Volker Staab

Arbeiten an der Realität

Der hier publizierte Vortrag von Volker Staab wurde anlässlich des Festakts zum 110jährigen Bestehen des BDA am 21. Juni 2013 in Frankfurt am Main gehalten. Er wurde in der Broschüre „Berufung und Leidenschaft” abgedruckt, die über die Bundesgeschäftsstelle des BDA bezogen werden kann.

Als ich mich vor Wochen mit dem 110jährigen Jubiläum des BDA beschäftigte und mir überlegte, was vorzutragen sei, stellte ich fest, dass der Blick in die Glaskugel je nach Tagesform recht unterschiedlich ausfiel. Die Zukunft erschien, je nachdem ob ich gerade wieder einen Brief mit einer Mängelanzeige wegen nicht DIN-gerechter Planung in der Hand hielt, oder ob es uns bei einer Wettbewerbsarbeit gelungen war, eine überraschend plausible Lösung für eine komplexe Entwurfsaufgabe zu entwickeln, je nachdem ob ich soeben mit unserem Anwalt beratschlagte, wie wir mit unbezahlten Honorarrechnungen umgehen sollen, oder ob wir ein schönes Gebäude mit einem inzwischen zwar rar gesäten, aber immer noch existierenden, wunderbaren Bauherrn einweihten. Für diese unterschiedlichen Stimmungslagen habe ich zwei Versionen ausgearbeitet, die beide um die Gefahren, die Herausforderungen und die Hoffnungen – bezogen auf unsere Disziplin – kreisen. Aus rein dramaturgischen Gründen, um Sie nicht in Aussichtslosigkeit und Depression zurückzulassen, beginne ich mit der düsteren Prognose. Zugespitzt könnte man den ersten Teil in etwa so benennen:

Der Tod der Architektur durch die Macht der Bilder
Betrachten wir die aktuelle Diskussion in Deutschland, zumindest diejenige, die eine gewisse öffentliche Resonanz findet und Emotionen entfacht, so handelt es sich um eine Diskussion der Oberfläche: Architektur und Stadt auf der Ebene des Bildes. Selbst in manchen Feuilletonbeiträgen unserer renommierteren Tageszeitungen wird Architektur auf der Ebene der geschmäcklerischen Bildbetrachtung abgehandelt, ohne sich der Mühe zu unterwerfen, die Kriterien dieses Urteils zu diskutieren. Mit wenigen plakativen Begriffen kann man sich schnell den Applaus seines jeweiligen vorurteilsbeladenen Lagers einholen. Räumliche Aspekte, physische, materielle und damit wesentliche atmosphärische Qualitäten, soziale und funktionale Belange, geschweige denn Fragen von struktureller Grammatik, Präzision der Fügung und räumlicher oder atmosphärischer Dramaturgie von Architektur spielen selten eine Rolle. Diese verschiedenen manchmal widersprüchlichen Ebenen, denen sich Architektur zu stellen hat, wären ja auch nur vergleichsweise schwer mitreißend zu formulieren.

Volker Staab

Adolf Loos hat einmal gesagt: „Geschmack und lust an der abwechslung sind immer verschwistert. Heute tragen wir enge hosen, morgen weite, übermorgen wieder enge hosen. Das weiß jeder schneider. Da könnten wir uns ja die weiten hosen ersparen. Oh nein, die brauchen wir, damit uns die engen hosen wieder gefallen.“1

Wird Form ganz unabhängig von ihrer inhaltlichen Bindung diskutiert, verhält es sich wie mit den Hosenbeinen. Wahrscheinlich konnte schon jeder von uns bei sich selber feststellen, wie unbemerkt und unbewusst gerade in jugendlichen Jahren diese Geschmacksveränderungen vor sich gehen. Natürlich kann man architektonische Moden nicht ganz mit der Beinkleidung vergleichen. Noch stärker als bei der Kleidermode werden architektonische Bilder als Projektionsfläche benutzt und stehen manchmal unbewusst, manchmal bewusst stellvertretend für die Diskussion von Lebensentwürfen. Die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft hinterlässt eine geschmackliche Vielfalt (manchmal auch die vollkommene Abwesenheit von Geschmack) und eine Gleichzeitigkeit verschiedener Moden, die uns oft den Eindruck von Beliebigkeit vermittelt.

Der Architektur von heute sind keine Welterklärungen mehr eingeschrieben, die Sinntiefe der Bilder erreicht eher den verkürzten Inhalt einer Twitter-Nachricht. Bilder als Projektionsfläche, als plakative Verkürzung in der Kommunikation, ersetzen die inhaltliche Diskussion. Nun könnte man sagen, dass diese Erscheinung nicht nur ein Problem der Architektur ist. Viele der gesellschaftlichen Diskurse scheinen auf das Plakative reduziert, weil dies die einzige Möglichkeit zu sein scheint, wahrgenommen zu werden, und das Gefühl der Beherrschbarkeit einer immer komplizierteren Welt vermittelt.

Diese Fokussierung auf den Bild- oder Zeichenaspekt von Architektur geht aber auch eine unheilige Allianz mit den sich verändernden Realisierungsbedingungen von Architektur ein. Ob Dresden oder Shanghai, wenn das Design sich in der Oberfläche erschöpft, wenn Architektur für 100 Meter Distanz oder die Postkarte entsteht, so ist dies die beste Voraussetzung, unseren Berufsstand auf die Rolle des Oberflächendesigners zu reduzieren. Das hübsche Kleid, die zeichenhafte Großform und innen die Banalität des Gipskartons, das scheint die Zukunft. Vielerorts ist dies bereits Realität – und einige Kollegen gehen bereitwillig diesen Weg mit. Auch auf Bauherrenseite, vor allem der öffentlichen, erleben wir eine dramatische Veränderung. Die Kritik von Hans Poelzig in den zwanziger Jahren und Otto Bartning in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen solcher BDA-Zusammenkünfte, die Bauverwaltung mache sich mit der Übernahme von Planungsarbeit auf dem Gebiet der freien Architektenschaft breit, wurde leider nur zu gut erhört. Der öffentliche Bauherr hat sich nicht nur weitestgehend von den Planungsaufgaben zurückgezogen, er ist gerade dabei, sich vermehrt auch von den Bauherrenaufgaben zurückzuziehen.

Ort der Nike-Preisverleihung: das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main

So hinterlässt der Rückzug des Architekten als zentrale Figur in der Entwicklung und Realisierung eines Bauwerks sowie der Rückzug des öffentlichen Bauherrn auf die Position des Nutzers ein Vakuum, welches folgerichtig von den Realisationsspezialisten oder gleich von der Bauindustrie übernommen wird, die flankiert von ganzen Armeen von Gutachtern und Juristen zunehmend den Bauprozess beherrschen. Es sind Strukturen entstanden, denen der freie Architekt, das mittelständische Architekturbüro, kaum noch etwas entgegenzusetzen hat. Bei einem größeren Bauvorhaben konnten wir Erfahrungen mit einem der großen Generalunternehmen sammeln. Nachdem der Auftrag über ein zu niedriges Angebot gesichert war, wurde die Maschinerie der Juristen in Gang gesetzt. Bis zu 35 Briefe in der Woche mit Bedenken, Anschuldigungen und vor allem Mehrkosten gingen bei uns ein. Weder juristisch noch personell waren wir, aber auch die heute personell so ausgedünnte Bauverwaltung, in der Lage, dieser geballten schriftlichen und juristischen Wucht etwas entgegenzusetzen. Die Strategie ist klar: einen Schriftverkehr zu erzeugen, den kein Gericht dieser Republik mehr lesen, geschweige denn bewerten kann, um dann mit einem Vergleich einen lohnenswerten Deal zu erzielen. Die Auswirkungen dieser aus dem Gleichgewicht geratenen Struktur des Bauprozesses können wir an manchen Großprojekten dieser Republik beobachten.

Denken wir diese Entwicklung weiter und schauen in manches angelsächsische Land, sehen wir eine Hochschullandschaft, die in manchmal interessanten, experimentellen und theoretischen Diskursen das Terrain der Architektur und vor allem ihrer Grenzen auslotet, sich aber schon längst von den Niederungen des Baugeschehens losgesagt hat. Wir sehen eine immer weiter zunehmende Konzentration auf wenige große Planungsfirmen und einige wenige Kleinbüros, die sich mit einem Ladenumbau hier und einem Wohnungsumbau dort über Wasser halten. Und wie es scheint, sind auch wir auf dem besten Wege dorthin. Der „freie“ Architekt, wie er so gerne auch vom BDA hochgehalten wird, scheint zunehmend eine nostalgisch anmutende Idee und in der Wirklichkeit des Bauens ein Auslaufmodell zu sein.

Die Rolle desjenigen, der den Planungs- und Bauprozess maßgeblich steuert und deshalb auch zu verantworten hat, ist uns längst entzogen, und alle Beteiligten freuen sich, dass wir in selbstausbeuterischer Verklärung unseres Parts jedoch nach wie vor gerne die Haftung für das ganze Werk übernehmen wollen.

Setzt sich der zunehmende Wunsch mancher Bauherrn durch, in Zukunft ein Stück Haus wie ein Auto als fertiges Produkt mit Garantie und Festpreis zu kaufen oder zu leasen, wird sich die Produktion dieser Häuser diesem Wunsch anpassen. Global agierende Großkonzerne werden dann mit einer auf die nationalen Geschmacksrichtungen zugeschnittenen Designlinien die Märkte erobern und wir Architekten werden in die konzerneigenen Designabteilungen integriert. Was dann wohl mit dem BDA passiert?

Ich gebe zu: diese Überlegungen bedienen sich der Strategie der plakativen Vereinfachung und der unseriösen Zuspitzung. Weshalb ich noch einmal von vorne beginne. Ein hoffnungsvollerer Titel könnte lauten:

Die Gemeinsamkeit des Gegensätzlichen
oder, wie der gerade verstorbene Walter Jens es formuliert hat: „Die Übereinstimmung im Widerspruch“. Gehen wir noch einmal zurück zu den Hosenbeinen von Adolf Loos. Wenn wir gelangweilt von der reinen Formdiskussion nach den Kriterien dahinter fragen, kann es uns gelingen, Gemeinsamkeiten oder eine Basis für eine qualitative Diskussion zu finden. Wir stellen fest, dass wir viele Ebenen von Architektur diskutieren können, bei denen es viel leichter ist, eine Übereinstimmung zu erzielen und dass die Differenz oft nur in einer unterschiedlichen Gewichtung von Teilaspekten liegt.

Gesprächsrunde in St. Michael

Eine Erfahrung, die ich schon das eine oder andere Mal im Rahmen einer Wettbewerbsjury machen konnte, ist die, dass es möglich ist, mit Kollegen einer vordergründig vollkommen divergierenden architektonischen Haltung eine erstaunliche Übereinstimmung zu qualitativen Aspekten von Architektur zu finden. Egal, ob es sich um städtebauliche, räumliche oder strukturelle Eigenschaften eines Gebäudes handelt, können wir oft übereinstimmend beurteilen, ob es gelingt, in einem präzisen gedanklichen Konzept verschiedene Anforderungsebenen von Architektur zu verarbeiten und diese in einem auch handwerklich gut gemachten Projekt vorzustellen. Es wird also unbestritten eine Übereinkunft über Qualität erreicht bei auch sehr unterschiedlichen Konzepten und Erscheinungsformen. Dies ist ein ermutigender Aspekt.

Doch wie gelingt diese Kommunikation? Sie gelingt eben nicht durch Vereinfachung, nicht durch das geschmäcklerische Vorurteil auf die Schnelle. Nein, dies ist oft ein Prozess, bei dem man sich auf die verschiedenen komplexen Randbedingungen von Architektur einlassen muss. Diese Übereinkunft gelingt übrigens nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit architektonischen Laien, wenn eine Bereitschaft besteht, über diese Hürde des ersten Eindrucks hinüber zu springen. Auch wenn es auf vielen Ebenen einfach ist, ein unkompliziertes Einvernehmen herzustellen, so bleibt die Diskussion trotzdem manchmal auf dieser Bildebene stecken. Doch wenn es gelingt, diese Ebene zu entideologisieren und auch hier nach dem „Dahinter“ zu fragen, kann diese Diskussion fruchtbar werden. Nicht indem die eine Seite die ‚Europäische Stadt‘ und die andere Seite den Fortschritt und die Demokratie für sich reklamiert, sondern indem wir diesen Streit als eine Art Gleichgewichtssuche einer Gesellschaft anerkennen. Es scheint doch um die Frage nach Heimat zu gehen. Wie viel geschichtliche Verankerung und wie viel Neuerfindung benötigen wir, um uns beheimatet zu fühlen?

Ich erinnere mich, wie meine Eltern in den sechziger Jahren vor ihrem neuen Einfamilienhaus mit Panoramascheibe standen und abfällig, beinahe mitleidig auf das „vermuffte“ Jahrhundertwende-Gebäude auf dem Nachbargrundstück schauten. Ihre Vorstellung von Heimat lag in einer Idee von der Zukunft, von Fortschritt und ihrem festen Glauben daran, dass sich mit diesem Bild auch ein besseres Leben verwirklicht. Ein Phänomen, das wir auch in vielen sich entwickelnden Gesellschaften beobachten können – die Hoffnung, im Bild der Veränderung eine verbesserte Lebensperspektive zu finden. Bei unserem gebrochenen Fortschrittsglauben vermischen sich dagegen Skepsis und Begeisterung gegenüber dem Neuen zu einem diffusen Gemisch und wir sind hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach geschichtlicher Bindung und der Lust, sich neu zu erfinden. Wenn man diese Diskussion als einen Prozess der gesellschaftlichen Vergewisserung begreift, so wird ihm seine ideologische Härte genommen und dieser Streit könnte eine produktive Komponente bekommen.

Schwieriger wird es mit der Rolle des Architekten. Die Tendenz, die ich in meiner düsteren Prognose beschrieb, lässt sich nur schwer verniedlichen. Wir stehen vor der Frage, wie weit wir uns für die Gesamtheit eines Werkes verantwortlich zeigen wollen. Wie definieren wir unsere Rolle in einem immer größeren Team von Experten, im Rahmen des Planungs- aber auch des Realisierungsprozesses, bei dem immer komplexere Anforderungen zu bewältigen sind.

Preisträger Peter Zumthor mit der Großen Nike

Ich bin der Überzeugung, dass die Rolle, die Vitruv vor beinahe 2000 Jahren den Architekten zudachte, auch heute noch eine erstaunliche Gültigkeit hat. Er beschreibt die Eigenschaften eines Architekten folgendermaßen: „Und dazu sollte er schriftkundig sein, im Umgang mit dem Zeichenstift erfahren und in der Geometrie ausgebildet. Er sollte vielerlei historische Ereignisse kennen, fleißig den Philosophen zugehört haben, etwas über Musik wissen, nicht unbewandert in der Medizin sein, juristische Entscheidungen kennen und Kenntnisse in der Astronomie und in der Himmelsmechanik haben“.2 Auch wenn vielleicht manche Aspekte wie die der Himmelsmechanik heute nicht mehr so im Vordergrund stehen, sind bei uns viele andere Themen hinzugekommen.

Vitruv beschreibt den Architekten als denjenigen, der zwar auf keinem der Fachgebiete Spezialist ist, sondern der über seinen weiten Blick der einzige ist, der die Gesamtheit und das Ziel eines Planungsprozesses im Auge behalten kann – und damit der einzige Spezialist für das Bauen. So müssen wir uns also entscheiden, ob wir uns der Mühsal dieses manchmal durchaus unerfreulichen Prozesses stellen, oder uns auf die bequeme Position des Oberflächendesigns zurückziehen wollen. Wie wir diese Rolle nun in einem immer größeren Team bewerkstelligen oder benennen, als Kurator oder Dirigent, da gibt es sicherlich verschiedene Formen. Denn die Arbeitsweise hat sich und wird sich weiter verändern.

Wenn wir Architekten uns mit den vielfältigen Aspekten einer gesellschaftlichen, einer physischen und psychischen Realität, sowie der Realität des Bauprozesses auseinandersetzen, wenn wir eben an der Erforschung dieser Realität arbeiten, so hört sich dies auf den ersten Blick pragmatisch an. Wenn es uns aber gelingt, diese komplexen Randbedingungen in eine plausible, eine beinahe überraschend einfache Gestalt zu überführen, ist dies aus meiner Sicht ein höchst schöpferischer Akt, der die Chance bietet, die architektonische Form auf einem breiten Fundament zu verankern, ihre Relevanz zu sichern und ihre Halbwertzeit zu verlängern. Dies ist die Voraussetzung, dass Architekten nicht als autistische Selbstverwirklicher wahrgenommen werden, sondern als die Einzigen, die in der Lage sind, die vielen Teilaspekte von einem Bauwerk zu einem Ganzen zusammenzuführen. Wenn dann die öffentliche Hand erkennt, dass sie mit der Weitergabe der Bauherrenverantwortung in Form von PPP-Modellen oder ähnlichem, nicht nur einem haushalterischen Trick aufgesessen ist, sondern sich auch einer grundlegenden gesellschaftlichen Verantwortung entzieht, dann könnte es sein, dass der BDA auch seinen 150. Geburtstag erlebt. In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir daran erfolgreich weiter arbeiten.

Volker Staab (*1957), Architekt BDA, studierte Architektur an der ETH Zürich. Nach seinem Diplom 1983 arbeitete er von 1985 bis 1990 im Büro Bangert, Jansen, Scholz und Schultes in Berlin. Seit 1991 ist er freiberuflicher Architekt, seit 2007 in Partnerschaft mit Alfred Nieuwenhuizen. Staab war Gastprofessor an der TU Berlin, der FH Münster und lehrte an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Volker Staab ist seit 2005 Mitglied der Akademie der Künste Berlin, 2008 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, 2011 erhielt er den Großen BDA-Preis.

 

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