Spaziergänge mit Heiner Farwick

im eigenen garten

Nicht immer muss sich der Schritt des BDA-Präsidenten in die Weite der Welt bewegen, um einen Gedanken zu fassen. Sein Gespräch mit dem Chefredakteur dieser Zeitschrift, Andreas Denk, fand deshalb im Anblick des eigenen Gartens im westmünsterländischen Ahaus statt. Dennoch geht der Blick weit über den Tellerrand hinaus: Erörtert werden heute die Perspektiven für Architekten und Stadtplaner, die der BDA am Eröffnungstag des Deutschen Pavillons bei der Architekturbiennale in Venedig zur Diskussion gestellt hat.

Andreas Denk: Die Architekturbiennale in Venedig, die gerade eröffnet worden ist, hat sich gewandelt: In vielen Pavillons der teilnehmenden Länder geht es nicht mehr um eine Leistungsschau der Besten, sondern um ein kritisches Nachdenken über Probleme und deren Lösungsansätze. Es sieht so aus, als ob die Biennale mehr und mehr zu einem Experimentierfeld würde, auf dem erprobt werden kann, was die mitunter schwierigen Situationen in den jeweiligen Ländern und Regionen verbessern könnte. Der Fokus wird in den besten Fällen nicht mehr auf das gelenkt, was bereits geleistet wurde, sondern was zu tun ist oder getan werden kann. Mit den zeitgenössischen Fragestellungen verknüpft ist meist auch die Frage nach dem Ethos des Architekten und der Ethik der Architektur…

Heiner Farwick: Die Biennale kann mit ihrem Überangebot an Ausstellungen, Präsentationen und Diskussionen schnell zu einer Überforderung des Besuchers werden. Aber in den letzten Jahren hat sie immer wieder eine Fülle von Anregungen erbracht, die zum Nachdenken über die eigene Praxis als Architekt Anlass geben. Allein schon ein Gespür dafür zu bekommen, womit man sich in den einzelnen Ländern auf architektonischem und stadtbaulichem Gebiet beschäftigt, ist eine ungeheure Bereicherung: Wir leben nicht mehr in den begrenzten Denkräumen der Nationalstaaten, sondern in einer globalisierten Welt, was viele Menschen – im Unterschied zu früheren Generationen – auch sehr bewusst wahrnehmen. Die Biennale erweitert diese Denkräume ungemein, indem sie geistige Dialoge zwischen den einzelnen Beiträgen ermöglicht, in denen man erkennen kann, dass wir nur mit gemeinsamem und solidarischem Handeln etwas erreichen können.

Andreas Denk: Der BDA hat seit vielen Jahren am Eröffnungstag des deutschen Pavillons ein offizielles Zeitfenster, an dem er einen Beitrag im Umfeld des Mottos der Biennale oder des deutschen Themas vorstellen kann. Diesmal kam ihm die von Peter Cachola Schmal und dem Deutschen Architektur Museum für Deutschland kuratierte Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ sehr gelegen: Der BDA hat sich im letzten Jahr auf allen Ebenen mit der Problematik von Flucht, Einwanderung und Integration beschäftigt. Jetzt wagt der Bund allerdings einen Ausblick auf die Zukunft…

Heiner Farwick: Unsere Veranstaltung hatte den Titel „Der Umzug der Menschheit“ und hat deutlichen Bezug zum deutschen Biennale-Beitrag. Wir haben den Bogen etwas weiter gespannt – weg von der aktuellen Flüchtlingsdebatte, die etwas abgeflacht ist, aber deshalb keineswegs an Relevanz verloren hat. Wir wollten einen Blick darauf lenken, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf uns zukommt. Damit sind dieses Mal aber nicht nur Architekten gemeint, sondern Deutschland und die Gesellschaften Europas, deren globalen Verflechtungen uns jeden Tag immer deutlicher vor Augen geführt wird.

Andreas Denk: Welche Tendenzen sehen Sie bei einer Betrachtung der Situation?

Heiner Farwick: 2015 war ein Jahr mit großen Wanderungsbewegungen, die aus unterschiedlichen Gründen stattgefunden haben. Die Gründe dafür sind mit der Schließung der sogenannten Balkan-Route, die die Flüchtlingsströme nach Mitteleuropa ja nur auf einem Weg unterbrochen hat, in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent, aber natürlich nicht aufgelöst. Die Folgen des Klimawandels und die dadurch wachsende Rohstoffknappheit werden weitere Wanderungsbewegungen auslösen, deren Auswirkungen die jetzige bei weitem übersteigen werden.

Foto: Dagmar Grote

Foto: Dagmar Grote

Andreas Denk: Die Kriege im Nahen Osten und in Afrika sind nur ein möglicher Anknüpfungspunkt für eine solche Revision unserer Weltsicht. Grundsätzlich sind es Verteilungskämpfe, die weltweit um Nahrung, Wasser und bewohnbaren Lebensraum stattfinden werden. Die religiösen und ideologischen Auseinandersetzungen, denen wir derzeit beiwohnen, erscheinen da nur wie die Vorboten einer weitaus monströseren Entwicklung. Sie scheinen Kennzeichen einer allgemeinen Desorientierung zu sein, die sich in einer Destabilisierung der Systeme und der Frage nach autoritär gelenkten Lebensformen ausdrückt. Was passiert, wenn beispielsweise der Klimawandel in seinen Folgen vollständig zu erkennen ist?

Heiner Farwick: Im Pariser Klimaabkommen wurde das Ziel vereinbart, die durch Treibhausgase verursachte Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Dieses Ziel ist sehr ehrgeizig und preist einen Wandel des Klimas schon ein. Sollte das Ziel nicht erreicht werden, wird ein deutlich extremerer Klimawandel zu einer noch stärkeren Veränderung der Lebensbedingungen der Menschen in vielen Regionen der Erde führen als wir dies heute schon konstatieren können. Der ansteigende Meeresspiegel, Zonen großer Trockenheit, extremere Wetterlagen: Das, was uns immer noch undramatisch erscheint, wird über kurz oder lang große Veränderungen des Lebens auf der Erde bewirken – davon sind viele Klimaforscher überzeugt. Das bedeutet, dass Menschen, deren Wohngebiete teilweise oder vollständig unbewohnbar werden, zu Wanderungen gezwungen sein werden. Der Potsdamer Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber hat genau diese Sichtweise bei unserer Veranstaltung in Venedig dargestellt.

Andreas Denk: Das Szenario für Europa liegt auf der Hand…

Heiner Farwick: …Ja, wir müssen davon ausgehen, dass auch im Zuge des Klimawandels Mittel- und Nordeuropa relativ stabile Klimate behalten werden. Wir müssen aber – und in noch höherem Maße als während der so genannten „Flüchtlingskrise“ – auch annehmen, dass die „sicheren“ Gebiete der Welt immer mehr zu Zuwanderungsregionen für all diejenigen werden, die keine Lebensgrundlage in ihrer Heimat mehr finden. Das wird passieren, gleichgültig, wie immer sich die Politik dazu stellen wird. Für unsere Gesellschaft bedeutet es unter anderem, sich der Aufgabe der Integration nicht nur fallweise, sondern grundsätzlich zu stellen. Für jeden einzelnen stellt sich also die Frage, wie er oder sie sich unter diesem globalen Vorzeichen in Zukunft gegenüber dem „Umzug der Menschheit“ verhalten will. Und für Architekten und Stadtplaner heißt das, sich überlegen zu müssen, welche Folgen dieser Umbau der Welt auf unsere Städte, auf unsere Häuser, auf unser Zusammenleben haben wird.

Andreas Denk: Das Umdenken erfolgt sehr spät. Die meisten Menschen der Wohlstandsgesellschaft bemerken ihre unmittelbare „Betroffenheit“ von globalen Phänomenen trotz aller medialen Information erst dann, wenn es ihnen persönlich nahekommt. Die Bedrohung bleibt abstrakt: Die Dramatik des Klimawandels zeichnet sich in unserer Umgebung erheblich weniger ab, als das in äquatornahen Lagen, im Hochgebirge oder an den Polkappen zu erleben ist. Was bedeutet das allmählich fortschreitende Erkennen der Lage für Architekten jenseits einer generellen Reflexion über die Welt?

Heiner Farwick: Wir werden uns weiterhin auf allen Ebenen darum bemühen müssen, zu klären, welche Wechselwirkungen es zwischen dem Klimawandel und einer angemessenen Bauweise geben kann. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob der Bau einiger Energie-Plus-Häuser hilfreich ist und KfW-40-, -55- oder -70-Standard ausreicht, oder ob man nicht ganz andere strategische Mittel ergreifen muss. Und wir werden über die Struktur unserer Städte nachdenken müssen, die integrationstauglich sein müssen.

Andreas Denk: Es gibt die Tradition der BDA-Veranstaltungen in Venedig schon seit vielen Jahren. Warum führt der BDA solche durchaus aufwendigen Veranstaltungen durch? Welche Öffentlichkeitswirkung versprechen Sie sich davon?

Heiner Farwick: Der Eröffnungstag des Architekturbiennale in Venedig, an dem auch unsere Veranstaltung prominent platziert ist, ist eine hervorragende Möglichkeit, Politik, Multiplikatoren und ein interessiertes internationales Publikum, darunter vor allem auch die Architektenschaft, zusammenzuführen und über Themen zu informieren, die uns wichtig sind. Wir wollen und werden natürlich keinen medialen Aufschrei erreichen. Unser Ziel ist es, mit der Thematisierung wichtiger Belange der gesellschaftlichen Entwicklung eine spezifische Gruppe von Menschen anzusprechen, die bereit ist, über das alltägliche Tun hinaus zu denken. Dazu gehören auch und insbesondere unsere Mitglieder, die entweder bei der Biennale selber sind oder durch unsere Zeitschrift, unsere Website und Folgeveranstaltungen für Themen gewonnen werden und an der Diskussion teilnehmen sollen.

Andreas Denk: Wie schätzen Sie die Wirkung der Veranstaltung auf die Politik ein, die in Venedig wieder stark vertreten war?

Heiner Farwick: Die Frage der Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen, die schließlich die ganze Welt betreffen, ist für uns eine wichtige Aufgabe: Wir nehmen uns deshalb in der besonderen Situation von Venedig die Freiheit des Denkens jenseits des Alltags, was gerade in der Politik nicht immer ganz einfach ist. Insofern sind wir froh, dass die Bau- und Umweltministerin Barbara Hendricks bei unserer Veranstaltung mitgewirkt hat, weil sie als Verantwortliche beide Aspekte zusammenbringt. Wenn es uns – nicht nur in Venedig, sondern mit all unserem Tun – gelänge, in der Politik ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, wie unmittelbar Stadtentwicklung und Architektur mit dem Leben der Menschen verbunden sind, wäre uns viel gelungen.

Mehr zur Biennale, den Länderpavillons und den Aktivitäten des BDA in Venedig in der architekt 4/16.

Foto: Dagmar Grote

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