Buch der Woche: Architecture Activism

Aktivismus

Architektur ist mehr als nur das Gestalten einer schönen Oberfläche, die ein Gebäude umhüllt. Klar. Mindestens ist sie – neben aller notwendiger Baukonstruktion und -physik – die sinnfällige Aneinanderreihung, Verknüpfung und Verschränkung einzelner Raumkompartimente. Hier lässt sich das Gelingen guter Architektur relativ objektiv bewerten. Die gute Gestaltung ist dabei eine Selbstverständlichkeit – ihre Bewertung mindestens in Teilen dann wiederum sehr subjektiv. Dass Architektur dabei noch weitaus mehr sein kann, und im besten Fall sein sollte, stellt das Buch „Architecture Activism“ unter Beweis. Pünktlich zum Auftakt der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig haben die drei Gründungspartner von Graft (Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit) das Buch im Birkhäuser Verlag vorgelegt. Das passt auch insofern gut, als sich die 240 überbordend bunten Seiten als sehr persönlicher Bericht von der Front der drei Köpfe hinter Graft lesen lassen, und damit jenen sinnfälligen Anknüpfungspunkt an das von Generaldirektor Alejandro Aravena in Venedig ausgerufene Credo „Reporting from the front“ darstellen.

Das Buch unterstreicht den Anspruch der drei Architekten, dass ihr Schaffen mehr sein soll als jene eingangs beschriebene Verpackungskunst. Unter den Verdacht, genau das zu betreiben, ist das Büro seit seiner Gründung 1998 immer wieder geraten – nicht zuletzt wegen der Formensprache, die Krückeberg, Putz, Willemeit und ihr international agierendes Team für viele der eigenen Projekte wählten. Gepaart mit einer freundschaftlichen Nähe zu Hollywood-Star Brad Pitt – dessen Wohnstudio in Los Angeles das Büro entwarf und umsetzte und mit dem man gemeinsam das viel publizierte pinkzeltige „Make it right“-Projekt in New Orleans konzipierte und realisierte –, führte dies dazu, dass dem Büro der Ruf des irgendwie Oberflächlichen anhaftete.

Wie sehr diese Einschätzung an der Wirklichkeit vorbeigeht, zeigt das englischsprachige „Architecture Activism“. Cameron Sinclair, Mitbegründer von „Architecture for Humanity“, stellt es in seinem Vorwort klar: Graft, wie einige andere Büros, nutzen ihre professionellen Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Mehrung des Gemeinwohls. Das gilt nicht für jedes Projekt, was rein wirtschaftlich wahrscheinlich logisch ist. Das Buch spannt jedoch einen interessanten Bogen vom bereits erwähnten Projekt in New Orleans, das von einer künstlerischen Intervention zu konkreten Architekturen führte, über die Solar-Kiosks in inzwischen sechs verschiedenen afrikanischen Ländern, hin zu bezahlbaren Ein- und Mehrfamilienhäusern in Namibia und Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. Jedes dieser Projekte ist für sich eine genauere Besprechung wert. Die nun vorliegende Publikation versammelt sie erstmals und legt den Aktivismus frei, der ihnen zu Grunde liegt. Hier geht es tatsächlich darum, die Welt – und sei es nur im Kleinen – stets ein Stückchen besser zu machen. Dass man mit dieser Grundhaltung hierzulande nicht immer besonders wohl gelitten ist, zeigt schon der ausnahmslos diskreditierend gemeinte Einsatz des Wortes „Gutmensch“. Im besten Sinne, sind sie es aber, die Architekten von Graft: gute Menschen.

Das Buch selbst ist dann jedoch ein wenig so wie die Architektur von Graft: im Kern sehr, sehr nachvollziehbar, ebenso wünschens- wie lobenswert, im formalen Ausdruck allerdings an der ein oder anderen Stelle etwas bemüht. Einige der abgebildeten Projekte wollen zudem nicht so recht ins Buch passen, lassen sich gleichwohl aber mit einigen gedanklichen Volten auch im Kontext des architektonischen Aktivismus verankern. Spaßiges feature der Publikation ist zudem, dass sich jede Seite – einem Abreißkalender gleich – an einer Perforation abtrennen lässt. Eingehängte Postkarten lassen sich so ebenso leicht verschicken, wie Einzelprojekte einem Gegenüber als Referenzen und Gedankenstützen übergeben. Leider strapaziert die Grafik das Auge des Betrachters ein wenig und ist mit den Unterstreichungen und Rahmungen etwas zeitgeistig. Das Buch wird wahrscheinlich in wenigen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen. Davon dürfen sich künftige Leserinnen und Leser dann aber nicht abhalten lassen. Die Inhalte behalten ihre Relevanz, auch weil nicht nur Architektur, sondern strategisches Handeln gezeigt wird.

David Kasparek

Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willmeit: Architecture Activism, 240 S., zahlr. Abb., Broschur, 39,95 Euro, Birkhäuser, Basel 2016, ISBN 978-3-0356-1023-9

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*