John von Düffel

Empathie mit dem Baggersee

Wasser als poetischer Spiegel

Immer, wenn dieser Tage vom Wasser die Rede ist, muss ich an die Wälder denken. Als ich meinen Klima-Roman „Der brennende See“ schrieb, war noch nicht absehbar, was das Jahr 2020 bringen würde. Zwar sind sämtliche Wetter- und Wasservorhersagen des Buches eingetreten, aber eine Pandemie von dieser Durchschlagskraft hatte wohl kein Autor auf dem Zettel. Doch auch wenn seit Monaten von kaum etwas anderem als von Corona die Rede ist, bin ich mir nicht sicher, ob 2020 wirklich als das Corona-Jahr in die Geschichte eingehen wird oder nicht doch als das Jahr der brennenden Wälder. Es begann – wir erinnern uns vage – mit den verheerenden Feuern in Australien zu Jahresanfang und hat sich seither nahtlos fortgesetzt mit der beschleunigten Vernichtung des Regenwalds um den Amazonas, den Bränden in den afrikanischen Tropen, in Sibirien, Griechenland, Kalifornien, Spanien, auf allen Erdteilen. Wenn der Wald die Lunge unseres Planeten ist, kann und muss man buchstäblich von einer Lungenentzündung des Planeten sprechen, die alle bisherigen Dimensionen sprengt: einer Pandemie des Waldes. Und während Corona vielleicht in fünf bis zehn Jahren wie nie gewesen sein wird, sind die vom Feuer zerstörten Waldflächen für Generationen verloren.

Es ist Wasser, grünes Wasser, das verbrennt. Und es schlägt ökologisch wie klimatisch doppelt und dreifach zu Buche, nicht nur weil Bäume CO2 binden, das damit zusätzlich in die Atmosphäre gelangt. Jeder Baum ist ein Klimafaktor für sich, indem er Feuchtigkeit und Schatten spendet, Erosion verhindert, Wind fängt und mäßigend aufs Klima wirkt. Dass die Erde vom All aus betrachtet keine blau-grüne Murmel mehr ist, sondern eine bräunliche, stellt nicht nur eine Folge des extremeren Klimas dar, sondern bringt immer noch extremere klimatische Bedingungen hervor.

Baggersee, Foto: Andreas Denk

Baggersee, Foto: Andreas Denk

Spätestens seit den Dürresommern 2018 und 2019 ist das Thema auch in Deutschland angekommen. Und auch wenn die regionalen Unterschiede laut Agrarbericht 2020 teils erheblich sind, kann der ungleich verteilte Regen dieses Jahres auch die deutschen Wälder nicht retten. Der Fichtenbestand ist komplett gefährdet, die Birke als Flachwurzler ist durch die absinkenden Grundwasserspiegel wohl die längste Zeit ein hierzulande häufiger und heimischer Baum gewesen. In Brandenburg, wo – Stand September – 2020 nur ein Viertel der durchschnittlichen Niederschlagsmenge gefallen ist, schreitet die Versteppung weiter voran. Flüsse fallen trocken. Kaum ein See, der nicht anderthalb bis zwei Meter breite Trockenränder hat.

Deutschland ist ein Dürreland geworden, eine Entwicklung, die mit einer solchen Geschwindigkeit vonstatten geht, dass sie mit bloßem Auge erkennbar ist. Nur am Rande sei erwähnt, dass sich inzwischen auch die Bundesregierung mit den zuständigen Ministerien auf die zunehmende Dürre einstellt. Allerdings visiert ihr Dürre-Vorsorgekonzept das Jahr 2030 an. Viel Wald und viel Wasser werden da nicht mehr übrig sein. Und während als zweites Thema neben Corona im Autoland Deutschland heiß über Elektromobilität und CO2-Ausstoß diskutiert wird, kann man sich ob der Verengung der Diskussion auf die Gleichung „Klimaneutralität = Kohlendioxidneutralität“ nur an den Kopf fassen. Als wäre CO2 nicht nur ein Faktor von vielen. In letzter Instanz ist der Klimawandel kein CO2-, sondern ein H2O-Problem. Ohne Wasser – Süßwasser, wohlgemerkt – wird es auf der Erde kein menschliches Leben geben. Wasser ist die Schlüsselressource der Zukunft.

Eine neue Wasserästhetik
Dass man sich in Mitteleuropa Sorgen ums Wasser machen muss, dass es Bewässerungsstopps für Agrarflächen gibt und teilweise sogar Trinkwasserengpässe bestehen, ist eine fundamental neue, weder ökologisch noch politisch bewältigte Situation. Es ist noch nicht einmal als Teil einer sich radikal wandelnden Wassererzählung in den Köpfen der meisten Menschen angekommen. Denn Wasser war in unseren Breiten seit Jahrtausenden, so wie der Wald, eine Selbstverständlichkeit und geradezu im Überfluss vorhanden.

Schiffsfriedhof im austrocknenden Aralsee, Zhalanash-Bucht bei Aralsk, Kasachstan, Foto: Zhanat Kulenov (via UNESCO / CC BY-SA 3.0 IGO)

Schiffsfriedhof im austrocknenden Aralsee, Zhalanash-Bucht bei Aralsk, Kasachstan, Foto: Zhanat Kulenov (via UNESCO / CC BY-SA 3.0 IGO)

Das lässt sich auch an dem halben Schwimmer- und Schriftstellerleben ablesen, das ich hinter mir habe. Als 1998 mein Debütroman „Vom Wasser“ erschien, war das Staunen darüber groß, dass Wasser hierzulande überhaupt ein Thema sein kann. Damals habe ich meinen literarischen Auftrag darin gesehen, von der Selbstverständlichkeit des Wassers zum Staunen über das Element zu gelangen, zu einer Erzählung, die ein Gefühl für den Wert und die Wertigkeit des Alltagsgegenstands Wasser vermittelt. Es war, wenn man so will, die poetische Mission, eine Sprache zu finden für die Sinnlichkeit, den Verwandlungsreichtum und Erinnerungssog des Elements. Und zugleich eine erzählerische Herausforderung: Denn die Geschichte eines Gewässers ist immer auch die Geschichte der Menschen am Wasser und umgekehrt. Die Mythen und Legenden, die sich darum ranken, sind Teil seiner Aura, sie sind im Wasser real. Was wäre der Rhein ohne die Loreley und das Rheingold, was die Nordsee ohne den Schimmelreiter. Der Mensch spiegelt sich im Wasser und das Wasser spiegelt sich im Menschen. Doch es spiegelt ihn nicht nur als das, was er ist, sondern auch als das, was er sein könnte. Das Wasser als Spiegel des Menschen besitzt eine phantastische, eine so utopische wie beklemmende Dimension. Es spiegelt seine Wünsche und Ängste, Träume und Wirklichkeit. Es ist ein poetischer Spiegel, dessen Einblicke tiefer und durchdringender sind als die der Oberflächenrealität.

Die Mentalität und Denkungsart der Menschen am Wasser, der Rhythmus ihres Lebens und Sterbens, das Auf und Ab ihrer Geschicke ist vom Gang des Wassers, seinem Rhythmus und seinen Gezeiten bestimmt. Würde man einen Menschenschlag von einem Gewässer an ein anderes umsiedeln, würden diese Menschen ihre kulturelle Identität verlieren. Es wären Wasserfremde, ohne Bezug zu dem Element, das einmal der Spiegel ihres Lebens und ihrer Geschichte war, ihr flüssiges Gedächtnis.

Versuche einer Wasserethik
Dieser wasserästhetische Ansatz ist durch die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre keineswegs widerlegt, sondern vielleicht sogar wichtiger geworden denn je. Doch im Erzählen hat sich mir immer gezeigt: Unser Umgang mit dem Element ist Teil eines größeren und grundsätzlichen Verhältnisses von Mensch und Natur. Und dieses Naturverhältnis ist in hohem Maße gestört. Die Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, die vielfach und zu Recht beklagt wird, ist nicht nur eine unliebsame ökonomische Folgeerscheinung, sondern Teil einer umfassenden Naturentfremdung. Die Wasserfremden, die wir künftig durch Flucht oder Klima-Migration, durch Dürre oder Versalzung werden können, sind wir in unserem Verhältnis zur Natur schon geworden. Im Zuge der Digitalisierung hat sich das Leitbild des technischen Fortschritts schon so weit vom natürlichen Leben abgekoppelt, als wäre das Konzept der „transhumanity“ nicht nur eine nahe Utopie der Selbstüberschreitung und Überwindung von Sterblichkeit, sondern gelebte Realität. Ich erinnere mich an eine Diskussion über Digitalisierung, in der meine Mitdiskutanten eine Studie priesen, nach der die „digital natives“ in den USA mit ihren Daumen daddelnderweise eine Feinmotorik erreicht hätten, die in der Evolution beispiellos sei. Allerdings belegt dieselbe Studie auch, dass die meisten der untersuchten Kinder und Jugendlichen die Fähigkeit verloren hatten, rückwärts zu gehen.

Algen im Isarstausee bei Moosburg, Foto: C9po (via Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

Algen im Isarstausee bei Moosburg, Foto: C9po (via Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

An unserer Beziehung zum Wasser misst sich unser Naturverhältnis. Insofern ist Wasser ein ethisches Thema, genauer, Teil eines großen ethischen Defizits im Umgang des Menschen mit der Natur – religiös ausgedrückt: eines mangelnden Respekts vor der Schöpfung. Erst neulich hatte ich mit Rettungsschwimmern und Schwimmpädagogen angesichts der hohen Zahl von Ertrinkenden in diesem August eine erschütternde Diskussion darüber, dass der Anteil der Nichtschwimmer unter Kindern und Jugendlichen auf fünfzig Prozent gestiegen ist. Schuld daran, so der Tenor, seien nicht nur fehlende Schwimmbäder und schulische Unterrichtsangebote, sondern vor allem eine zunehmende Passivität und Teilnahmslosigkeit. Strände, Fluss- und Seeufer stellten nur noch eine Kulisse für Selfies dar, eine echte Interaktion mit dem Element fände nicht mehr statt. Das gilt für unsere Beziehung zur Natur im Ganzen. Ihr Status verkommt mehr und mehr zu dem einer Fototapete.

Es gibt nur eine erzählerische Antwort darauf: Nähe, und zwar nicht nur zum Naturschönen, das ohnehin „bezaubernd“ ist, sondern Nähe zur Natur im Zeichen ihrer Zerstörung. Es geht nicht ums Schwimmen in romantisch umwaldeten Gewässern, sondern irgendwo zwischen Spundwänden und Autobahntrassen, Kieswerken und Stadtlandschaften. Es geht um Empathie mit dem Baggersee.

Die Politisierung des Wassers
Mit guten Worten und ethischen Belehrungen lässt sich indes kein anderes Naturverhältnis herbeireden. Zudem läuft uns die Zeit davon. Der beschleunigte Klimawandel der letzten Jahre, die Wetterextreme und die rapide fortschreitende Entgrünung des Planeten machen deutlich, dass der Kampf ums Wasser bereits begonnen hat. Es ist ein Überlebenskampf, der politisch geführt werden muss, bevor er als Krieg ums Wasser gewaltsam geführt wird. Die zunehmende Wasserknappheit steht in krassem Widerspruch zu der Erklärung des Grundrechts auf einen freien Zugang zum Trinkwasser. Die Privatisierung der Wasserwirtschaft zugunsten von Großkonzernen wie Nestlé ist ein Hohn auf jede Wasserethik, die aus dem Gedanken des Allgemeinguts sowohl Rechte als auch Pflichten ableiten will. Wenn die Politik das menschliche Überleben dem Spiel der sogenannten freien Märkte überlässt, kann das nur als totale Bankrotterklärung angesehen werden. Dürre und Wasserknappheit müssen Teil einer umweltpolitischen Konzeption werden. Der Hochwasserschutz hat durch Dämme, Stau- und Ableitsysteme unsere Landschaften seit Jahrhunderten geprägt: Jetzt brauchen wir sehr schnell und so gut wie sofort einen Niedrigwasserschutz, um ganze Regionen vor der Austrocknung zu bewahren. Das poetische Thema des Wassers, mit dem vor etwas mehr als zwanzig Jahren meine Schriftstellerlaufbahn begann, hat sich in rasender Geschwindigkeit politisiert. Das Wasser rauscht nicht mehr, es brennt. Und dem Erzähler bleibt nur die Geschichte der brennenden Seen.

Dr. John von Düffel ( *1966) ist Dramatiker und Schriftsteller, er lebt in Potsdam. Von Düffel studierte Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaftslehre in Stirling / Schottland und Freiburg / Breisgau und wurde 1989 mit einer Arbeit zur Erkenntnistheorie promoviert. Er war als Filmjournalist und Theaterkritiker tätig und als Dramaturg an mehreren Bühnen: Theater der Altmark Stendal, am Staatstheater Oldenburg, Theater Basel, Schauspielhaus Bonn und am Thalia-Theater Hamburg. Aktuell arbeitet er als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. Sein Roman „Der brennende See“ erschien im Februar 2020 bei Dumont.

Dieser Text ist erschienen in der architekt 5/20 „das blaue wunder. vom wert und preis des wassers“.

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