Wolfgang Pehnt

Eine Frage der Haltung

Am 21. Juni 2013 feiert der BDA sein 110jähriges Bestehen mit einem Festakt in der Pfarrkirche St. Michael von Rudolf Schwarz in Frankfurt am Main. Wolfgang Pehnt hielt den hier veröffentlichten Vortrag zu diesem Anlaß – er wurde erstmalig in der Broschüre „Berufung und Leidenschaft” publiziert, die über die Bundesgeschäftsstelle des BDA bezogen werden kann.

Baumeister, Bodyboarder oder…?

Den Raum, in dem wir uns zusammengefunden haben (St. Michael, Frankfurt / Main, Anm. d. Red.), hat schon sein Bauherr in den 1950er Jahren als ganz und gar ungewöhnlich empfunden. Pfarrer Alfons Kirchgässner schrieb seinem Architekten, er, Rudolf Schwarz, wisse, wie sehr er, Kirchgässner, von seinem Genie gefangen sei und wie sehr er an St. Michael hänge, „Ihrem vielleicht doch – bisher – schönsten Werk“.1 Ein Wettbewerb war der Auftragsvergabe allerdings vorausgegangen. Insofern kann der BDA, gegründet vor 110 Jahren als „Vereinigung der ihren Beruf als Künstler aus-übenden Architekten zum Schutze ihrer Arbeit und zur Hebung ihres Ansehens“2, sich getrost in diesem Gehäuse niederlassen. Berufspolitisch lief alles mit rechten Dingen ab.

Wenn es nach Schwarz gegangen wäre, hätte die Decke dieses Bauwerks aus Glasbausteinen bestanden. Aber daran traute sich die Herstellerfirma nicht. Glasbausteine blieben der Gadenzone, dem Lichtband über den verputzten Backsteinwänden, vorbehalten. Der Himmel über dem Raum, sein Licht und seine Dunkelheit durften also nicht mit hineinspielen. Immerhin wurden die Deckenfelder zwischen den Kreuzen der Stahlbinder blau gestrichen, als Himmelsersatz. Denn für den Urheber dieses Gebildes auf annähernd elliptischem Grundriss bedeutete das Ganze „vorläufige Heimat unter dem Offenen… inmitten einer rundum ragenden, bedrohlichen Welt“.3 So mag man diese ganze Zeit damals gesehen haben, sofern man nicht den lauten Optimismus der Wiederaufbaujahre teilte – und so konnte man diese bauliche Vision ausdrücken, wenn man über die kostbare, manchmal auch preziöse Sprachbegabung dieses Baumeisters verfügte.

Was noch mehr verwundert: diese Raumfigur, die uns doch geometrisch präzise und abstrakt erscheint, geht auf einen Landschaftseindruck zurück. Schwarz war zuvor zusammen mit seiner jungen Frau Maria, die am Entwurf von St. Michael maßgeblich beteiligt war und erst kürzlich Glasbilder Georg Meistermanns aus einer aufgegebenen und abgerissenen Schwarz-Kirche für die Trauerkapelle hier gerettet hat, im Schweizer Aare-Tal gewandert. Schwarz erinnerte sich „an eine Stelle, wo sich der Wegraum, der von starrenden Felsen umstanden war und nur hoch oben von einem schmalen Spalt offenen Himmels erhellt wurde, zu einer bescheidenen Breite weitete“.4

Wolfgang Pehnt, Foto: Till Bdde

Wolfgang Pehnt, Foto: Till Budde

St. Michael gibt eine Antwort auf die Frage, wie weit Architektur abbilden kann. Nämlich nur, nachdem die Übersetzungs- und Abstraktionsarbeit ins Architekturgemäße geleistet ist. Was sich heute iconic building nennt, das Bauen auf der Suche nach einprägsamer, werbewirksamer Bildhaftigkeit, erspart sich oft genug diesen Abstraktionsvorgang und versetzt uns mit Gebäuden ins Staunen, die – ohne geleistete Übersetzungsarbeit – an Segel, Kaskaden, Insektenkokons, Rohrbündel erinnern, an zerborstene Davidsterne, die Seiten eines aufgeschlagenen Buches, die Finger einer geöffneten Hand, die Zacken eines Sterns.

Man muss nicht auf die zitierten BDA-Satzungen aus dem Jahre 1903 zurückgreifen, um zu ermessen, was sich seitdem im bauenden Gewerbe und bei den entwerfenden Architekten getan hat. Der BDA, Interessenverband freischaffender Privat- und Civil-Architekten, seit seinem Bestehen in der Zwei-Fronten-Auseinandersetzung gegen die gewerblichen Bauunternehmer wie gegen die fest angestellten Baubeamten engagiert, hat künstlerische Tätigkeit von Anfang an als sein Alleinstellungsmerkmal betrachtet. Die „Pflege der Baukunst“ gelte es „in idealem Streben“ zu befestigen und zu fördern, dem „kalten Geschäftssinn“ und der „stumpfen Geistesarmut des Baupfuschertums“ entgegen zu wirken.5

Diese Position war am besten zu verteidigen mit einer Berufsauffassung, die den Architekten zum bedeutenden Künstler stilisierte. Otto Wagner, der große Wiener Architektenlehrer an der vorvorigen Jahrhundertwende, freilich kein BDA-Mitglied, nannte den Architekten gar „die Krone des modernen Menschen in seiner glücklichen Vereinigung von Idealismus und Realismus“. In unfreiwillig komischem Selbstbedauern fährt Wagner fort: „Leider empfindet nur er selbst [also der Architekt], während die Mitwelt wenig theilnehmend abseits steht, das Wahre dieses Ausspruches“.6

Die Generation Rudolf Schwarz‘ hat sich noch mit dieser Rolle identifiziert. Die Frage nach der Haltung war für sie beantwortet. Das Wirken des bauenden Schöpfers – und nicht nur dann, wenn es um sakrales Bauen ging – beschrieb der Meister hochgemut: „So wird ihm der Raum zum Weltall und die Wand zum Weltfirmament und er erneuert die Schöpfung.“ Der Text ist einer der letzten, die Schwarz geschrieben hat. Gewidmet war er einem anderen Architekten, dem Kollegen Ludwig Mies van der Rohe, mit dem er befreundet war.7

Von Otto Bartning, neun Jahre lang Präsident des BDA und mit Schwarz befreundet, werden die Pflichten und Verantwortungen des Architekten ebenso hoch gehängt. In seinen vielen sinnsetzenden und sinnstiftenden Reden ist von nicht weniger die Rede als dem „heiligen Bauen“. Der Architekt muss den „neuen Menschen“, der seit Nietzsche durch die Köpfe geisterte, „spüren und lieben“. Er muss ihm „Halt und Gestalt geben im gebauten Raum“, sich „den Safttrieb der freien, lebendigen Kräfte“ erhalten, das „Ganze des menschlichen Lebens liebend begreifen“, „den Sinn des Seins“ erahnen.8

Wunderschön gesagt das alles, und immer am Rande der Selbstüberforderung oder darüber hinaus. Der Verdacht ist nicht abzuweisen, dass diese hoch angesetzte Auffassung von der Aufgabe des Architekten etwas mit einer Kompensation tief sitzender Verunsicherungen zu tun haben könnte. Vielleicht erfasste ihre Autoren bereits der Verdacht, die Epoche könnte schon bald dem kleinen Schöpfergott namens Architekt den riesengroßen Mantel der Verantwortung für alles und jedes abnehmen.

Rudolf Schwarz, Pfarrkirche St. Michael, Frankfurt 1953 (umgebaut durch Maria Schwarz als Trauer- und Taufkirche); Foto: David Kasparek

Rudolf Schwarz, Pfarrkirche St. Michael, Frankfurt 1953 (umgebaut durch Maria Schwarz als Trauer- und Taufkirche); Foto: David Kasparek

Ein Indiz für diese Entwicklung ist die Verwendung des Begriffes Baumeister. Das Wort meinte nicht nur handwerkliche Gediegenheit und technische Kompetenz. Es war auch von einem Bedeutungshof aus Bauhüttenwesen und Bauhüttengeheimnis, aus magister operis und mittelalterlichem Gesamtkunstwerk umgeben. Der Baumeister ist derjenige, der aus der „niederen Notwendigkeit ihr Geistigstes hervorbringt“, so abermals Rudolf Schwarz.9 Der „ewige Auftrag“ laute, „kraft des Geistes die heillosen Geister in heilsame Maße bannen, sie zu heiliger Ordnung und Gestalt erhöhen“, so abermals Otto Bartning.10

„Baumeister“ haben sich Otto Bartning, Hans Poelzig, Rudolf Schwarz, Hans Schwippert, Emil Steffann und viele andere genannt oder nennen lassen. Konservativ-heimatgebundene oder nationalistisch eingestellte Berufsgenossen benutzten diesen Titel sowieso. „Die Wahrheit? Die gräbt der Baumeister wieder aus und baut sie ein mit seinem Herzblut in die Werke“, lesen wir bei Fritz Höger, dem Architekten, nein Baumeister des Hamburger Chilehauses von 1922 – 24, das seinen Zeitgenossen als „Antlitz und Seele der nordischen Baukunst“ galt. „Erst Baumeister, dann Architekt“, so stand die Reihenfolge für Höger fest.11

„Wer von uns kann und will sich noch ohne Umschweife ‚Baumeister’ nennen?“, fragte vor einigen Jahren Hans Kollhoff12, der es dann doch tat, wenn auch mit „Umschweifen“. Doch ich glaube, selbst im Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB), der das hehre Wort im Titel führt, werden die meisten Mitglieder sich eher als Architekten und Ingenieure denn als Baumeister bezeichnen. Vielleicht kommt es ja wirklich nicht auf Namen und Schreibweisen an. Auch eine Reihe unserer großen Tageszeitungen benutzt heute noch ihre vor vielen Jahrzehnten entstandenen typografischen Titelköpfe. Fraktur und Aktualität müssen sich nicht ausschließen.

Im Umkreis des Neuen Bauens, der Radikalmoderne der 1920er und frühen dreißiger Jahre, haben Architekten sich eher als Organisatoren und Teamchefs denn als Baumeister gesehen. „Der architekt?“, fragte Hannes Meyer, der zweite Bauhaus-Direktor, „War künstler und wird ein spezialist der organisation!“13 Drei-Buchstaben-Teams betreten jetzt den Plan, die das zeitsparende Kürzel statt der individuellen Namen der verantwortlichen Atelierpartner benutzen: TAC, The Architect’s Collaborative, vom ersten Bauhaus-Direktor Walter Gropius in den USA gegründet, SOM und so fort bis heute.

Der Architekt habe „als Koordinator die Aufgabe…, die verschiedenen formalen, technischen, sozialen und ökonomischen Probleme, die sich im Zusammenhang mit Bauen ergeben, zu vereinigen“, heißt es bei Gropius, der mit seinem Nachfolger im Amt des Bauhaus-Leiters öfter einer Meinung war als ihre polemischen Auseinandersetzungen es vermuten lassen.14 Nicht nur die „formalen, technischen, sozialen und ökonomischen Probleme“, sondern „die grundlegende Einheit des Lebens“ fällt laut Gropius in die Zuständigkeit des Architekten – nicht weniger als das.

Denn selbstverständlich bleibt auch in Gropius’ Augen der Anspruch auf „Führung und Geleit“15 erhalten. Der „Koordinator“ hat das letzte Wort. Dessen Mitarbeiter bilden jetzt nicht mehr eine Bauhütte, die pfingstlicher Geist durchweht, sondern ein rational und rationell aufgestelltes Team mit verteilten Pflichten. Le Corbusier ließ sich eine besonders flotte Analogie einfallen: Moderne Architekten sind „wie Fliegerstaffeln, die zum Aufstellen neuer Rekorde oder zur Erforschung unbekannter Räume aufbrechen“16 – hoffentlich nicht auch zum Bombenwerfen. Andere Metaphern waren bis weit in die Nachkriegsmoderne hinein verbreitet: der Architekt als Arzt, als Chirurg, als Kapitän auf der Kommandobrücke, als Orchesterdirigent, als Gärtner, bei Richard Neutra sogar als Eheberater. Es sind immer noch sympathischere Vergleiche als Le Corbusiers Flugzeuggeschwader.

Festakt zum 110jährigen Bestehen des BDA, Foto: Till Budde

Festakt zum 110jährigen Bestehen des BDA, Foto: Till Budde

Ob Priesterarchitekt oder Flugzeugpilot, die Tätigkeit der Architekten17 entsprach nie den vereinfachenden und schmeichelhaften Metaphern, die sie selbst oder andere von ihrem Metier in Umlauf gebracht haben. Die Vorstellung vom autonomen Architekten, der allenfalls seinem Auftraggeber verantwortlich war, unterschlägt die Abhängigkeit von tausend Faktoren und Akteuren im Baugeschäft. Sie gilt für Imhotep, den vergöttlichten Baumeister des Pharao Djoser, ebenso wie für jeden der schätzungsweise 5.000 Namen auf der Mitgliederliste des BDA. Der – im besten Fall künstlerische – Entwurf ist das eine, das Bedingungsgeflecht, in dem er durchgesetzt werden muss, das andere. „L’architecte d’aujourd’hui est ou doit être un homme très multiple“, schrieb Julien Guadet.18 Dass der französische Architekt und Architekturtheoretiker nicht der femmes très multiples gedenkt, sei mit dem frühen Datum des Zitats entschuldigt, 1901.

Die Abhängigkeiten haben sich heutzutage vervielfacht. Der Architekt hat nur eingeschränkten Handlungsspielraum. Auf den Schildern an großen Baustellen muss man seinen Namen suchen. Erst kommen die Bauherrenkonsortien, Developer, Generalbau-Übernehmer oder -Unternehmer, Projektsteuerer, Kostenmanager, Termin Controller, Vermarktungsgesellschaften, Facility Manager, dann irgendwann auch der Architekt. Es folgt eine schier unübersehbare Zahl von Sonderfachleuten, Statikern, Fachleuten für Gründung, Energie, Heizung, Lüftung, Sanitär- und Elektroanlagen, Bauphysikern, Strömungstechnikern, Akustikern, Lichtplanern, möglichst noch unterteilt nach Tages- und Kunstlichtspezialisten. Darunter sind Tätigkeiten, von denen man meinen möchte, sie gehörten unteilbar und zentral in die Zuständigkeit des Architekten: Tragwerksplanung etwa oder Fassadenplanung. „Das ganze Wissen ist zentrifugal auseinander geflogen, verselbständigt sich partiell und entwickelt Eigengesetzlichkeiten“, hat einer der Ihren, Thomas Herzog, festgestellt.19

Mit diesem Szenenwechsel im Baugeschäft verträgt sich schlecht das überkommene Berufsbild des Meisters, der alles lenkt, alles entscheidet, der wie angeblich der mittelalterliche Bauhüttenmeister magister operis ist. Er muss auch nicht mehr der große Dr. Allwissend sein, der allen sagt, wo es lang geht. Vor Überforderung, die nur Depression erzeugt, sollte er sich bewahren. Plausibler als die Rolle des Kapitäns, der allein den Kurs bestimmt, ist die des Netzwerkers und Gesprächspartners, der zwar weiß, was er will und kann, es mitzuteilen versteht, der aber auch bereit ist, rechtzeitig von den anderen Akteuren im Planungsablauf zu lernen.

Die Planungspannen bei den Großbauvorhaben der letzten Jahre zwischen Hamburg, Berlin oder Stuttgart sind sämtlich Betriebsunfälle der Kommunikation gewesen. Die einzelnen Posten der Bauprogramme waren nicht genügend aufeinander abgestimmt. Niemand hat den Bauherren rechtzeitig und deutlich genug gesagt, was maßlose Wünsche kosten, finanziell wie in ihren planerischen Konsequenzen, und was nachträglich draufgesattelte Forderungen für einen ohnehin schon superkomplexen Bauablauf bedeuten. Die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt, der Regelungswahn auf allen Ebenen vom lokalen Bauaufsichtsamt bis zu den EU-Rechtsvorschriften und Förderbestimmungen, die Einsprüche der verschiedensten Akteure von der Verkehrslobby bis zu den Umweltaktivisten machen den Job nicht übersichtlicher.

Vor allem klafften die Lücken in der Verständigung mit dem eigentlichen Bauherrn, der Steuer zahlenden Öffentlichkeit. Es ist stimmt ja, dass man die Pläne für Stuttgart 21 viele Jahre lang im Ausstellungslokal irgendwo oben im Bahnhofsturm zur Kenntnis nehmen konnte und dass die Planfeststellungsverfahren ordnungsgemäß veranstaltet worden waren. Aber für den Bürger wird das Ausmaß des Problems und werden die Folgen für seinen Lebensalltag erst wahrnehmbar, wenn die Bäume unten im Schlossgarten fallen. Ist das ein Versäumnis der beteiligten Architekten? Sie sind in eine Existenz entscheidende Kompetenzhierarchie eingespannt und müssen sich jede Äußerung gut überlegen, wenn sie nicht mit Auftragsentzug bestraft werden wollen. Auf jeden Fall ist Kommunikationsmangel ein Versäumnis der Politiker und auch meiner, der schreibenden Zunft.

Die Arbeit der Architekten wird nicht leichter durch die Veränderungen, die auf der Bauherrenseite entstanden sind. Die Architekten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatten es sowohl bei den Gemeinden wie bei den privaten Firmen und manchmal auch bei den Wohnungsbaugesellschaften mit Auftraggebern zu tun, die wussten, was sie wollten. Oft lagen die freien Architekten im Clinch mit den öffentlichen Bauherren und ihren Stäben und Ämtern. Das war eines der Motive, die zur Gründung des BDA führten. Immerhin erlaubte die kommunale Selbständigkeit, die Verfügung der Gemeinden über große Anteile des städtischen Baulands und ihre Kassenlage im wilhelminischen Deutschland und auch noch in der Weimarer Republik Initiativen, die heute undenkbar sind.

Ausgezeichnet mit der Klassik-Nike: Frei Otto, Jörg Schlaich, Carlo Weber und Fritz Auer sowie Erhard Tränkner auf der Bühne des Filmmuseums, mit Stefan Behnisch für seinen Vater Günter, Berchtold Büxel für seinen Vater Winfried, Juliane Grizmek für ihren Mann Günther und Elisabeth Merk für die Stadt München

Ausgezeichnet mit der Klassik-Nike: Frei Otto, Jörg Schlaich, Carlo Weber und Fritz Auer sowie Erhard Tränkner auf der Bühne des Filmmuseums, mit Stefan Behnisch für seinen Vater Günter, Berchtold Büxel für seinen Vater Winfried, Juliane Grizmek für ihren Mann Günther und Elisabeth Merk für die Stadt München

Von den Kompetenzen, über die große Oberbürgermeister-Figuren – wie hier in Frankfurt Franz Adickes und Ludwig Landmann – verfügten, können ihre Nachfahren in der Epoche der leeren Gemeindekassen nur träumen. Bei großen Projekten wie Rathäusern, Kongresszentren, Messeetablissements, Veranstaltungshallen entledigen sich die Kommunen ihrer Bauherrenfunktionen und übertragen sie außen stehenden Generalbauübernehmern. Von ihnen werden die Bauten zurückgemietet („geleast“) und gehen dann erst nach langer Frist in das Eigentum der verborgenen Auftraggeber über. Diese Form kaschierten Schuldenmachens erscheint in den Haushalten nicht als hohes Anfangsinvestment, sondern verbirgt sich in kontinuierlichen Leasingkosten. Kein Wunder, dass sich Städte nicht mehr bürgerstolze Rathäuser, Festhallen oder Parkanlagen leisten wie Frankfurt in den Gründerjahren des BDA und danach sozialen Wohnungsbau wie in der Ära Ernst May.

Für die privaten Bauherren treffen ähnliche Verlustanzeigen zu. Der industriegeschichtliche Übergang von den Eigentümer-Unternehmern zu den Kapitalgesellschaften war noch nicht der Grund. Er hinderte noch nicht, dass sich aus der Generation der Majordomi Führungspersönlichkeiten herausbildeten, die alle Bauherrenfunktionen übernahmen. Man muss den Briefwechsel lesen, den der Generaldirektor der Farbwerke Hoechst, Geheimrat Dr. Adolf Haeuser, und dessen Büro zwischen 1920 und 1924 mit ihrem Architekten Peter Behrens führten, um sich eine Vorstellung vom Auftritt eines starken Bauherren zu machen. Zuckerbrot und Peitsche wechselten ständig. Behrens, ein Stararchitekt seiner Zeit, wurde vom „verehrten Geheimrat“ bald mit Schmeicheleinheiten versorgt, bald mit herben Vorwürfen und detaillierten Vorstellungen überzogen. Unter den Konferenztischen waren, bitte sehr, Teppiche vorzusehen. Dem Bildhauer Richard Scheibe wurde der Gesichtsausdruck seiner Arbeiterstatue in der Gedenkhalle des Foyers korrigiert: „Nicht eine Anstrengung ist zum Ausdruck zu bringen, sondern der feste energische Wille.“20

Das Ergebnis dieses „energischen Willens“ auf Seiten des Bauherrn war ein epochales Gesamtkunstwerk. Solche Beziehungen waren für den Architekten gewiss anstrengend und beschädigten manchmal auch sein Selbstwertgefühl. Auf jeden Fall aber hatte er einen Ansprechpartner, der Auseinandersetzungen ermöglichte. Heute sind die realen Personen zu juristischen Personen geworden, zu AGs, GmbHs, eVs, und auch deren Verhältnisse sind fluid geworden. Wo bis 1925 noch Meister Lucius & Brüning Eigentümer waren, dann die Farbwerke Hoechst, mutierten sie nach einer Kette von Übernahmen, Verkäufen und Fusionen vorgestern zu Rhône-Poulenc, gestern zu Aventis, heute zu Sanofi, um nur von ihrer Pharmasparte zu sprechen.

Behrens baute für Unternehmen, die auf Dauer gegründet schienen. Da entwirft und baut man anders als für Firmen mit permanenter Veränderungswahrscheinlichkeit. Der Markt ist schnell geworden, aber die Architektur ist langsam. Wäre eine angemessene Metapher für heutige Architektentätigkeit das Surfen, eine schnelle Bewegungsart, die in Brandung oder Seegang flexibel auf Wellenbewegungen reagieren muss? Eine „Frage der Haltung“ stellt sich auch bei solchen Hochgeschwindigkeitsfahrten über Wasseroberflächen. Ich habe mich informieren lassen, dass der aufrechte Stand sich nicht bei allen Formen des Surfens empfiehlt. Beim sogenannten „Bodyboarding“ zum Beispiel, das dem Wellenreiten ähnelt, liegt der Surfer auf einem kürzeren Brett und richtet sich bei seiner Abschussfahrt nicht auf. Aufrechte Haltung ist da nicht gefragt, sondern Elastizität.

Der Weg durch die Stadt Frankfurt, von der Rudolf Schwarz’ Kirche St. Michael bis zu Oswald Mathias Ungers’ Deutschem Architekturmuseum ist ein Gang durch die Architekturgeschichte. Ein bisschen Mittelalter- und Barock-Frankfurt, das 19. Jahrhundert-Frankfurt, das Wiederaufbau-Frankfurt, das Hochhaus-Frankfurt, das Post-Moderne-Frankfurt, das Rekonstruktions-Frankfurt. Es ist auch ein Gang durch die Geschichte Ihres Berufsstandes. Eine Beinahe-Metropole sucht ihre Position in der internationalen Konkurrenz der Dienstleistungscities. Da werden Profilierungsleistungen angefordert, auf die weder die physische Form der Stadt noch ihr Bild in den Köpfen der Bürger vorbereitet waren.

Mit der jetzigen Versammlung von Türmen, kompakter und zahlreicher als in anderen deutschen Städten, haben sich die Frankfurter abgefunden, scheint mir; es sind ja unter den Hochhäusern auch ein paar Beautés. Wenn die Stadt sich als eine Drehscheibe des weltweiten Handels versteht und ausbaut, werden noch ganz andere Herausforderungen auf sie zukommen. Wohin solche Stadtkarrieren innerhalb atemberaubend kurzer Zeiten führen, kann man an Shanghai, Singapur oder Dubai ablesen.

Ich würde mir wünschen, dass trotz dieser rasanten Veränderungszyklen unsere Städte ein Stück Vergangenheit auf diesem Weg mit sich führten, nicht als kopiertes Zitat, sondern als lebendige Fortschreibung des Vorhandenen. Wenn der Architekt ein „homme très multiple“ ist, so ist auch die Situation „multiple“. Schon heute bedeutet mehr als die Hälfte aller architektonischer Aufträge Arbeit im Bestand. Ein anderer Bau von Rudolf Schwarz und Kollegen ist die Paulskirche. Der Wiederaufbau 1948 vollbrachte das Kunststück, das Überlieferte – im Falle der Paulskirche die ausgebrannte Gebäudetrommel des zerstörten Vorgängerbaus – zu respektieren und trotzdem Zeichen des Neuen zu setzen.

Das ist heute oft nicht mehr gewünscht. Das Alte soll buchstabengetreu wieder so sein, wie es einmal war oder gewesen zu sein scheint. Sogar in den supermodernen Golfstädten, die da aus der Wüste gezaubert werden, entstehen Quartiere, die komplimentäre Nostalgiebedürfnisse erfüllen. Dubais weltrekordhaltender Wolkenkratzer von 828 Meter Höhe und in seiner näheren Nachbarschaft der Pseudo-Souk mit Pseudo-Arabischen Windtürmen sind zwei Seiten einer Medaille. Gebaut wurden sie gleichzeitig. Das Allermodernste braucht anscheinend die Rückversicherung beim Allervergangensten. Es ist nicht so, dass aus dem Alten nichts zu lernen wäre, im Gegenteil. Nur dessen Imitation hilft nicht weiter; das sind dann Windtürme ohne Ventilation. Lektionen der Vergangenheit zu lernen, ohne sie zu imitieren, wäre eine Aufgabe, die ich mir von einer künftigen Architektur in ganz anderem Maße erfüllt wünschte als heute.

Es ist die Gewohnheit jeder Epoche, die eigene Zeit für besonders kompliziert zu halten; so tue ich es auch. Die Frage nach der wünschenswerten Haltung kann nicht mit einer einzigen Antwort rechnen. Die signature buildings der ökonomischen und kulturellen Globalisierung, bei der Architekten sich als Wellenreiter, als „Eventkuratoren“ betätigen, sind das eine. Das andere sind Vergangenheitsbearbeitungen und -beschwörungen, die einem „palliativen Design“ nachgehen.21 Hier wie dort geht es offensichtlich um Szenographien, deren Hauptaufgabe in der Herstellung von „Atmosphären“ zu bestehen scheint.

Dazwischen liegt das unendlich weite Feld der manchmal guten, sehr viel öfter banalen Normalität, wo nicht Surfer gefragt wären, sondern fleißige Arbeiter im Weinberg des Herrn, wenn man sie denn ließe. Da ginge es um ein vernünftiges Bauen, das angemessenes Wohnen ermöglicht. Wo die Schere zwischen Luxus und Unzumutbarkeit, zwischen unbezahlbarem Wohnraum für wenige und bezahlbarem Wohnraum für alle sich nicht noch weiter öffnet. Wo Ressourcen nicht vergeudet und Zukunft nicht verspielt wird, sondern ökologisch verträgliche Lösungen gefunden werden. Wo Sprachgrenzen durchlässig würden zwischen denen, die bauen, und denen, für die gebaut wird. Dort würde ich, um mit Rudolf Schwarz zu enden, die „vorläufige Heimat unter dem Offenen… inmitten einer rundum ragenden, bedrohlichen Welt“ am ehesten vermuten.

Prof. em. Dr. Wolfgang Pehnt (*1931) studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Marburg, München und Frankfurt am Main und wurde 1956 in Frankfurt am Main promoviert. Er leitete die Abteilung Literatur und Kunst beim Deutschlandfunk in Köln und arbeitete als Publizist für Fachpresse, Tageszeitungen und Rundfunkprogramme, unter anderem jahrzehntelang für die FAZ. Als Autor veröffentlichte er zahlreiche Buchpublikationen zur Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 1995 zeichnete ihn das Land Nordrhein-Westfalen mit einer Tituralprofessur aus, in der Folge lehrte er bis 2009 am Kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Universität Bochum.

Anmerkungen
1 Alfons Kirchgässner an Rudolf Schwarz, 26.5.1957, Archiv Schwarz, Köln, zit.: Wolfgang Pehnt: Rudolf Schwarz. Architekt einer anderen Moderne, Ostfildern 1997, S. 150
2 Bund Deutscher Architekten. Satzungen 1903. – Was wir wollen! Manifest 1904
3 Rudolf Schwarz: Einige Bemerkungen zu St. Michael in Frankfurt 1955, in: Das Münster 8 (1955) 7–8, S. 247 f.
4 Rudolf Schwarz an Heinrich Kamps, 27.1.1953, Archiv Schwarz, Köln, zit.: Pehnt 1997, vgl. Anm.1, S. 150
5 Bund Deutscher Architekten: Was wir wollen! 1904
6 Otto Wagner: Moderne Architektur, Wien 21898, S. 14
7 Rudolf Schwarz: An Mies van der Rohe. Adresse der Staatlichen Akademie der Künste Düsseldorf, an Mies van der Rohe zu seinem 75. Geburtstag am 27. März 1961. Heidelberg, 1961. unpag.
8 Aus Reden Bartnings 1950 und 1957. zit.: Andreas Denk. 1950 – 1959: Otto Bartning als Präsident des BDA, in: Der Architekt, 2003 / 5–6. S. 50 ff
9 Rudolf Schwarz: An Ludwig Mies van der Rohe. Schwarz 1961, vgl. Anm. 7
10 Otto Bartning. vgl. Anm. 8, S. 5211  Fritz Höger: Meine Steckenpferde; – Carl J. H. Westphal: Zur Einführung. in: Fritz Höger. Der niederdeutsche Backstein-Baumeister, Wolfshagen-Scharbeutz 1938, S.102, 5
12 Hans Kollhoff, in: Hundert Jahre Baumeister, Baumeister 10 (2003), S. 85 ff.
13  Hannes Meyer: bauen (1928). in: Claude Schnaidt (Hg.): Hannes Meyer. Bauten, Projekte und Schriften, Teufen 1965, S. 96
14 Walter Gropius: Die neue Baukunst (1935), in: Die neue Architektur und das Bauhaus, Mainz 1965, S. 65
15  Titel eines Romans von Hans Carossa aus dem Jahre 1932
16 Le Corbusier: Einleitung. Le Corbusier et Pierre Jeanneret. Œuvre Complète de 1929 – 1934, Zürich, 1964, 101984, S. 19
17 Zum Berufsbild des Architekten: Martin Shaw Briggs: The Architect in History, Cambridge, UK, 1927; – Spiro Kostof: The Architect. Chapters in the History of the Profession. Oxford, UK, 1977; – Herbert Ricken: Der Architekt. Ein historisches Berufsbild. Leipzig 1990; – Vor allem: Winfried Nerdinger (Hrsg.): Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes, München 2013, 2 Bde.
18 Julien Guadet: Eléments et théorie de l’architecture, Paris o.J. (1901), Bd.1, S. 12
19 Thomas Herzog im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert und Angelika Schnell. Energien gestalten, in: arch+ 126 (1995), S.39
20 Adolf Haeuser an Peter Behrens, 29.6.1922, zit.: Wolfgang Metternich. Historische Gesichtspunkte, in: Bernhard Buderath (Hrsg.): Peter Behrens. Umbautes Licht, Kat., Hoechst AG, München 1990, S. 153
21 Begriffe zit. aus: Friedrich von Borries, Matthias Böttger: Jenseits von On/Off, in: Arch+ 169 / 170, Mai 2004, S. 4

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