Film der Woche: Peter Zumthor

Zu sensibel

Peter Zumthor gehört zu jenen Architekten, die als Person und in ihrem Auftreten besonders große mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zumthors klare und prägnant formulierte Positionen, die er mit großem Selbstbewusstsein und zugleich betonter Bescheidenheit vorträgt, eine gewisse Ruhe, die durch den bedächtigen Schweizer Dialekt untermalt wird – all dies bestärkt das Bild des charismatischen und scharfsinnigen Zeitgenossen. Es scheint also naheliegend, Schaffen und Persönlichkeit des weltbekannten Architekten filmisch zu vermitteln, wie es der Regisseur Christoph Schaub in seiner kürzlich erschienenen Dokumentation unternimmt. Unter dem Titel „Peter Zumthor spricht über seine Arbeit – Eine biografische Collage“ sind Äußerungen, die der Pritzker-Preisträger in den letzten 30 Jahren in Interviews, Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen gemacht hat, zusammengetragen und -geschnitten. Entstanden ist der Film im Zuge der im letzten Jahr von Zumthor kuratierten Ausstellung „Dear to me“ im Kunsthaus Bregenz (nach Zumthors Plänen von 1990 bis 1997 errichtet).

Die Dokumentation folgt dabei keiner chronologischen Gliederung, sondern hangelt sich an für Zumthors Schaffen entscheidenden Begriffen entlang, womit vor allem die Kontinuität im Denken des Architekten hervorgehoben wird. Bereits im ersten Kapitel „Methode“ wird ein besonders entscheidender Aspekt an der Arbeit des Schweizer Architekten deutlich, nämlich sein Bemühen, im Entwurfsprozess die initiale, ursprüngliche Raumidee nicht aus dem Blick zu verlieren – und nicht korrumpierbar zu sein. Als Architekt müsse man sein „Baby beschützen“, sagt er. Zwar räumt er ein, dass mit dieser Einstellung manche Projekte auch scheitern müssten, gleichzeitig ist seine Kompromisslosigkeit heute gewissermaßen zu seinem Markenzeichen geworden.

Immer wieder kommt im Film Zumthors Sensibilität für Stimmung und Emotionalität in der Architektur zum Ausdruck. Besonders eindrücklich vermittelt sich dies in einer Gesprächsrunde, bei der Zumthor eingeladen war, in den Niederlanden zum Thema „Atmosphäre“ zu sprechen. Mit immer energischer werdender Stimme beklagt er dort den Mangel ebenjener Atmosphäre in den Veranstaltungsräumen selbst. „I‘m too sensitive!“ ruft er am Ende, nachdem er sich über das grelle Licht und das lieblos an den Tisch geklebte Kabel ausgelassen hat und man bekommt ein Gefühl dafür, mit welcher Leidenschaft und Durchsetzungskraft der Architekt seiner Arbeit nachgeht. Wie auch an einigen anderen Stellen kann die filmische Collage damit einen Eindruck von der Person Peter Zumthor geben, die in geschriebenem Wort schwer zu vermitteln wäre.

Bei aller Betonung von Atmosphäre, Intuition und gefühlsmäßigem Urteilen habe seine Entwurfsmethode keinesfalls etwas mit Gefühlsduselei zu tun. Im Kapitel „Intuition“ beschreibt Zumthor ebendiese als Zugang zu einem „auch unbewussten, kulturellen, biografischen Hintergrund und Untergrund“, der sich in einer „spontanen intuitiven Empfindung“ äußere. Er ist überzeugt: „Unsere Intuition weiß mehr, als wir uns vorstellen können“.

Elina Potratz

Peter Zumthor spricht über seine Arbeit – Eine biografische Collage, Film von Christoph Schaub, Scheidegger & Spiess 2017, ISBN 978-3-85881-914-7.

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