Inga Bolik

Amphibische Stadträume

Oder: Vom Wert des Regenwassers

Endlich Regen in der Stadt, eine Wohltat nach wochenlanger Hitze. Der Asphalt dampft. Doch die Abkühlung ist nur von kurzer Dauer, schnell ist es wieder heiß und trocken. Das zentrale Abwassersystem unserer Städte ist darauf ausgelegt, Regenwasser schnellstmöglich in den Untergrund abzuleiten. Durch den hohen Versiegelungsgrad – in innerstädtischen Verdichtungsräumen bis zu 90 Prozent – und dementsprechend geringen Grünanteil ist eine Versi­ckerung der Niederschläge auch kaum möglich. Der hohe Oberflächenabfluss jedoch beeinträchtigt die Grundwasserneubildung und führt zu einer stark eingeschränkten Verdunstung. Dies begünstigt wiederum die Ausbildung lokaler Hitze­inseln und wirkt sich somit nachteilig auf die Aufenthaltsqualität in den Freiräumen der Stadt und das menschliche Wohlbefinden aus. Direkt von der Trockenheit betroffen ist auch das städtische Grün, teils aufwendig mit Trinkwasser am Leben erhalten, während die Ressource Regenwasser ungenutzt im Gully verschwindet. Die ausgeprägten sommerlichen Hitze- und Trockenperioden, die die letzten Jahre kennzeichneten, werden von einer weiteren bereits spürbaren Folge der Klimaveränderung begleitet: Starkregen­ereignisse, die mit steigender Häufigkeit das zentrale städtische Abwassersystem vor Herausforderungen stellen. Die plötzlich anfallenden Wassermassen überlasten die überwiegend vorhandene Mischwasserkanalisation und führen zu Überläufen und Überschwemmungen mit immensen ökologischen und ökonomischen Schäden.(1) Vor diesem Hintergrund scheint eine Neubewertung des Regenwassers einerseits als Gefahrenpotential, andererseits als wertvolle Ressource notwendig. Im Kontext der Klimaanpassung wird in den letzten Jahren zunehmend die Integration eines dezentralen Regenwassermanagements in den städtischen Verdichtungsraum diskutiert: die Rückhaltung, Versickerung, Aufbereitung und Wiedernutzung des Regenwassers so nah wie möglich am Ort der Entstehung.(2) Eine „blau(-grüne) Infrastruktur“, die die konventionelle „graue Infrastruktur“ sinnvoll ergänzt.

Tåsinge Platz, Kopenhagen, Dänemark, Fotos: Inga Bolik

Tåsinge Platz, Kopenhagen, Dänemark, Foto: Inga Bolik

„Amphibische Stadträume“ (amphibisch: zu Lande und zu Wasser operierend) greifen diesen Ansatz auf. Sie beschreiben multifunktionale öffentliche Freiräume im verdichteten Stadtraum mit einem inte­grierten dezentralen Regenwassermanagement. Dabei haben amphibische Stadträume den Anspruch, durch eine sichtbare und erlebbare Gestaltung der Wasserinfrastrukturen nicht nur einen ökologischen und ökonomischen, sondern auch einen funktionalen und sozialen Mehrwert für den Freiraum und seine Nutzerinnen und Nutzer zu generieren.(3) Mit der Annahme, dass die städtische Klimaanpassung zukünftig zu einem Leitmotiv für die Stadt- und Freiraumplanung wird, öffnet sich ein neues umfängliches Tätigkeitsfeld für die gestaltenden Disziplinen.

Untersucht man vor diesem Hintergrund die Geschichte der Regenwasserbewirtschaftung in Deutschland, so zeigt sich, dass bereits seit den 1990er Jahren eine ganze Reihe von Wohnsiedlungen mit einem integrierten, dezentralen Regenwassermanagement entstanden sind (beispielsweise die Siedlungen Küppersbusch in Gelsenkirchen oder Hannover-Kronsberg), die auch international als Vorreiterprojekte gelten. Dagegen finden sich im Bestand nur wenige realisierte Projekte. Aufgrund geringer Freiflächenanteile, heterogener Eigentumsverhältnisse und ungeklärter rechtlicher Fragestellungen scheint die Anpassung bestehender städtischer Strukturen ungleich schwieriger und wirtschaftlich unattraktiver. Mehr als 95 Prozent unserer Städte sind aber bereits gebaut, insofern kann die Anpassung bestehender städtischer Strukturen als die eigentliche und entscheidende Herausforderung angesehen werden. Aktuell wird in innerstädtischen Bereichen zunehmend in unterirdische Speicherbauwerke investiert,(4) wodurch zwar die Kanalisation entlastet, aber auch die Chance vergeben wird, gleichzeitig Lokalklima und Biodiversität zu verbessern und neue Atmosphären und Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.

Tåsinge Platz, Kopenhagen, Dänemark, Fotos: Inga Bolik

Tåsinge Platz, Kopenhagen, Dänemark, Foto: Inga Bolik

Blickt man im Vergleich dazu ins benachbarte Ausland, lassen sich bereits einige innovative Beispiele amphibischer Stadträume finden. So sind in Kopenhagen im Rahmen der Cloudburst Strategy (Wolkenbruch-Strategie, siehe S. 34-39) über dreihundert Projekte geplant.(5) Im Sankt Kjelds Klimaquartier ist erstmals eine durchgehende blau-grüne Infrastruktur auf Quartiersebene umgesetzt worden: 20 Prozent des Straßenasphalts wurden in Grünflächen umgewandelt, wodurch 30 Prozent des Regenwassers lokal bewirtschaftet werden können. Entstanden sind atmosphärisch differenzierte grüngeprägte Freiräume, ausgestattet mit Versickerungselementen und temporären Überstaumöglichkeiten (raingardens) sowie straßenbegleitenden Versickerungsbeeten (bioswales / green streets) – und damit gleichzeitig Orte, die neue Aufenthaltsqualitäten und Nutzungsangebote bieten. Für extreme Niederschläge können zudem Straßen als Notwasserwege genutzt werden. Entwickelt worden ist das Projekt mit einer umfangreichen Bewohnerbeteiligung sowie verschiedenen Förderprogrammen zur Unterstützung privater Initiativen.(6)

Auch Rotterdam nimmt eine Pionierstellung in der Entwicklung innovativer Klimaprojekte ein. Um Starkregenereignissen zu begegnen, plant die Stadt mittelfristig 600.000 Kubikmeter zusätzliche Speicherkapazitäten für Niederschlagswas­ser zu realisieren.(7) Gleichzeitig soll die Attraktivität und Lebensqualität der Stadt durch ein innovatives „waterproof design“, etwa durch multifunktional gestaltete Deiche, Wasserplätze, Einstau-, Grün- und Polderdächer und neue Wohnformen auf dem Wasser gesteigert werden.(8) Wasserplätze sind oberirdische Rückhalteräume, in denen bei Starkregenereignissen Wasser temporär rückgehalten und zu einem späteren Zeitpunkt versickert oder abgeleitet wird. Im Sinne einer multifunktionalen Nutzung können sie die meiste Zeit des Jahres als nutzbare Freiräume bespielt werden. In Rotterdam sind bisher die drei Wasserplätze Bellamyplein (2012), Benthemplein (2013) und Frederiksplein (2016) realisiert worden. Insbesondere der Benthemplein mit seinen auffällig farbigen Becken, die im Trockenzustand für sportliche Aktivitäten genutzt werden, ist international zum viel zitierten Vorzeigebeispiel avanciert.

Frederiksplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Inga Bolik

Frederiksplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Inga Bolik

Um das komplexe Thema aufzuschlüsseln, ist im Rahmen der Dissertation „Amphibische Stadträume“ (9) ein Modell entwickelt worden, in dem essentielle Aspekte für die Entwicklung und Gestaltung aufgezeigt werden. In vier übergeordneten Perspektiven (politisch-ökonomisch, planerisch-gestalterisch, sozio­kulturell, technisch-ökologisch) finden sich rund siebzig Handlungsempfehlungen.

In der politisch-ökonomischen Perspektive werden zum Beispiel innovative Finanzierungsmodelle aufgezeigt. So bietet es sich an, lokale Ökonomien einzubinden und die Klimaadaption mit bestehenden Planungen wie Stadtentwicklungsprojekten oder anstehenden Instandhaltungen zu koppeln. Auch müssen rechtliche Grundlagen, insbesondere in Bezug auf die Verkehrssicherheit (etwa bei der Nutzung von Straßen als Notwasserwegen) sowie Hygienebestimmungen und Versicherungsfragen bei offenem Wasser im öffentlichen Raum, neu definiert werden.

Bellamyplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Inga Bolik

Bellamyplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Inga Bolik

Bei der Betrachtung erfolgreicher Projekte wird zudem klar, dass die Entwicklung amphibischer Stadträume neue Strategien erfordert, die Veränderung und Dynamik als Ausgangspunkt für eine flexible Gestaltung und einen interdisziplinären, offenen und partizipativen Entstehungsprozess begreifen. Dies betrifft zum einen die Überwindung der festgefahrenen Zuständigkeiten und des sektoralen Denkens in den Planungsdisziplinen und Verwaltungen, zum anderen die Aktivierung von Bürgerinnen und Bürgern sowie die Unterstützung von Bürgerinitiativen weit über die Norm hinaus.

In der planerisch-gestalterischen Perspektive steht die übergeordnete Strategie und deren Konkretisierung im Fokus. Von Vorteil ist eine multifunktionale Raumentwicklung, sodass Investitionen für die notwendigen technischen Maßnahmen gleichzeitig dazu genutzt werden können, den öffentlichen Raum qualitativ aufzuwerten. Zudem bietet die Klimaanpassung die wertvolle Chance, neue Freiraumbilder und (Regen-)Atmosphären zu entwickeln. Auf Grundlage der neuen Rahmenbedingungen müssen hierfür adäquate Gestaltungsmittel und -parameter gefunden werden. Darüber hinaus geht es aber auch um Inklusion und Zugänglichkeit für alle Bevölkerungsgruppen; in diesem Zuge also auch um Barrierefreiheit, „Universal Design“, gute Orientierung und Lesbarkeit.

Benthemplein, Rotterdam, Niederlande, Fotos: Inga Bolik

Benthemplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Inga Bolik

Die soziale Interaktion und Kommunikation der Stadtgesellschaft steht bei der soziokulturellen Perspektive im Vordergrund. Essentiell sind hier die Themen Sicherheit, Schutz (auch vor Witterung) und Komfort als Grundvoraussetzung für einen längeren Aufenthalt. Außerdem können amphibische Freiräume zu Erlebnis- und Lernorten werden, wenn klimaadaptive Maßnahmen für die Nutzerinnen und Nutzer sichtbar, erfahrbar und in ihrer Funktionsweise verständlich sind.

In der technisch-ökologischen Perspektive werden die Ermittlung von Überflutungsrisiken, die Ausweisung besonderer Schutzmaßnahmen für die kritischen Infrastrukturen und die Bemessung geeigneter Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung thematisiert. Der Themenkomplex Stadtökologie geht auf die Möglichkeiten ein, die Wasserquantität und -qualität sowie das Lokalklima zu verbessern und damit Hitzeinseln zu reduzieren und die städtische Biodiversität zu erhöhen.

Das Modell richtet sich an alle Akteurinnen und Akteure, die im klimaadaptiven Stadtumbau mitwirken, insbesondere aber an die gestaltenden Disziplinen – in der Hoffnung, dass nicht nur nach technischen Lösungen gesucht, sondern die Chance ergriffen wird, gleichzeitig attraktive und lebendige Orte mit hoher Aufenthaltsqualität und Gebrauchswert zu schaffen.

Benthemplein, Rotterdam, Niederlande, Fotos: Constanze Petrow

Benthemplein, Rotterdam, Niederlande, Foto: Constanze Petrow

Dr.-Ing. Inga Bolik studierte Architektur an der TH Köln und der UPM Madrid, absolvierte einen postgradualen Städtebaumaster an der KU Leuven und promovierte mit Auszeichnung an der TU Darmstadt. Sie arbeitet seit 2006 als Architektin im Hoch- und Städtebau und ist seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Darmstadt in Lehre und Forschung im Bereich der Stadtökologie und Klimaanpassung tätig. Ihre Dissertation „Amphibische Stadträume“ widmet sich insbesondere dem Umgang mit Starkregenereignissen in der verdichteten Stadt und wurde mit dem Kurt-Ruths-Preis 2020 ausgezeichnet.

Anmerkungen
1 Vgl. Breuste, Jürgen et al.: Stadtökosys­teme Funktion, Management und Entwicklung, Berlin / Heidelberg 2016, S. 65 ff.
2 Vgl. Geiger, W. / Dreiseitl, H. / Stemplewski, J.: Neue Wege für das Regenwasser. Handbuch zum Rückhalt und zur Versickerung von Regenwasser in Baugebieten, 3. Aufl., Oldenburg 2009.
3 Vgl. Bolik, Inga: Amphibische Stadträume. Integration eines dezentralen Regenwassermanagements in den öffentlichen Freiraum im Rahmen eines klimaadaptiven Stadtumbaus. Dissertation Technische Universität Darmstadt 2019, S. 3ff.
4 Vgl. Wiedemeier, Juliane: In der Unterwelt wird es eng, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2016.
5 Vgl. Kopenhagen Stadt: Cloudburst Management Plan 2012.
6 Vgl. Kopenhagen Stadt: Københavns Første Klimakvarter, 2015, http://klimakvarter.dk/wp-content/uploads/2015/06/K%C3%B8benhavnsKlimakvarter_11.dec_TRYK.pdf, Seitenaufruf: 18.09.2020.
7 Vgl. Rotterdam Stadt: Waterplan2, 2009.
8 Vgl. Rotterdam Climate Initiative: Rotterdam Climate Proof – Climate Adaption Strategy, 2013.
9 Vgl. Bolik (wie Anm. 3), S. 285 ff.

Dieser Text ist erschienen in der architekt 5/20 „das blaue wunder. vom wert und preis des wassers“.

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