tatort

Zwei bis drei Sterne

Wie gewohnt suchen wir ein Bauwerk, das in der Architekturgeschichte nach 1945 eine besondere Rolle gespielt hat: durch seine Eigentümlichkeit, seine Qualität oder die historische Bedeutung. Lösungsvorschläge sind uns per Post, Fax oder E-Mail willkommen. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 15. Mai 2020.

Der „tatort“ liegt am östlichen Rand eines Stadtteils in einer süddeutschen Großstadt, der früher als Vergnügungsort legendäre Bedeutung besaß. Ein Bauunternehmer, der als genussfreudig galt und bei „Studienreisen“ ins Burgund und ins Elsass einschlägige Anregungen sammelte, ließ das Gebäude im Anschluss an ein Wohnhochhaus in der Nähe zu einem Güterbahnhof errichten. Der Architekt, der sich durch ähnliche Bauwerke in der Schweiz empfohlen hatte, legte den Entwurf eines Sichtbetonbaus mit kupferner Eindeckung vor, dessen Raumbildung fast sakrale Züge trägt und in den Farben und Formen ein prototypischer Ausdruck seiner Zeit ist. Fernöstliche Einflüsse, die durch Beton-Fabelwesen des Schweizer Künstlers Bruno Weber besonders offensichtlich werden, sollten einen exotischen Eindruck bewirken. Der Bauherr engagierte für die Leitung des Betriebs, dem das Bauwerk diente, einen österreichischen Spezialisten, der bei zwei französischen Stars sein Handwerk gelernt hatte und damals im „Jockey Club“ in Washington arbeitete. Der Österreicher sagte unter der Bedingung zu, dass sein Arbeitsraum nach eigenen Vorstellungen eingerichtet wurde: Der Bauherr gab nach und ließ die bereits fertiggestellte Einrichtung herausreißen. Später stellte er im Hinblick auf seine Investitionen in das Haus und dessen Betrieb fest: „Von dem Geld (…) hätte ich ein Schloss kaufen können“.

Ein örtlicher Neider des österreichischen Könners, der später zu einem der bedeutendsten Vertreter seiner Zunft im letzten Jahrhundert gewählt wurde, spottete, der Bau sei „die geschmackvollste Autobahnkapelle“, die er kenne. Trotzdem wurde der Betrieb nach anfänglichem Unverständnis der Klientel allmählich zum Treffpunkt der High-Society, heute ist er „Kult“: Gunter Sachs verkehrte hier – ohne die damals obligatorische Krawatte, dafür mit Goldkettchen – genauso wie der Filmproduzent Bernd Eichinger, Franz Beckenbauer oder Woody Allen. Friedrich Karl Flicks Leibwächter hielten immer eine Pistole unter der Serviette im Brotkorb bereit.

Indes reformierte der Meister konsequent sein Metier, das bis dahin in Deutschland vor allem von Mengenangaben bestimmt war. Seine Arbeit beruhte auf der Verwendung guter Produkte, wie sie in Frank­reich schon lange gang und gäbe war. Diese Auffassung vertraten auch seine beiden vielfach mit hohen Ehren ihres Fachs ausgezeichneten Nachfolger, deren vorerst letzter zum Ende dieses Jahres nach 30 Jahren in den Ruhestand treten wird. Vor allem ihre Arbeit hat die Institution, deren Name „Streben nach Vollkommenheit“ bedeuten soll, zu einem Bestandteil der materiellen und der immateriellen Kultur Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Nicht von ungefähr steht das Gebäude deshalb seit 2012 unter Denkmalschutz, nachdem es 2004 von einem anderen Architekten vorbildlich restauriert wurde – inklusive der Nacharbeitung des akustisch wichtigen, im Laufe der Zeit aber verrußten Teppichbodens, der die Decke verkleidete. Der Sohn des Gründers wurde 2017 mit einer Medaille für seine Verdienste um den aufwendigen Erhalt des Originalzustands ausgezeichnet. Wo steht das Bauwerk, wie heißt es, wer war sein Architekt – und wer sein sinnenfroher Bauherr und sein österreichischer Sachwalter?

Der „tatort“ der letzten Ausgabe war der Flughafen in Berlin-Tegel, den Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels zwischen 1965 und 1975 entwarfen und bauten. Das Bauwerk erhielt 2003 die Klassik-Nike des BDA. Gewinner des Buchpreises ist Andreas Fink aus Potsdam.

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