

Am 23.10.2014 um 11:54 schrieb der architekt: Wohnen:
Sehen Sie als Architekten, die sich vor allem mit Wohnbau beschäftigen – und damit das ‚Grundbedürfnis Wohnen‘ befriedigen –, bestimmte bauliche Elemente oder Raumkompartimente in der Konfiguration von Wohngrundrissen als gesetzt an?

Am 24.10.2014 um 12:10 schrieb Geitner Architekten: AW: Wohnen:
Zunächst spielt das Grundstück und seine Ausrichtung bei der Entwicklung des Grundrisses eine große Rolle. Wir versuchen immer, einfache und klare Raumkonstellationen mit einer eindeutigen Ausrichtung zur Umgebung zu entwickeln, um Innenraum und Außenraum zu verknüpfen. Offene Grundrisse gliedern wir räumlich meist mit eingestellten Kuben oder Wandscheiben.

Am 27.10.2014 um 10:53 schrieb der architekt: Re: AW: Wohnen:
Warum ist die Verknüpfung zwischen Innen- und Außenraum und das Anlegen offener Grundrisse für Sie wichtig? Gibt es dazu theoretische Überlegungen oder  formalästhetische Vorstellungen?

Am 29.10.2014 um 13:40 schrieb Geitner Architekten: AW: Re: AW: Wohnen:
Im besten Fall hat das Grundstück eine besondere landschaftliche Qualität, die vom Innenraum aus optisch eingefangen werden will. Oft sind aber die stadtnahen Grundstücke sehr klein. Die Öffnung des Wohnraums über die Terrasse hin zum Grünraum schafft hier Großzügigkeit.

Im Haus G. zum Beispiel ist der loftartige Wohn- und Essraum mit angrenzender Küche über die gesamte Front, über Terrasse und Garten, geöffnet. In den weiteren Räumen werden hingegen gezielte Ausblicke wie Bilder aus der Wand geschnitten. Diesen Eindruck erreichen wir durch die Verwendung von nach außen zu öffnenden Fenstern, deren umlaufende Rahmenprofile von innen nicht sichtbar eingebaut werden.

Am 29.10.2014 um 16:27 schrieb der architekt: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Das klingt nach einem präzisen Gefühl für Materialien und Details und dem Wissen um die Wichtigkeit dieser Elemente. Greifen Sie hierbei auf eine Art Setzkasten, Beispiel Fenster oder Beschläge, zurück oder variiert das von Entwurf zu Entwurf? Wenn es zu Variationen kommt, wovon machen Sie diese abhängig?

Am 03.11.2014 um 11:35 schrieb Geitner Architekten: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Danke. Wenn Sie das Bauteil Fenster ansprechen, so versuchen wir in der Tat, den Fokus weniger auf seine technischen Eigenschaften als auf das Motiv der ‚Öffnung in der Wand‘ zu legen. Bei der architektonischen Umsetzung greifen wir auf von uns bereits entwickelte und bewährte Lösungen zurück, aber nicht zwingend bei jedem Projekt. Dazu sind die Objekte und Bauherrenwünsche zu divergent. Ein durchgehendes Motiv ist allerdings, dem Ausblick einen Rahmen zu geben.

Am 03.11.2014 um 12:22 schrieb der architekt: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Damit greifen Sie ein traditionelles Thema der Architektur auf, das auch und vor allem in der Moderne eine Rolle gespielt hat. Ist der Bezug auf die ‚gerahmte Natur‘, wie sie etwa Le Corbusier bei seinen Wohnhäusern bewusst eingesetzt hat, in Ihrer Architektur wichtig oder haben Sie andere Bezugspersonen oder -systeme?

Am 05.11.2014 um 10:10 schrieb Geitner Architekten: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
In der Tat interessiert uns hier die gerahmte Aussicht, welche im Sinne eines Bildfensters die Natur einfängt. Aus diesem Grund setzen wir Fensteröffnungen, wenn möglich, innen wie ausgestanzt in die Wände und verzichten auf die Ausbildung von Fensterbank und sichtbaren Rahmen. Durch die Bildfenster werden auch immer wieder Sichtachsen betont, die den Blick durch den Raum führen und ihn dann wieder mit der Landschaft verknüpfen.

Am 06.11.2014 um 10:28 schrieb der architekt: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Wie verfahren Sie mit diesem Thema im Geschosswohnungsbau, zum Beispiel im innerstädtischen Kontext? Machen Sie hier einen Unterschied zum Bau eines Einfamilienhauses?

Am 11.11.2014 um 18:58 schrieb Geitner Architekten: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Die Sichtweise ist im Prinzip ähnlich. Es gibt allerdings besonders bei Projekten in der Stadt viel stärkere kontextuelle Bindungen, mit denen man sich zunächst auseinandersetzen muss. Raumbildung, Dichte, typologische Gedanken stehen bei diesen Projekten wesentlich stärker im Vordergrund. Die einzelne Öffnung erhält eine ganz andere Bedeutung. Sie ist mehr ein Teil der Fassadengliederung, die sich rhythmisch wiederholt und beispielsweise den Grad der Schwere des Hauses regelt.

Am 13.11.2014 um 12:34 schrieb der architekt: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Welche Kriterien der Raumbildung setzen Sie bei Projekten in der Stadt an? Was ist für Sie wichtig im Geschosswohnungsbau?

Am 21.11.2014 um 09:31 schrieb Geitner Architekten: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Wohnen:
Auch beim Bauen in der Stadt gehen wir sehr individuell an die jeweilige Situation heran. Aktuell planen wir einen großen Geschosswohnungsbau in Düsseldorf, der eine über 100 Meter lange Lücke in einer Blockrandbebauung schließt. Hier ging es darum, Einheiten zu entwickeln, die eine eigene Adresse zeigen und unterschiedliche Vorstellungen von ‚Wohnwelten‘ anbieten. Wir wollten aus diesem Grund die Lücke nicht mit einer einheitlichen Bebauung schließen, sondern haben einzelne städtische Häuser mit einer Breite in der Körnung des Blocks entwickelt, die aneinander gereiht sind. Die Fassaden sind in ihrer Materialität und im Aufbau unterschiedlich und zitieren damit den Bestand, der ein sehr heterogenes, über Jahre gewachsenes Ensemble bildet. Trotz aller Unterschiede sind die neuen Häuser doch miteinander verwandt, so dass sich ein zusammenhängendes Gesamtprojekt ablesen lässt.

www.geitnerarchitekten.de

neu im club: im Glashaus des DAZ
Gespräch mit Leona und Andreas Geitner:
15. Januar 2015, 20.00 Uhr
Werkschauprojektion:
16. Januar – 27. Februar 2015
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin
www.daz.de

neu im club wird unterstützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Fotos: Geitner Architekten/Michael Reisch, Jens Kirchner

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