Zum Tode des Architekten Dieter Georg Baumewerd

Architectura Caelestis

Er war ein Baumeister alter Schule. Einer, dem Starallüren, wortgewaltiges Auftreten und Medienpräsenz zeit seines Lebens fremd waren. Einer, der sich stattdessen jahrzehntelang mit Hingabe jener stillen „recherche patiente“ widmete,  die den Schöpfern von Sakralbauten häufig zu eigen ist. Wir sprechen von niemand anderem als Dieter Georg Baumewerd, der kurz vor dem Jahreswechsel überraschend verstorben ist. 1932 in Ostpreußen geboren, kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie ins heimatliche Münster zurück. Dort erlernte er Anfang der fünfziger Jahre das Malerhandwerk, bevor er im väterlichen Büro eine Bauzeichnerlehre begann. Der Vater Wilhelm Baumewerd war zuvor als Dom- und Diözesanbaumeister in Frauenburg (Frombork) tätig gewesen. Bis 1962 studierte Dieter Georg Baumewerd anschließend Architektur an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Lehrer waren Hans Schwippert und Rudolf Schwarz, dessen Meisterschüler, Diplomand und Mitarbeiter er wurde. Vom renommierten Kirchenbauer Rudolf Schwarz bezog er in Theorie und Praxis ganz entscheidende Einflüsse. Von ihm und dem eigenen Vater übernahm er die Passion für sakrale Bauaufgaben.

Aus den prägenden Düsseldorfer Jahren wie auch aus seinen Anfängen als junger Architekt  wusste Dieter Georg Baumewerd bis zuletzt als beredter Zeitzeuge eine Fülle höchst aufschlussreiche Anmerkungen zum Baugeschehen der jungen Bundesrepublik sowie zu deren Protagonisten in vertrautem Kreis zum Besten zu geben Alle Versuche, ihn zu einer Aufzeichnung seiner wertvollen Erinnerungen für nachfolgende Generationen zu bewegen, scheiterten jedoch  bis zuletzt an seiner Bescheidenheit.

Das väterliche Büro hatte schon 1958 einen Wettbewerb zum Neubau des Oberverwaltungsgerichts in Münster gewonnen. Nach dem unerwarteten Tod des Vaters übernahm der Sohn dieses und andere Projekte. Im Jahre 1962, mit erst dreißig Lebensjahren, wagte er den Sprung in die Selbständigkeit. Die Stadt Münster blieb fortan Standort für das sukzessive von ihm ausgebaute Büro. Schon vier Jahre später gelang Baumewerd mit dem Bau der Heilig-Geist-Kirche in Emmerich am Rhein ein regelrechter Coup. Handelte es sich bei dem polygonalen, ungerichteten Raumgefüge unter fächer- oder trichterartigen Stützen und Dachsegmenten aus Sichtbeton doch wirklich um die innovative Neuauslegung eines sakralen Raumorganismus. Ebenfalls wegweisend war der hier exemplarisch zur Disposition gestellte  Dialog zwischen Architektur und zeitgenössischer Kirchenkunst. Kein Wunder, dass der Urheber dieses Gesamtkunstwerks im Jahre 1965 den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Architektur erhielt. Auf diesem Fundament konnte Baumewerd in den folgenden drei Jahrzehnten weitere bedeutende Kirchen oder Kirchenumbauten in Emsdetten, Bielefeld, Bedburg-Hau, Neukirchen-Vluyn, Westerland, Leopoldshöhe oder Oelde errichten. Daneben entstanden auch erste Wohnhäuser, die den frühen Häusern von Oswald Mathias Ungers qualitativ in nichts nachstehen. Wie das Schicksal es so wollte, sollten Ungers und Baumewerd wenig später durch die Heirat ihrer Kinder auch familiär miteinander verbunden sein.

Dieter Georg Baumewerd, Heilig-Geist-Kirche, Emmerich 1966, Foto: Dieter Rensing

Dieter Georg Baumewerd, Heilig-Geist-Kirche, Emmerich 1966, Foto: Dieter Rensing

In den Jahren 1971 bis 1997 war Baumewerd auch als Professor für Entwerfen und Innenarchitektur an der FH Dortmund tätig. Ehemalige Studierende bezeichnen ihn fachlich wie menschlich  als vorzüglichen Hochschullehrer, der sie und ihre Zukunft nach Kräften befördert habe. 1987 wählte man ihn, der bereits 1965 in den BDA berufen worden war, für vier Jahre zum Vorsitzenden des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Seit 1987 war er Mitglied der Arbeitsgruppe für kirchliche Architektur und sakrale Kunst in der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Für seine Arbeit als Kirchenbaumeister wurde er mit dem Päpstlichen Gregoriusorden ausgezeichnet.

In seinem Spätwerk entfaltete sein Œuvre qualitativ noch einmal gänzlich neue Facetten und Impulse. So wird Baumewerds Handschrift bei der Transformation der Basilika St. Maximin in Trier (zusammen mit Böhm und Peitz), den kirchlichen Museen in Liesborn und Xanten oder den zahlreichen Kirchenumbauten der letzten Jahre reduzierter, aber im Detail gleichzeitig  raffinierter und stetig delikater. Gleiches gilt für seine raumgreifenden Profanbauten wie die Sparkassenzentrale Münster sowie die späten internationalen Projekte, darunter die Deutsche Botschaft in Santiago de Chile, die Sanierung der Deutschen Botschaft in Madrid oder die noch im Bau befindliche Umgestaltung der Botschaft in Paris.

Dieter Georg Baumewerd, Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Chile, Santiago de Chile 2000–​2002, Foto: Stefan Müller

Dieter Georg Baumewerd, Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Chile, Santiago de Chile 2000–​2002, Foto: Stefan Müller

Wie werden wir ihn vermissen, diesen schlanken, hochgewachsenen Mann mit dem schmalen Gesicht und dem markanten Bürstenhaarschnitt, der fast alle Mitmenschen um Haupteslängen überragte. Wo bleibt in Preisgerichten und Jurys der großzügige Förderer junger Architekten? Wo bleibt der Mann, der die großen Erzählungen der deutschen und internationalen Nachkriegsarchitektur derartig vital mit persönlichen Aperçus, Fußnoten und Bonmots anzureichern wusste? Wer verkostet jetzt mit uns die kostbaren Tropfen aus Burgund? Wo bleibt der gute Freund, der, unterstützt von seiner liebenswürdigen Frau Ulla, sein gastfreundliches Haus für alle kreativen Zeitgenossen, junge wie alte, stets sperrangelweit geöffnet hielt? Und der Mensch, der sich trotz zunehmenden Alters eine geradezu jugendliche Neugierde auf die Welt von morgen bewahrte? Dieter Georg Baumewerd mag zwar nicht mehr unter uns weilen, sein vorzügliches Werk wird aber auch uns überdauern. Und vielleicht wird er ja noch hin und wieder aus dem himmlischen „Off“ höchst irdisch, soll heißen gleichermaßen kritisch wie gütig, auf uns einwirken.

Frank R. Werner 

Fotos: Dieter Rensing/Stefan Müller

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