TELEINTERNETCAFE im Gespräch mit David Kasparek

Ein entschleunigtes Stück Stadt

Das „Labor“ im Kreativquartier München

David Kasparek: Wir haben das Kreativquartier in München bereits in unserer Zeitschrift vorgestellt (der architekt 2/14) und nun wurde es auf dem Berliner Gespräch des BDA im Dezember letzten Jahres Thema. Ihr Entwurf, gemeinsam mit Treibhaus Landschaftsarchitekten (Hamburg), gleicht eher einem strategischen Vorschlag denn einer städtebaulichen Planung. Die Beteiligten vor Ort – Stadt, Planer und lokale Akteure – müssen bei diesem Vorgehen viel Geduld mitbringen. Die Strategie sieht vor, dass die Teilbereiche des Gebiets in unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickelt werden, nur zwei der vier Teilbereiche werden unmittelbar bebaut. Wie ist der aktuelle Stand der Entwicklung?
Verena Schmidt:
Basierend auf unserer Rahmenplanung werden derzeit die Bebauungspläne für die ersten beiden Teilbereiche erstellt. Der Auftrag für die Bebaunngsplanung wurde an ein Münchner Büro vergeben. Wir selber hatten uns nicht darauf beworben, weil das – bisher – schlicht nicht unsere Expertise ist.

Wie ist die Rolle von Teleinternetcafe denn im Moment?
Verena Schmidt:
Die Planungen werden von einem Beratergremium begleitet, dem wir neben anderen Architekten, Stadtplanern und Vertretern aus der Verwaltung und der Politik angehören. Über dieses Gremium haben wir Einblick in die aktuellen Geschehnisse und können unser Konzept weiterhin hochhalten.

Besitzen Sie in diesem Gremium eine Art Veto-Recht?
Verena Schmidt:
Nein. Aber in diesem Gremium geht es darum, in der Summe der Teilnehmer, die Idee des Konzepts zu vertreten.

Wer sind die anderen Beraterinnen und Berater?
Verena Schmidt:
Unter anderem Klaus Overmeyer, Sophie Wolfrum und Thomas Jocher, der auch den Jury-Vorsitz für das Projekt innehatte.

Interessantestes Feld ist vielleicht das von Ihnen als „Labor“ titulierte Gelände auf der Westecke des Areals. Sie hatten in Ihrem Vortrag im Rahmen des Berliner Gesprächs erwähnt, dass dafür eine koordinierende Stelle – ähnlich der eines Quartiersmanagers – geschaffen werden solle, dass diese aber wahrscheinlich nicht Installiert werden kann. Wie war die Position konzipiert und wie ist der aktuelle Stand?
Verena Schmidt:
Schon im Wettbewerb haben wir die Koordinierung der prozessualen Entwicklung als eine Art Mix aus Quartiersmanagement, Hausmeister, Kurator für das Labor angedacht. Wichtig ist uns, dass eine Person vor Ort als Ansprechpartner und Schnittstelle zwischen allen Akteuren zur Verfügung steht. Ausgeschrieben wurde die Stelle auch…
Urs Kumberger:
…allerdings mit einer Befristung bis Ende 2016.
Verena Schmidt: Auf die Person, die das hätte ausüben sollen, konnten sich die Verantwortlichen der Stadt dann aber nicht einigen. Die Ausschreibung wurde aus verschiedenen Gründen zurückgezogen. Weil wir nun schon Anfang 2016 haben, sieht es momentan so aus, als würde die Stelle nicht neu ausgeschrieben, sondern als Ganzes neu gedacht werden.

Das Labor heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels

Das „Labor“ im Kreativquartier München heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels

Ist die Idee eines kuratorischen Quartiersmanagers damit vom Tisch? Sind Sie von Seiten der Stadt informiert?
Urs Kumberger: Eigentlich sollte die Stelle schon im Frühjahr 2015 vergeben werden – auch mit dem konkreten Auftrag ein temporäres Freiflächenkonzept in die Wege zu leiten. Mitte September haben wir dann aus der Süddeutschen Zeitung erfahren, dass es in der Stadtratssitzung nicht genauer definierte Konflikte gab. Wir vermuteten schon, dass die Stelle nicht wie geplant vergeben wird, was uns dann ja auch bestätigt wurde.
Verena Schmidt:
Wir sehen das nicht als allzu großes Problem. Die Mietverträge der Nutzer für die Zwischennutzung wurden verlängert und insgesamt ist damit Zeit gewonnen, so dass sie ihre Projekte vor Ort weiter anschieben können. Das ist erst einmal positiv.

Was passiert mit der Koordinierung?
Verena Schmidt:
Die Stadt überlegt, ob sie die Aufgabe direkt an einen Kreativwirtschaftsbeauftragten vergibt, der bereits an anderer Stelle für die Stadt tätig ist. Wir würden eher eine Neu-Ausschreibung der Stelle präferieren. Darüber hinaus soll geprüft werden, mit welchen Vergabemethoden und Organisationsmodellen künftig konkret weiter gearbeitet wird. Beispielsweise ob und wie lange das Areal im städtischen Eigentum verbleiben kann und ob dort Genossenschaften zum Zuge kommen.

Inwieweit werden Sie über die aktuellen Sachstände informiert oder direkt eingebunden?
Verena Schmidt:
Wie erwähnt, sind wir über das Beratergremium weiterhin eingebunden. Alle weiteren Schritte sind öffentliche Prozesse, Studien zum Beispiel, oder Hochbauwettbewerbe, auf die wir uns als Büro dann – wie alle anderen – wieder bewerben können.
Urs Kumberger: Bei dem Symposium „Planvoll Planlos“ in Köln waren ein Vertreter der Stadt München, ein Künstler aus dem „Labor“ und wir eingeladen – wir haben dies als guten und intensiven Austausch erlebt. Das hat bei uns die Erkenntnis reifen lassen, dass wir uns wieder stärker eigeninitiativ in das Projekt einbringen sollten. Außer dem Beratungsgremium, das sich zwei bis drei Mal im Jahr trifft, haben wir derzeit keine Beauftragung in dieser Sache.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Prozessuale Entwicklungsstrategie, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Prozessuale Entwicklungsstrategie, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Wie könnte diese Eigeninitiative aussehen?
Urs Kumberger:
Es gibt zum Beispiel regelmäßig die sogenannten „Labor-Gespräche“, die gut besucht und erfolgreich zu sein scheinen. Dort wird gemeinsam mit dem Bezirk die Diskussion zwischen Nutzern, Nachbarn und Vertretern der Stadt gesucht. Hier wollen wir regelmäßig teilnehmen und unseren Beitrag einbringen. Das Interesse kommt von uns und hat keinen Auftrag im Hintergrund.

War Ihnen dieser Verlauf im Vorfeld klar, oder fühlt sich das so an, als würde Ihnen das Projekt entgleiten?
Verena Schmidt:
Nein, so fühlt es sich nicht an. Uns war klar, dass wir uns auf die neuen Beauftragungen bewerben müssen, wenn wir weiter aktiv dabei sein wollen. Bei der Bebauungsplanung haben wir es nicht getan, bei den anderen Sachen wollen wir es machen. Auch weil wir glauben, dass wir auf der Ebene der Fragestellung der Organisation vor Ort einiges beitragen können. Wir sind auch in einem prinzipiell guten Kontakt mit der Stadt München.
Urs Kumberger: Wir hatten im Vorfeld keine konkrete Erwartungshaltung. Uns war klar, dass wir für die Rahmenplanung beauftragt sind und wenn die damit einhergehenden Pakete abgeschlossen sind, ist unsere Arbeit erst einmal getan. Einen diffusen Wunsch, dabei zu bleiben, gab es natürlich trotzdem – aber nicht so, dass sich daran konkrete Erwartungen gekoppelt hätten.
Verena Schmidt: Wir sind seit über vier Jahren mit dem Projekt beschäftigt. Der Wettbewerb war zweiphasig und relativ lang, dann kam die Rahmenplanung. Mit kürzeren und längeren Pausen wird uns das Projekt aber sicher noch lange beschäftigen. Noch gibt es kein Baurecht, verschiedene Verfahren stehen an und je nachdem, welcher Schritt konkret wird, werden wir uns sicherlich auch wieder bewerben.

Diese Langfristigkeit ist Teil Ihres Konzepts für das Kreativquartier gewesen. Ist es schwierig, dann zwischendurch zum Nichtstun verdammt zu sein?
Verena Schmidt:
Ja, die vorgeschlagene Strategie ist sehr langfristig angelegt. Natürlich würden wir gerne mehr machen, als dies zu manchen Phasen möglich ist. Ich glaube, dass es anderen Akteuren ähnlich geht. Klaus Overmeyer und sein Team haben zusammen mit der Stadt mehrere Werkstätten durchgeführt. Dabei wurden mit Experten und Nutzern Szenarien erarbeitet, wie die Entwicklung des Labors zukünftig organisiert werden könnte. Das waren sehr gute Veranstaltungen. Noch ist nicht klar, wie und wann dieses Format fortgesetzt wird. Städtebauliche Prozesse erfordern eben ein hohes Maß an Abstimmung, sie dauern relativ lange. In der Zwischenzeit entwickeln sich die Ideen und auch das Quartier informell weiter.
Urs Kumberger: Das war schon immer Kern des Konzepts. Wir von planenden Seite wollten uns von Anfang an ein wenig zurücknehmen – und dem ganzen damit Luft zur Entwicklung geben. Das ist nicht immer leicht, auch wir müssen uns da selbst disziplinieren.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Zeitlicher Ablauf der Planung mit unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Zeitlicher Ablauf der Planung mit unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Gibt es von Seiten der Stadt Verständnis für das Konzept und Ihre Herangehensweisen?
Verena Schmidt:
Ja. Wir haben mit dem Planungsteam Mitte wirklich sehr gute Ansprechpartner auf der Gegenseite. Sie sind hochmotiviert – das hat nichts mit vermeintlichen Amtsklischees zu tun. Sie hatten von Beginn an Lust, dieses Vorgehen mitzumachen. Es war klar, dass hier beide Seiten – die Stadt und wir – im Laufe des Prozesses etwas dazu lernen werden. Aber es gab natürlich in den verschiedenen Referaten der Stadt schon immer auch unterschiedliche Lesarten des Konzepts. Die für die finanziellen Fragen zuständigen Stellen waren manchmal schwer zu überzeugen. Grundsätzlich aber steht die Stadt hinter dem Konzept.

München unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht zu Städten wie etwa Berlin. Solche Freiräume, wie sie das „Labor“ darstellen, gibt es dort deutlich weniger als hier in Berlin. Woher kommt dennoch das Verständnis der Stadt, dieses Experiment zu wagen?
Urs Kumberger:
Schon der Titel „Kreativquartier“ kam ja von der Stadt. Das impliziert, dass der Kommune klar war, dass es sich bei dem Areal nicht einfach um irgendeine Brache handelt. Sogar in der Ausschreibung tauchte einmal das Wort „prozesshaft“ auf. Ich denke, es gab schon vorher eine Stimmung in der Stadt, einmal etwas anderes zu wagen – wir hatten Glück, dass unser Konzept genau dieses andere mitgebracht hat. Vielleicht war es für uns auch hilfreich, ein junges Büro zu sein und relativ mutig, etwas vorzuschlagen, weil wir nichts zu verlieren hatten. Dass das Konzept dann so gut ankam und ernst genommen wurde, hat uns fast ein wenig überrascht.
Verena Schmidt: Das liegt auch in der Gesamtsituation Münchens begründet, wo in den letzten Jahren viele Kasernenareale entwickelt wurden. Auf dem Gelände der ehemaligen Funk-Kaserne beispielsweise gab es eine der größten Künstlerkolonien Deutschlands, die teilweise in Quasi-Hausbesetzer-Zuständen dort waren und letztlich nahezu ersatzlos verdrängt wurden. Auch in München merkt man, dass es immer weniger solcher spezieller Orte gibt. Vor diesem Hintergrund hat die Stadt womöglich den besonderen Wert ihrer kommunalen Grundstücke erkannt. München ist sich im Klaren darüber, dass sie etwas tun muss – zusätzlich zu anderen Maßnahmen wie dem geförderten Wohnungsbau, der auf den städtischen Grundstücken schon lange einen verhältnismäßig großen Anteil einnimmt. Und beim Kreativquartier war man dann nochmal einen Schritt mutiger…

Liegt das an den speziellen Gegebenheiten dieses Quartiers, oder findet ein generelles Umdenken statt?
Urs Kumberger:
Das hat verschiedene Ebenen. Unser Konzept kommt aus diesem Ort heraus und lässt sich nicht eins zu eins auf andere Orte übertragen. Aber allein dadurch, dass über so etwas gesprochen wird, kommen neue Diskussionen in Gang und damit vielleicht auch etwas in Bewegung.
Verena Schmidt: Ich denke schon, dass sich etwas geändert hat. Anders als in Berlin, wo gefühlt immer alle „Recht auf Stadt!“ schreien, hatte ich lange den Eindruck, dass in München relativ wenig Diskurs über Stadt stattfindet. Aber das hat sich gewandelt. Da geht viel von den Münchner Architekten aus, die Initiativen gründen – beispielsweise zur kooperativen Stadt. Es wäre natürlich toll, wenn das Kreativquartier hier einen Impuls gibt, den man später als gelungenes Beispiel anführen kann.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Grundriss, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Grundriss, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Nicht zuletzt hat sich die Stadt von Ihrem Konzept auch deshalb überzeugen lassen, weil die Auflagen der Ausschreibung erfüllt wurden…
Urs Kumberger: … ja, wir haben die Ausschreibung gut erfüllt. Das hat uns viel Zeit und Arbeit gekostet. Aber so werden die Quadratmeterzahlen für Wohnungen und dergleichen nachgewiesen, die Stadt musste zugunsten des Konzepts keine Abstriche machen.
Verena Schmidt: Letztlich haben wir versucht, unsere Auffassung von Stadt so zu verpacken, dass die Stadt München das Konzept umsetzen kann. Die Bereitschaft der Stadt München für dieses Vorgehen ist dennoch keine Selbstverständlichkeit.

Was Sie für das Kreativquartier vorschlagen, gilt manchen als längst überfällig, für viele aber ist es immer noch ein experimentelles Beispiel. Die angewandten Strategien könnten ja auch scheitern. Woher kommt die Sicherheit, dass es glücken kann?
Urs Kumberger:
Diese Sicherheit hat man wohl nie. Wir haben uns schon lange mit dem Thema beschäftigt und als wir die Strategie entwickelten, klang sie für uns zunächst sinnvoll, schlüssig und nicht extrem – auch weil sie so pragmatisch ist. Die vier Teilquartiere, die wir in dem Areal sehen, sind situativ vor Ort begründbar, weil sie vier unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Als weiteres sagen wir eigentlich nur noch, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielen sollte. In den zwei Quartieren im Norden und Süden kann man sehr schnell entwickeln, in den zwischengenutzten Bereichen eher nicht. Das ist vielleicht der einzige Punkt, der ungewöhnlich ist, dass wir hier auf die Bremse drücken wollen. Ich finde nicht, dass das nach den Sternen gegriffen ist, auch wenn es für München womöglich ein klein wenig revolutionär ist… Inwieweit das übertragbar ist, weiß ich nicht. Der Faktor Zeit ist uns schon immer wichtig.
Verena Schmidt: Wir wenden letztlich zwei zeitliche Strategien an: Zum einen in Bezug auf das gesamte Quartier, zum anderen hinsichtlich des Labors. Letztere ist speziell, weil das zu der Entscheidung geführt hat, dass hier kein qualifizierten Bebauungsplan sondern nur ein Freiraumgerüst festgesetzt wird. Die Bilder, die wir im Wettbewerb gezeigt haben, sind für uns immer nur Momentaufnahmen einer möglichen Entwicklung gewesen, die Planung lässt aber viel offen…

…aber eben auch, dass es eine mögliche andere Entwicklung nimmt, als die von Ihnen im Rendering gezeigte.
Verena Schmidt:
Deswegen ist die enge Begleitung in den nächsten Schritten wichtig. Das von uns dargestellte Gerüst mit Raumkanten soll robust sein und gleichzeitig Spielräume offen halten. Wenn das eine oder andere Gebäude im Einzelfall nicht mehr zu nutzen sein sollte, kann es im Rahmen des Konzepts ersetzt werden. Wir geben dabei keinen Masterplan mit einzelnen Bauabschnitten vor. Prozessual heißt für uns tatsächlich, dass kein Endzustand definiert wird.
Urs Kumberger: Die Stadt hatte in der Ausschreibung ein „Stufenkonzept“ und darin eine Entwicklung in drei Schritten gefordert. Das war für uns ein Konflikt, weil das zu fixierten und Masterplan-ähnlichen Prozessen führt – nur eben in drei Schritten. Unsere Idee ist immer gewesen, einen Startschuss zu geben, mit Impulsen, die sich zum Beginn des Projekts aus dem Ort entwickeln – und dann zu schauen, was passiert. Uns war dabei wichtig zu zeigen, dass es immer nur ein möglicher Weg von vielen ist. Dass wir die drei geforderten Schritte schlussendlich doch gezeigt haben, ist vor allem dem geschuldet, dass man dem Auftraggeber etwas zeigen muss, über das dann intern gesprochen werden kann, um ein Projekt politisch weitertragen zu können.

Bilder sind wichtig. Wie sonst sollten sich teils fachfremde Entscheidungsträger mögliche Szenarien vorstellen. Wie wichtig sind die Vergabeverfahren?
Verena Schmidt:
Sehr wichtig. Wir plädieren dabei auch immer für Konzeptvergaben. Gerade hier bietet sich enormes Potential, weil viele Selbstnutzer da sind, die Projekte mit einem ganz anderen Engagement angehen als mögliche Investoren, die ein solches im schlimmsten Fall als Ware begreifen. Wenn man die richtigen Akteure zum Zuge kommen lässt, kann es sehr gut werden.

Haben szenografische Ideen der Raumauffassung bei der Entwicklung der Ideen für das „Labor“ eine Rolle gespielt?
Urs Kumberger:
Ja. Viele unserer Vorstellungen für den Ort und seine Entwicklung haben nicht primär etwas mit gebauter Architektur zu tun, sondern mit dem Leben und den Aktivitäten. Die Atmosphäre des Orts war und ist uns wichtiger als das Aussehen der Häuser, die dort einmal entstehen.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Perspektive, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Perspektive, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus

Wie gelingt es, Menschen vor Ort mitzunehmen und beispielsweise Werkstattverfahren nicht zu Mecker-Veranstaltungen verkommen zu lassen?
Urs Kumberger:
Es liegt in der Natur der Sache, dass auch viel gemeckert wird. In Bezug auf das „Labor“ kann ich das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.
Verena Schmidt: Der Ausgangspunkt war, dass die Nutzer vor Ort die Bestandsgebäude eigentlich schon abgeschrieben hatten. Sie haben damit gerechnet, dass sie umziehen müssen, weil sie sich im Grunde sicher waren, dass außer den beiden denkmalgeschützten Hallen keine Räume für Kreative erhalten werden. Deswegen war unser Beitrag für sie eine positive Überraschung, die zu einer auf Konsens gerichteten Grundstimmung geführt hat.

Gab es Probleme mit den jetzigen Nutzern?
Verena Schmidt:
Für die Nutzer, die voll von guten Ideen und offenen Fragen sind, ist es schwierig zu durchschauen, was gerade ansteht und wie sie sich einbringen können. Nicht jeder durschaut die Planungsprozesse und weiß, wie langwierig das sein kann. Dafür müsste noch mehr kommuniziert werden…
Urs Kumberger: …vor allem auch in den Phasen, in denen nichts passiert. Auch für uns war es merkwürdig, dass es Phasen gibt, in denen wir als Planer ein Jahr lang immer nur das gleiche erzählen können. Das kann frustrierend sein – für alle, auch für uns.
Verena Schmidt: Wir haben immer kommuniziert, dass das „Labor“ kein Biotop ist, und dass hier auch neue Akteure dazukommen werden. Klaus Overmeyer (urban catalyst studio, Anm. d. Red.) hat mit seinen Werkstätten viel erreicht, weil er die Leute gut motivieren kann.. Die Nutzer vor Ort sind eine heterogene Struktur aus Einzelpersonen, Vereinen und Gesellschaften. Sie haben den Rat bekommen, sich zu organisieren, um die Kommunikation mit der Stadt zu erleichtern. Ergebnisse sind ein Verein, der sich gegründet hat, und die schon genannten Laborgespräche. Es ist nicht zu unterschätzen, was die Kreativen vor Ort all die Jahre ohne Planungssicherheit auf die Beine gestellt haben. Nun ist es wichtig, dass der „Laborgedanke“ gemeinsam weiterentwickelt wird, ohne dass das Konzept in Einzelinteressen zerfällt.

Wie wichtig ist es, dass Sie das Projekt weiterhin begleiten?
Verena Schmidt:
Wichtig ist, dass es begleitet wird. Ob wir das sind, oder z.B. jemand von der Stadt, spielt eine untergeordnete Rolle.

Sie haben sicher Wünsche oder Vorstellungen, wie es mit dem Kreativquartier und dem „Labor“ weitergeht. Wie sehen die aus?
Urs Kumberger:
Eine Vorstellung haben wir mit unserem Wettbewerbsbeitrag schon einmal formuliert. An diese glauben wir auch nach wie vor (lacht). Die von uns angedachte Offenheit ist insofern schon Realität geworden, als dass Orte im „Labor“, die vorher nicht zugänglich waren, inzwischen sehr wichtig geworden sind. Das ist für mich eine gute Entwicklung.
Verena Schmidt: Wir hatten in einem internen Workshop verschiedene Szenarien durchgespielt: von der Version, in der die Stadt alles parzelliert und an Einzeleigentümer verkauft, bis zu der, in der die Nutzer das Areal komplett selbst verantworten. An beide glaube ich nicht unbedingt. Es wäre eher im Sinne des Konzeptes, wenn eine Art „Dach-Genossenschaft“ die Verantwortung übernehmen würde. Diese könnte zum Beispiel leisten, dass die von uns aufgestellten Regeln für eine gute Durchmischung des Quartiers eingehalten werden. Eine solche Stelle, die die Entwicklung weiter begleitet und im Gleichgewicht hält, finde ich wünschenswert.

TELEINTERNETCAFE wurde 2011 von Manfred Eccli (Bozen, Italien *1981), Marius Gantert (Heidelberg, *1984), Andreas Krauth (München,*1983), Urs Kumberger (Straubing, *1983) und Verena Schmidt (Freising, *1986) in Berlin gegründet. Als Gruppe von fünf Architekten beschäftigt sich TELEINTERNETCAFE mit den Themenfeldern Architektur und Urbanismus. Bei der Zusammenarbeit in wechselnden Konstellationen und im Austausch mit Experten verschiedener Disziplinen werden individuelle Kompetenzen projektbezogen gebündelt. Die Auseinandersetzung mit dem Ort und dem Situativen bildet jeweils den Ausgangspunkt für die Suche nach neuen, offenen Formen von Stadt.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Architektur in Köln. Er war Mitarbeiter an der Kölner Kunsthochschule für Medien und als Gründungspartner des Gestaltungsbüros friedwurm: Gestaltung und Kommunikation als freier Autor, Grafiker und Journalist tätig. Nach einem Volontariat in der Redaktion von der architekt ist er dort seit 2008 als Redakteur beschäftigt. David Kasparek lebt und arbeitet in Berlin.

Fotos: Simon Jüttner, Sebastian Schels / Abb.:Teleinternetcafe, Treibhaus

 

 

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