neu im club

Angemessenes Bauen

Katharina Leuschner und Victoria von Gaudecker, Architektinnen BDA, München

Auf halbem Weg zwischen Schloss Nymphenburg und dem Münchner Olympia-park befindet sich das Büro Leuschner von Gaudecker. In einem sich fast unmerklich in die Baustruktur der Vorkriegszeit einpassenden fünfziger-Jahre-Bau arbeiten die Architektinnen Katharina Leuschner und Victoria von Gaudecker. Im kargen Besprechungsraum wird Tee mit zitroniger Note serviert, einzig einige Zeichnungen der eigenen Projekte hängen gerahmt an einer Wand des Büros.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Wien Museum, Wien, Wettbewerb 2015

David Kasparek: Betrachtet man Ihre gebauten und ungebauten Werke, fällt ein besonderer Umgang mit der Umgebung auf. Sicher geht es Ihnen dabei um mehr als nur um den Paragraphen 34 der Bauordnung. Woher kommt Ihr spezifischer Blick auf den Ort?
Katharina Leuschner: Mir scheint, dass wir Teil einer ganzen Generation sind, die sich gegen das teilweise Schematische der Moderne wendet. Die Beschäftigung mit dem Spezifischen ist ja nicht nur uns eigen – auch in England oder Belgien gibt es dafür schöne Beispiele. Es ist so etwas wie eine Gegenreaktion auf die Moderne.
Victoria von Gaudecker: Es kommt aber auch aus der Situation, wie wir sie in München in den letzten zwanzig Jahren erfahren haben. Unsere Architektur ist eine Reaktion auf das, was hier entstanden ist, denn leider hat vieles gar nichts mehr mit dem Ort zu tun. Es ist ein Versuch von uns, dem entgegen zu wirken und eine andere Position einzunehmen, als einem Schematismus zu folgen, der fast nur wirtschaftliche und baurechtliche Gründe hat.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Geschäftshaus Erhardstraße Nürnberg, Wettbewerb 2015 ff.

Was gehört für Sie zu dieser Auffassung Ihrer Arbeit?
Katharina Leuschner:
Eine gewisse Sorgfalt. Nicht nur bei der räumlichen Umsetzung, sondern auch bei den Details. Und es beinhaltet natürlich die Findung spezifischer Grundrisse. Das führt bei uns dazu, dass das jeweilige Haus zu einer Art „Gebilde“ wird, mit einem starken und individuellen Charakter.
Victoria von Gaudecker: Die Auseinandersetzung mit historischen Referenzen gehört auch unbedingt dazu. Das Hinterfragen des Schematischen und die Suche nach differenzierten Lösungen, die auf einem breiten Fundus ruhen, sind Teil dessen. So lässt sich anders und angemessener auf Orte reagieren.

Sie haben München angesprochen: Wenn man mit dem Zug in die Stadt einfährt, hat man nicht wirklich das Gefühl, dass hier sonderlich ortsspezifisch gearbeitet würde.
Katharina Leuschner:
In München ist es in gewisser Weise tragisch, weil das Potential da ist. Hier gibt es Geld und begabte Köpfe – man könnte viel innovativer bauen, als das zum großen Teil gemacht wird…

… aber warum wird es nicht gemacht?
Katharina Leuschner:
Weil es in München zu einfach ist, Flächen zu verkaufen. Der Druck ist so groß, dass alles gekauft wird, was auf den Markt kommt. Warum sollten da Bauträger auf die Idee kommen, bessere Qualitäten umzusetzen, als nötig? Oder gar irgendetwas auszuprobieren, was sie noch nicht kennen.

Sehen Sie denn schwarz? Für sich und für München?
Katharina Leuschner:
Nein. Ich denke, da wird sich schon etwas tun in den nächsten zehn Jahren. Wir kommen langsam aber sicher auch an die größeren Wettbewerbe mit Projekten um die 300 Wohnungen heran. Bei einem haben wir gerade einen 2. Platz belegt – es passiert also auch etwas auf der anderen Seite, wenn unser Ansatz bei Wettbewerben wahrgenommen wird.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Haus Fink, Buchendorf 2013 – 2014

Damit sprechen Sie ein relevantes Problem an. Wie kommen Sie zu den von Ihnen genannten Wettbewerbsteilnahmen in Zeiten, in denen die Zulassung zu solchen Vergabeverfahren für viele junge Büros ein Problem ist?
Katharina Leuschner:
Zu den beiden letzten Wettbewerben, zwei Wohnungsbauprojekten in München, waren wir eingeladen worden. Bis man wahrgenommen wird, dauert es jedoch eine ganze Zeit. Ist dieser Punkt dann erreicht, scheint es auch von Seiten der Stadt Interesse zu geben. Irgendwann kam es fast schlagartig: Seit gut einem, fast zwei Jahren, machen wir meist nur noch geladene Wettbewerbe. Aber bis dahin war es ein steiniger Weg.
Victoria von Gaudecker: Ja, es war ein langer Weg. Wir arbeiten seit 2008 zusammen, haben an einigen offenen Wettbewerben teilgenommen – und haben uns auch nicht von 500 oder mehr Teilnehmern abschrecken lassen. Und so hart dieser Weg auch war: es ist der, den man gehen muss. Denn über unsere Wettbewerbsteilnahmen kamen andere Projekte, die wir realisiert haben, oder Verfahren zustande, zu denen wir eingeladen wurden.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Erweiterung Haus B, Gauting 2015 – 2016, Foto: Sebastian Schelf

Gibt es eine Arbeit, an der sich diese Wahrnehmungsänderung festmachen lässt, eine Art Break-Even?
Katharina Leuschner:
Wichtig war tatsächlich eine Ausstellung in Ingolstadt im Dezember 2014 zu „Junge Münchner. Eine Werkschau zum angemessenen Bauen“, die wir gemeinsam mit Münchner Kollegen gemacht haben. Das lässt sich nachträglich so sagen. Kurz vor der Ausstellung hatten wir außerdem einen Wettbewerb gewonnen – auch in Ingolstadt. Und in der Folge dieser Dopplung wurden wir dann zu zwei weiteren Wettbewerben in Nürnberg eingeladen, die wir beide gewonnen haben.
Victoria von Gaudecker: Ja, zu diesen beiden Ereignissen Ende letzten Jahres kam dann auch die Nominierung zum Förderpreis der Stadt München. Das hat dafür gesorgt, dass unser Name immer wieder in der Öffentlichkeit auftauchte..

Die Vielzahl von Wettbewerbsteilnahmen sieht man in der Werkschau auf Ihrer Website. Die ersten und zweiten Preise fallen sofort ins Auge. Aber wie viele dieser Auszeichnungen werden auch ausgeführt?
Victoria von Gaudecker:
Im Moment sieht es gut aus und wir sind optimistisch, dass drei der Projekte auch gebaut werden. Die Projekte in Ingolstadt und Nürnberg sind derzeit in der Entwicklung.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Neubau eines Studentenwohnheims Agnesstrasse, München

Bei einigen Ihrer Projekte erkenne ich formale Motive und gestalterische Anleihen aus den 1950er und 1960er Jahren. Spielt die Orientierung an konkreten Vorbildern in Ihrer Arbeit eine Rolle?
Katharina Leuschner:
Was die Bewegung im Raum und die Ausarbeitung mancher Grundrisse betrifft, ja, da spielt zum Beispiel Scharoun für mich auf jeden Fall eine Rolle. Ansonsten funktioniert das bei mir eher unbewusst. Ich habe sicher viele Bilder im Kopf, die für mich wichtig sind und die mich irgendwie inspirieren, aber konkrete Referenzen für ein Projekt suche ich in der Regel nicht. Ich reflektiere natürlich meine Arbeit, so dass ich später Zusammenhänge erkenne und sehe, auf was es sich bezieht. Ich denke lange über ein Projekt nach und bringe es erst relativ spät aufs Papier – dann aber recht schnell. Dieses langsame Finden des Grundrisses mit einem dicken Bleistift am Papier… das bin ich nicht (lacht).

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Wohnbebauung Paul-Gerhardt-Allee, München, Wettbewerb 2016 ff.

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Leuschner von Gaudecker Architekten, Wohnbebauung Veilhofstraße, Nürnberg, Wettbewerb 2015 ff.

Bei einem kleinen Dachausbau fällt auf, dass hier eine Autorenschaft an manchen Punkten kaum noch ablesbar ist. Das Neue geht im Alten auf, Umbau und Ausbau werden eins mit dem Vorhandenen. Ist das eine logische Folge des Umgangs mit dem Ort oder diesem singulären Projekt geschuldet?
Katharina Leuschner:
Nein, das ist Ausdruck unserer Entwurfshaltung. In einem dieser Umbauten waren es zum Beispiel die vorhandenen, großen Kamine, die den Dachräumen ihren spezifischen Charakter gegeben haben.
Victoria von Gaudecker: Aber auch bei anderen Umbauprojekten ist es Teil unserer Grundhaltung, dass sich eben nicht jede Zeitschicht eins zu eins ablesen lässt, sondern Alt und Neu zu einem Ganzen verschmelzen. Das Weiterbauen und Umbauen ist uns näher, als das Abtrennen des Neuen. Ich würde das nicht kategorisch ausschließen, aber bei unseren bisherigen Projekten war das Weiterbauen einfach immer die passende Antwort. In manchen Situationen tendieren wir aber auch zu radikalen Ansätzen.

leuschnervongaudecker.de

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Katharina Leuschner und Victoria von Gaudecker: 14. Juli, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion: 15. Juli bis 21. August
Deutsches Architektur Zentrum
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin
www.daz.de

neu im club wird unterstützt von Vitra, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Fotos: Sebastian Schelf / Abb.: Leuschner von Gaudecker

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