Simon Gehrmann

Aus der Not lernen

Wassermanagement in Australien

In Deutschland beginnt spätestens gegen Ende des Frühjahrs jedes Jahr aufs Neue die Diskussion, ob sich die bevorstehende Jahreszeit in die Reihe der Jahrhundertsommer eingliedern und damit von Hitzewellen und geringem Niederschlag geprägt sein wird, oder ob diese nun wieder milder verlaufen wird. Unterstützt wird die Diskussion durch die Presse und Wissenschaft, die über alle zur Verfügung stehenden Kanäle Berechnungen veröffentlichen und interpretieren, um diesen Prozess in die globalen Klimatrends einzuordnen; mit einer eindeutigen Richtung: Es wird wärmer. Tagestemperaturen in Deutschland von 35 Grad Celsius und mehr sind im Spätsommer keine Seltenheit mehr. Die Anzahl der tropischen Nächte in Deutschland, also Nächte, in denen es konstant wärmer als 20 Grad ist, stieg in den vergangenen beiden Jahrzehnten kontinuierlich. Gleichzeitig ist die im Sommer zur Verfügung stehende Regenmenge jedoch um bis zu zehn Prozent zurückgegangen. Um zumindest den heimischen Garten zu sichern, empfehlen Landschaftsarchitekten ihren Bauherren gerne auch südeuropäische Pflanzen, da diese besser mit der „neuen“ Situation von höheren Temperaturen und weniger Wasser zurechtkommen als die verfügbaren einheimischen – sie sind resilienter.

Die Wasserknappheit der vergangenen Jahre, die heißen Sommer und deren Folgen stürzen das gesamte Ökosystem ins Ungleichgewicht. Bäume in den Städten müssen künstlich bewässert werden; in vielen Gegenden sind die europäischen Wälder gezeichnet von Klimaschäden. Unsere Flüsse erleben seit Jahren Niedrigstände, sodass man im Spätsommer 2018 bei Koblenz durch den Rhein laufen konnte. Wer bedenkt, dass die Flüsse die sichtbare Schnittstelle zum Grundwasser darstellen, kann erahnen, wie groß der Druck auf unsere Wasserreserven sein muss. Im August 2020 konnte man der Presse entnehmen, dass mehrere Gemeinden in Deutschland Probleme haben, ihre Trinkwasserversorgung zu sichern, was in den nächsten Jahren noch dramatischer werden wird.

Edingburgh Gardens, Melbourne, integriertes Wetland, Foto: Simon Gehrmann

Edingburgh Gardens, Melbourne, integriertes Wetland, Foto: Simon Gehrmann

Vor 30 Jahren stand Australien an einem ähnlichen Punkt in seiner Geschichte, den man rückblickend als „Millennium Drought“ bezeichnet. Aufgrund der sehr reduzierten Regenspende in den Sommermonaten sah man sich in Australien gezwungen, den Umgang mit den vorhandenen Wasserressourcen schnell und zielführend zu optimieren. Es entstand die neue planerische Disziplin Water Sensitive Urban Design (WSUD), die Architekten, Landschaftsarchitekten und Ingenieure an einen Tisch brachte, um gemeinsam einen nachhaltigeren Umgang mit der Ressource Wasser zu erreichen – mit Erfolg. Heutzutage ist WSUD in allen Bundesstaaten Australiens gesetzlich verankert, was nicht nur ein strategischer Vorteil ist. Zu den bisher größten Errungenschaften in Deutschland hingegen zählen Merkblätter, die den Einsatz von Regenwasser in Waschmaschinen regeln. Von einer gesetzlichen Verankerung ist man noch weit entfernt.

WSUD in Australien
Der natürliche Wasserkreislauf, der durch Regenwasser und Hochwasserschutz geprägt ist, aber auch der Nutzkreislauf, der durch den urbanen Trinkwasserbedarf und die Entsorgung des benutzten Wassers gekennzeichnet ist, bietet enormes Optimierungspotential. Häufig liegen beide Wasserkreisläufe immer noch in den Händen der klassischen Ingenieure, was aus technischer Sicht verständlich ist, die Perspektive jedoch einschränkt.

Dabei spielt das allgemeine Verständnis von urbanem Hochwasserschutz durch Stark­regenereignisse eine entscheidende Rolle. Das konventionelle Konzept der Trennkanalisation, die das gesammelte Wasser durch große, unterirdische Kanäle in die Flüsse leitet, wo es dann einige Kilometer weiter in den Meeren landet, wird zunehmend hinterfragt. Das schnelle Abführen des Wassers, unsichtbar und unterhalb der versiegelten Flächen, sorgt dafür, dass die Stadt austrocknet und erzeugt überdies Hitzeinseln, die die natürliche Belüftung und Klimatisierung beeinflussen.

Edingburgh Gardens, Melbourne, integriertes Wetland, Foto: Simon Gehrmann

Edingburgh Gardens, Melbourne, integriertes Wetland, Foto: Simon Gehrmann

Regenwasser gehört theoretisch zu den nutzbaren Trinkwasserressourcen, da es zumeist eine gute Qualität aufweist. Durch das Sammeln und Ableiten in die Meere geht diese Ressource allerdings verloren und lässt sich nur unter großem energetischen Aufwand zurückgewinnen. Besser ist es, das Regenwasser dort zu sammeln, wo es abregnet und möglichst lokal zu verwerten. Da Regenwasser, sobald es auf Hausdächer, Fassaden oder Straßen trifft, einen gewissen Anteil an Fremdstoffen mit sich führt, ist eine Nutzung als Trinkwasser nur mit entsprechender Reinigung möglich, aber auch die Nutzung als „Servicewasser“ zur Bewässerung oder zur WC-Spülung reduziert den Trinkwasserbedarf drastisch und entlastet damit vor allem die kommunale Wasserversorgung, auch im Hinblick auf die Bewässerung öffentlicher Flächen und Parks.

Beispiel I: Edinburgh Gardens, Melbourne
Die Edinburgh Gardens in Melbourne (1), ein großer, denkmalgeschützter urbaner Park, setzt genau hier an. Das auf die Straße fallende Regenwasser der den Park umgebenden urbanen Flächen wird gesammelt und in ein landschaftlich ansprechend gestaltetes Pflanzenbecken inmitten des Parks geleitet, wo es durch physische und biologische Prozesse von den Rückständen der Straße, wie Gummi, Öl, Staub und Laub befreit wird. Im Anschluss wird das Wasser in einem unterirdischen Becken gespeichert und im Sommer, während Zeiten des verminderten Regens, zur Bewässerung des Parks eingesetzt. Das Projekt ist aufgrund mehrerer Faktoren beeindruckend: Die klassische Infrastruktur zum Hochwasserschutz, also die ohnehin vorhandene Trennkanalisation, wurde unter den Straßenflächen erhalten, allerdings so umgestaltet, dass das Regenwasser nun in das Becken im Park geleitet wird, anstatt in die unterirdischen Kanäle, die es zu den Flüssen bringen. Dabei wurden weder die Anwohner der Straße, noch der Verkehr während der Bauzeit von 2010 bis 2012 beeinträchtigt. Die sorgfältig gewählte Bepflanzung innerhalb des Beckens erhöht die Biodiversität und durch das integrierte Bewässerungskonzept gehört die Gesamtanlage zu den wenigen Parks, die dauerhaft grün sind – und das mit einem denkmalgeschützten Baumbestand aus der britischen Ära. Der Park beeinflusst nicht nur das lokale Klima, indem er ausreichend adiabate (ohne Wärmeaustausch ablaufende) Kühlungsprozesse fördert, sondern ist bei den Bewohnern Melbournes sehr beliebt und im Sommer gut besucht. Die Edinburgh Gardens in Melbourne sind ein perfektes Beispiel dafür, wie man planerisch ein bestehendes Missverhältnis zwischen Mensch und Natur korrigieren kann.

Der See in Springfield Lakes ist gleichzeitig auch Ortsmitte, Foto: Simon Gehrmann

Der See in Springfield Lakes ist gleichzeitig auch Ortsmitte, Foto: Simon Gehrmann

Beispiel II: Springfield Lakes
Einen anderen, aber ebenso innovativen Ansatz findet man knapp 1.300 Kilometer weiter nördlich, nahe Brisbane, mit dem Stadterweiterungsprojekt Springfield Lakes (2), als Teil der Masterplanung Grea­ter Springfield. Das Projekt gehörte zu Zeiten seiner Entstehung zweifelsfrei zu den innovativsten Projekten der Welt, da hier ein ganzheitlich gedachtes Wassermanagement entwickelt wurde. Zunächst war angedacht, das gesamte anfallende Wasser – und hierzu gehört auch das benutzte Wasser aus den neu zu planenden Wohngebieten – mit einer angemessenen Technologie zu behandeln, um es dann für die großzügige Gestaltung von Seen (den Springfield Lakes) einzusetzen. Realisiert wurde dies in der geplanten Form aufgrund von technischen Hindernissen und Akzeptanzproblemen nicht. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass alleine der Gedanke, dieses Konzept nach außen transparent zu entwickeln, für Europa heutzutage noch undenkbar wäre, wird klar, wie offen man in Australien mit dem Thema umgeht. Immerhin wurden die Seen gebaut, die dem Gebiet ihren Charakter verleihen, auch wenn sie heutzutage hauptsächlich durch das innerhalb des Gebietes anfallende Regenwasser gespeist werden. Da die Hauptwasserquelle der Seen der Oberflächenabfluss der umgebenden Wohngebiete darstellt, ist es umso wichtiger, dass kein Müll auf den Straßen landet und Verschmutzungen vermieden werden. In der Umgebung der Seen gibt es Sporteinrichtungen und Terrassen, die die Bewohner näher an das Wasser bringen, was identitätsstiftend wirkt – die Bewohner kümmern sich um „ihren“ See. Springfield Lakes dient als Wasserreservoir für die umliegenden Grünflächen und ist durch eine hohe Artenvielfalt geprägt. Dies verdeutlicht, dass ein intaktes Biotop auch innerhalb von Wohngebieten sehr gut funktionieren kann. Der gesamte Masterplan von Greater Springfield ist ein ideales Beispiel dafür, wie man Stadtplanung mit und um Wasser betreiben und dabei die natürlichen Ressourcen schonen kann; dies geht weit über den Grundgedanken des Water Sensitive Urban Design hinaus.

Sämtliche Anschlüsse und Leitungen des alternativen Leitungsnetzes sind für alle sichtbar als „purple pipes“ markiert, Foto: Simon Gehrmann

Sämtliche Anschlüsse und Leitungen des alternativen Leitungsnetzes sind für alle sichtbar als „purple pipes“ markiert, Foto: Simon Gehrmann

Beispiel III: McLaren Vale, Adelaide
Die Gegend um Adelaide gehört zu den trockensten in Australien. Kaum eine Fläche, die nicht künstlich bewässert wird, kann sich in den Sommern, in denen es selten kälter als 25 Grad Celsius wird, halten. Die Wasserversorgung durch Oberflächengewässer in Adelaide ist nicht ausreichend. Hinzu kommen Landabsenkungen durch die insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten vorgenommene, permanente Grundwasserentnahme, die Adelaide vor Herausforderungen stellen.
Südlich der Stadt, hinter den weitläufigen Stränden, liegt eine Gebirgskette, die weltweit für ihre Weinwirtschaft bekannt ist: das McLaren Vale. Die Gebirgskette mit ihren steilen Westhängen, die man schon kurz hinter der Stadtgrenze sehen kann, zeigt sich mit ihren Weinstöcken scharf abgegrenzt, saftig grün, inmitten des sonst eher sandigen und steinigen Umfelds. Der Grund dafür ist ein großflächig angelegtes zweites Wassernetz, die sogenannten „purple pipes“, die vom McLaren Vale bis in das Stadtgebiet von Adelaide reichen.(3) Diese transportieren Servicewasser zu den Weinbauern und zur Landwirtschaft, das aus den kommunalen Aufbereitungs- und Rückgewinnungsanlagen stammt. Je nach Standort und Wasserqualität wird das Wasser entweder direkt in das Leitungsnetz gegeben, beziehungsweise einem Zwischenspeicher zugeführt, oder im Rahmen eines „Managed Aquifer Recharge“-Konzeptes in das Grundwasser injiziert. Dort kann es dann während der langen, trockenen Sommermonate wieder entnommen werden. Dieses Konzept hat das McLaren Vale gerettet, andernfalls wäre der Weinbau schon in den 1990er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Das Servicewasser wird den Weinbauern im Rahmen von Abnahmeverträgen wesentlich günstiger als Trinkwasser angeboten. Gleichzeitig hat es den Vorteil, dass die Weinbauern den Einsatz von Düngemitteln reduzieren können – obgleich die Abnahme freiwillig ist. Man könnte dies durchaus als Win-win-Situation beschreiben. Das McLaren Vale und die „purple pipes“ sind ein gutes Beispiel dafür, wie man mit Hightech die Natur unterstützen kann und welche Potenziale sich durch eine ganzheitlich gedachte, überregionale Vernetzung von technischer Infrastruktur und Landwirtschaft erschließen lassen.

Hinweise, dass das für den Wein verwendete Wasser in Adelaide kein Trinkwasser ist, Foto: Simon Gehrmann

Hinweise, dass das für den Wein verwendete Wasser in Adelaide kein Trinkwasser ist, Foto: Simon Gehrmann

Australische Erfahrungen
Australien geht in Sachen Wasser innovative Wege, von denen wir in Deutschland weit entfernt sind. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass Australien 30 Jahre Erfahrung und aufgrund der Wasserknappheit auch ein anderes Verständnis für das Thema besitzt. Viele der in Australien eingesetzten Techniken stammen dabei aus Deutschland und Europa. Leider ist der gesetzliche Rahmen in Deutschland im Vergleich zu Australien relativ unflexibel und Planer geraten an gesetzliche Hürden, die nur sehr schwer zu überwinden sind. Projekte, in denen die Wasserkreisläufe ganzheitlich betrachtet werden, rea­lisiert man in Deutschland häufig nur als Forschungsprojekte. Diese werden jedoch nach einigen Jahren, also nach der Forschungsfrage, vom Netz genommen, da die Projekte dann an andere Eigentümer übertragen werden, was zu einer Verschiebung von Risiko und Verantwortung führt. In Australien geht man mit diesem Thema entspannter um. Algenblüten in künstlichen Seen kommen vor, aber anstatt den See großräumig zu sperren, werden Warnschilder aufgestellt. In Adelaide hat ein junges Pärchen aufgrund eines Fehlanschlusses im Leitungsnetz über neun Jahre hinweg Servicewasser getrunken. Dass die Betroffenen glücklicherweise keinem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt waren, verdanken sie der modernen Technik und dem Multi-Barrieren-System, das auf Sicherheitsredundanzen setzt. Es steht zwar außer Frage, dass dies ein ernstzunehmender Zwischenfall ist, der lückenlos aufgeklärt werden muss und sich nicht wiederholen darf. Redet man mit den Australiern jedoch darüber, hat man das Gefühl, dass alle Beteiligten vorrangig daraus lernen wollen, anstatt sich in komplexen Gerichtsprozessen jahrelang über die Verantwortlichen zu streiten, die sich am Ende womöglich nicht klar identifizieren lassen. Wir sollten in Europa also den engeren Kontakt mit Australien suchen und auf die dortigen Erfahrungen aufbauen, um unseren Wasserhaushalt fit für den Klimawandel zu machen. Dass die Technik funktioniert, kann man in Australien hinreichend studieren.

Algenblüte in Forest Hill nahe Springfield Lakes: Warnung vor Kontakt mit dem Wasser, Foto: Simon Gehrmann

Algenblüte in Forest Hill nahe Springfield Lakes: Warnung vor Kontakt mit dem Wasser, Foto: Simon Gehrmann

Dr. Simon Gehrmann studierte Architektur an der TU Darmstadt. Nach seinem Diplom arbeitete er in Architekturbüros in Darmstadt und Weinheim, bevor er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die TU Darmstadt zurückkehrte, um an diversen Forschungsprojekten zur wassertechnischen Infrastruktur in Asien mitzuwirken. 2017 promovierte er über wassersensitive Stadtgestaltung und grüne Infrastruktur und lernte im Anschluss als Gastwissenschaftler an der RMIT Universität in Melbourne die australische Perspektive kennen. Im Rahmen des internationalen Forschungsprogramms „Designing Resilience in Asia“ ist er seit 2013 in der Lehre. Seit 2015 berät er Planungsbüros, Gemeinden und Immobilienentwickler über den nachhaltigen Umgang mit Wasser.

Anmerkungen:
1 Edinburgh Gardens, Landschaftskonzept: GHD Pty Ltd., Bauherr: Melbourne Water und City of Yarra, Fertigstellung: 2012. Weitere Informationen: http://landezine.com/index.php/2012/10/edinburgh-gardens-raingarden-by-ghd-pty-ltd/
2 Springfield Lakes, Ipswich, Gebietsentwicklung: Landlease Group, Australia, Fertigstellung: laufend. Weitere Informationen: https://www.greaterspringfield.com.au/
3 McLaren Vale, Adelaide, Fertigstellung: laufend. Weitere Informationen: https://www.wbwc.com.au/

Dieser Text ist erschienen in der architekt 5/20 „das blaue wunder. vom wert und preis des wassers“.

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