Gespräche mit Susanne Wartzeck

im platanenhain

Räume bilden Gedanken: Auf der Mathildenhöhe, im 1914 vom Bildhauer Bernhard Hoet­ger skulptural ausgestatteten Platanenhain, am Fuß des von Olbrich 1905 entworfenen „Hochzeitsturms“, treffen sich an einem Septembernachmittag Susanne Wartzeck, die Präsidentin des BDA, und Andreas Denk, Chefredakteur dieser Zeitschrift. Dieser Ort hat eine besondere Bedeutung für den BDA: Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt berief 1898 sieben Künstler nach Darmstadt, darunter den Architekten Joseph Maria Olbrich, der die meisten Bauten der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe entwarf. Olbrichs Bauten und die Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ wurden 1901 ein Manifest der Lebensreformbewegung. Für den „neuen“ BDA nach 1945 galt Olbrichs ganzheitlicher Ansatz als maßgebend für das Bild des Architekten, das man befördern wollte. In der begleitenden Ausstellung zum 2. Darmstädter Gespräch „Mensch und Raum“, das BDA-Präsident Otto Bartning initiierte, bezog man sich auf das 50-jährige Jubiläum der Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie. Wollte man damals, im Nachkriegsjahr 1951, die Erinnerung an 1901 unmittelbar mit einer Gegenwartsaufgabe, dem Wohnungsbau, verbinden, so sprechen unsere beiden Protagonisten 2020 auf der Mathildenhöhe über ein sinnverwandtes Thema: Warum wird der BDA politisch?

Andreas Denk: Wir sprechen oft davon, dass der BDA zuletzt immer weitere Schritte zu einem allgemeinen politischen Engagement gegangen ist. Inzwischen scheint sich das „Planen und Bauen in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“, wie es die Satzung von 1972 in den Mittelpunkt stellt, mehr und mehr einzulösen. Vor zehn Jahren wurde das klimapolitische Manifest „Vernunft für die Welt“ an das Bauministerium übergeben. Inzwischen entstehen immer mehr Papiere zu Klimaschutz und Ressourcenschonung, die die politische Ebene adressieren. Ist der BDA in eine neue Phase eingetreten?

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Susanne Wartzeck: Es ist wünschenswert, dass wir als Teil der Gesellschaft zu einem politischen Engagement zurückfinden. Wenn ich an die Erfahrungen meiner Generation denke, gehörte in der Schulzeit und im Studium, also in den 1970er und auch noch in den 1980er Jahren per se ein Selbstverständnis als homo politicus dazu. Gleichgültig, ob es die Anti-Atomkraft-Demonstrationen, der NATO-Doppelbeschluss oder der große Schulstreik in Hamburg waren: Wir sind auf die Straße gegangen und haben Position bezogen. Ich habe es immer bedauert, dass diese Aktivitäten in den letzten Jahrzehnten sehr nachgelassen haben. Die Menschen scheinen sich seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre in hohem Maße mit ihrer Umwelt, mit der Weise, wie sie leben, zufrieden gegeben zu haben. Gemeckert wurde zwar immer, aber niemand übernahm die Initiative, etwas zu ändern. Das trifft auch auf die Architektur zu. In den 1990er Jahren, als ich als Architektin angefangen habe, war Bauen mit Holz mitsamt der Entwicklung von luftdichten Konstruktionen, die nicht mehr schadensanfällig sind, en vogue. Daraus hätte ein Boom für den Holzbau entstehen können. Es hat jedoch bis heute gedauert, bis die ersten Holzhochhäuser, die ersten Großbauten aus Holz einen anderen Weg aufgezeigt haben. So langwierig solche Diskussionsprozesse in der Gesellschaft sind, so lange dauert es wohl auch beim BDA.

Andreas Denk: Bei allen Diskussionen bleibt aus naheliegenden Gründen unscharf, aus welcher politischen Richtung der BDA heute argumentiert. Das führt dazu, dass die vom Bund aufgestellten Thesen nur bis zu einem gewissen Grad klar und eindeutig sind. Mitunter tendieren sie dazu, nicht grundsätzlich falsch zu sein. Ist diese Form des liberalen Argumentierens heute noch hilfreich?

Susanne Wartzeck: Eine parteipolitische Orientierung des BDA fände ich verhängnisvoll. So gerne, wie wir im Bund und in den Ländern um Standpunkte unterschiedliche Meinungen haben oder uns sogar streiten, so sollte der BDA auch die (fast) komplette politische Landschaft widerspiegeln können, damit sich alle guten freien Architekten bei uns zuhause fühlen können. Auch bei den politischen Forderungen, die wir mit unseren Positionspapieren in den letzten Monaten aufgestellt haben, geht es immer um Inhalt, nicht um Ideologie. Wir müssen uns alle in die Augen blicken und sagen können, dass es Standpunkte und Forderungen sind, die wir als Architekten für wichtig halten und für die es sich zu kämpfen lohnt.

Andreas Denk: Woher kommen die Kategorien und Normen, die solche Positionen rechtfertigen, wie sie der BDA im Namen seiner Mitglieder derzeit vertritt?

Susanne Wartzeck: Ich spüre bei Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen, dass es ein gewisses gemeinsames Verständnis der Welt und ihrer Phänomene gibt. Das hat mit der ähnlichen Ausbildung und der dauernden Beschäftigung mit dem Bauen, der Gesellschaft, der Umwelt, dem Ort zu tun. Aus ähnlichen Prägungen und aus der Notwendigkeit, immer wieder zu Problemen Stellung zu beziehen, die das Entwerfen von Architektur mit sich bringt, entstehen bestimmte Vorstellungen und Auffassungen. Deshalb gibt es unter Architekten einen ähnlichen Wertekanon, der unabhängig von politischen Überzeugungen ist.

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Andreas Denk: Das erste Manifest, vor zehn Jahren verfasst, hieß „Vernunft für die Welt“. Ist es die Vernunft, das rationale Denken, das die BDA-Positionen prägt?

Susanne Wartzeck: Das wäre zu kurz gegriffen. Vernunft, also die Fähigkeit, seinen Geist zu bewegen, gehört dazu. Es schwingt beim Nachdenken aber auch immer etwas Freies, Künstlerisches mit. Man kann unsere Positionen nie nur auf Vernunft reduzieren, sondern muss sie auch auf der Herzens­ebene verstehen. Diese Kombination macht Architekten zu den Menschen, die sie sind – mitunter streitbar, immer bereit, sich zu engagieren und für ein Anliegen Leidenschaft zu entwickeln.

Andreas Denk: Es gibt den Begriff des „common sense“, der oft mit dem „gesunden Menschenverstand“ gleichgesetzt wird. Wahr ist, was wir aufgrund unserer Natur glauben müssen, so der Philosoph James Beattie (1735 – 1803). Könnte das ein philosophisch-politisches Leitmotiv des BDA sein?

Susanne Wartzeck: Das trifft es besser. „Common sense“ hat auch etwas mit dem Begriff der Allgemeingültigkeit zu tun: Erst die allgemeine Erkenntnis, wie unsere Zeit beschaffen ist, bringt uns auf den Weg des Handelns. Als in den 1920er Jahren Stahlrohrmöbel entworfen wurden, wusste man zwar, dass die neuen Materialien und Formen den Forderungen und Vorstellungen der Zeit entsprachen, aber nicht, was die einzelnen Entwerfer im Innersten gedacht haben. Solche zeitgeistigen Notwendigkeiten haben immer auch politische Implikationen. Das trifft auch auf den Klimawandel zu, den wir als gegeben betrachten müssen.

Andreas Denk: Haben Sie, als BDA-Präsidentin, und das Präsidium in Bezug auf das Klima-Manifest „Das Haus der Erde“, die „Politischen Grundpositionen zu Stadt, Land und Architektur“ und die Ausstellung „Sorge um den Bestand“ die Mehrheit der Mitglieder hinter sich?

Susanne Wartzeck: Ich bin da sehr guter Dinge. Die Rückmeldungen auf die letzte Ausgabe von der architekt, wo wir die „Aufforderungen an die Politik“ zur Diskussion gestellt haben, die sich an „Das Haus der Erde“ anschließen, sind aufschlussreich. Es gab zwar keinen Sturm von Beiträgen, aber verschiedene Leser haben sich sehr dezidiert geäußert. Es gab nur eine Rückmeldung, die verzagt war und daran gezweifelt hat, dass Architekten den Klimawandel bekämpfen können. Es gab indes keine Stimme, die grundsätzlich an unseren Thesen zweifelte.

Andreas Denk: Vielleicht ist es das, was ich vorhin meinte. Die Thesen sind eigentlich „zu richtig“, vielleicht inzwischen zu selbstverständlich, als dass sie Widerspruch erregen könnten. Vielleicht ist die Übereinkunft über die Postulate schon viel größer, als wir es erwarten…

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Susanne Wartzeck: …aber wenn man die Thesen auf die eigene berufliche Praxis überträgt, fällt die Diskrepanz viel größer aus. Ich merke es an mir selber: Ich zucke förmlich zusammen, wenn ich mit einem Neubau konfrontiert werde. Ich bin im Gewissenskonflikt, ob man einen Bestandsbau tatsächlich abreißen kann. Müsste ich nicht diskutieren, ob und wie der Bau erhalten und weitergenutzt werden kann? Kann ich nicht vielleicht Teile oder Materialien wiederverwenden? Bei Wettbewerben ist diese Entscheidung längst gefallen. Soll ich deshalb nicht mitmachen? Kann ich eine den Bestand schonende Lösung anbieten, die nicht mit der Ausschreibung korreliert? Diese Positionierung ist nicht einfach. Die Thesen mögen auf den ersten Blick „weichgespült“ erscheinen, aber in der Umsetzung auf unser alltägliches Berufsgebaren haben sie radikale Folgen: Wie sehr und wie oft sind wir bereit, „Nein“ zum Neubau zu sagen, uns mit aller Leidenschaft den alten „Hütten“ zuzuwenden und mit aller Kraft zu versuchen, das Beste aus ihnen herauszuholen? Das ist das Ziel – und das ist hart genug.

Andreas Denk: Der BDA wird Teile dieser Programmatik mit einer Ausstellung visualisieren, die wieder in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium des Innern, Bau und Wohnen entsteht. Was versprechen Sie sich von dieser Vermittlungsebene?

Susanne Wartzeck: Die Ausstellung wird eine sinnfällige Ergänzung zu jener Schau sein, die wir vor einigen Jahren zu den zehn Thesen zum Wohnen veranstaltet haben. Es geht hier um ein Weiterdenken des Themas. Auch das Wohnen können wir nicht auf den Neubau beschränken. Auch dort müssen wir Formen der Umnutzung und des Umbaus finden, die ressourcen- und klimaschonend sind. Diese Arbeitsweise wird das architektonische Entwerfen in Zukunft wesentlich beeinflussen und verändern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von jungen Kollegen, die das mit Herzblut und überzeugenden Lösungen macht. Ein anderer Aspekt wird sein, dass man durch die Ausstellung einen anderen Blick auf die Stadt bekommt, die ein großes Materiallager ist, eine Mine, die wir als Form der Vorratshaltung begreifen müssen. Es geht hier um einen baukulturellen Ansatz: Die Stadt besteht aus Gebäuden, die einen bestimmten kulturellen und ästhetischen, aber auch einen materiellen Wert haben.

Andreas Denk: Die Ausstellung „Sorge um den Bestand“ wird nicht nur in Berlin, sondern auch in den nächsten zwei Jahren bei vielen BDA-Landesverbänden zu sehen sein.

Susanne Wartzeck: Es wird nicht langweilig werden. Die Ausstellung tritt mit einer Metapher auf, über die ich hier noch nichts verraten will. Sie birgt wie ihr Vorgänger die Möglichkeit, sie je nach Ort ihrer Präsentation zu verändern und mit Rahmenprogrammen anzureichern, die regionale Varianten erlaubt. Jede Station wird eine andere, immer jedoch beeindruckende Ausstellung bekommen.

Dieser Text ist erschienen in der architekt 5/20 „das blaue wunder. vom wert und preis des wassers“.

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