neu im club

Material und Handwerk

Jan Rösler, Architekt BDA, JAN RÖSLER ARCHITEKTEN, Berlin

Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Hier sieht es noch so aus, wie man sich den Stadtteil vor der Gentrifizierung vorstellen würde. Jan Rösler sitzt in seinem Büro und kredenzt Tee: Eine alte Fabrik-Etage, Holzboden, mit Lehm geputzte Wände, in der Ecke hängt ein Box-Sack. Die Um- und Einbauten hat Jan Rösler, der im März 2015 in den BDA Berlin berufen wurde, selbst geplant und ausgeführt. Wir sind sofort im Thema: das Handwerk.

David Kasparek: Sie absolvierten zunächst eine Tischlerlehre, haben dann den Ausbildungsbetrieb übernehmen können und später dennoch begonnen, Architektur zu studieren. Haben Sie Ihren eigenen Betrieb dabei komplett aufgegeben?
Jan Rösler: Nein, ich habe eigentlich die ganze Zeit während des Studiums an eigenen Projekten gearbeitet. Vor allem in den Semesterferien. Dabei sind die Überlegungen immer architektonischer geworden, das im Studium Gelernte habe ich mehr und mehr angewendet. Bis hin eben zum Haus Stein

…dem Scheunenumbau in Sachsen-Anhalt.
Ja. Das habe ich noch während des Bachelor-Studiums und eines Praktikums geplant, abends nach Büroschluss die Zeichnungen und Modelle gemacht. Danach habe ich mir ein halbes Jahr Auszeit von der Uni genommen und bin auf die Baustelle gezogen, um das Haus fertig zu bauen. Für ein paar Monate hat mir ein Freund, Sven Rickhoff, vor Ort geholfen. Zu Beginn meines Master-Studiums bin ich dann zwei Mal in der Woche nach Berlin zum Studieren gependelt, während ich hauptsächlich das Haus fertig gebaut habe.

Warum dieser hohe Aufwand, und wer war außer Ihnen noch beteiligt?
Anders wäre es mit dem geplanten gestalterischen und handwerklichen Ansatz nicht zu machen gewesen. Rein finanziell. Neben einigen Hilfskräften habe ich mit wenigen Firmen vor Ort deswegen vieles alleine gemacht.

Jan Rösler Architekten, Haus Stein, Sachsen-Anhalt, Foto: Simon Menges 2010 – 2013

Jan Rösler Architekten, Haus Stein, Sachsen-Anhalt, Foto: Simon Menges 2010 – 2013

Das vermittelt viel Wissen über Architektur. Womöglich mehr, als manche Ihrer Kommilitonen in namhaften Büros haben sammeln dürfen. Können Sie das in Relation setzen?
Der Fokus ist dabei sicherlich ein anderer. Ich habe dadurch eine relativ hohe Entwicklungsgeschwindigkeit auf dem Weg in die Selbstständigkeit aufgenommen. Bei der Art und Weise, wie wir im Büro arbeiten, spielen aber auch die praktischen Kenntnisse aus meiner Ausbildung eine Rolle. Da fällt es mir schwer zu unterscheiden, was den größeren Anteil ausmacht.

Inwiefern?
Wir haben in der Ausbildung schon kleinere Aufgaben aus anderen Gewerken mit übernommen. Hier mal ein Fenster eingebaut, dort mal Estrich gegossen, oder auch einmal ein kleines Dach gedeckt. Da gab es viele Einblicke in andere Bereiche als die des klassischen Tischlers. Während sich auch Tischler irgendwann meist spezialisieren und nur noch Türen, Fenster oder Möbel machen, haben wir alles ein bisschen gemacht – und dadurch nichts so richtig (lacht).  Das allermeiste haben wir zudem in klassischer Vollholzbauweise mit sichtbaren Oberflächen ausgeführt. Wir waren ja nur ein Zwei-Mann-Betrieb und hatten gar nicht die Räumlichkeiten, um bestimmte Maschinen aufzubauen – beispielsweise zum Lackieren von Oberflächen. Da hat die Ästhetik keine besonders große Rolle gespielt. Das war alles eher grob, dick, stabil.

Was ich bis heute in meiner Arbeit im Büro sehr wichtig finde, ist die Kombination von Planen und Handwerk. Auch weil es doch ein gewaltiger Unterschied ist, ob man sich am Rechner ins Millionstel der Detailansicht hineinzoomt, oder ob man das auf der Baustelle umsetzen muss. Da spielt auch die Frage eine Rolle, was man als Planer jemandem, der es ausführen muss, zumuten kann.

Das ist aber in der Kommunikation auf der Baustelle auch in die andere Richtung wichtig…
Ja klar. Wenn ein Handwerker zu schnell sagt, dass etwas nicht geht, kann ich abschätzen, ob er Recht hat, oder ihm sagen, dass ich das so aber selber schon gebaut habe.

Jan Rösler Architekten, Ökonomiebau, Brandenburg 2015, Foto: Simon Menges

Jan Rösler Architekten, Ökonomiebau, Brandenburg 2015, Foto: Simon Menges

Führen Sie denn nach wie vor auch Dinge selber aus?
Ja. Eigentlich alle hier legen regelmäßig mit Hand an auf den Baustellen. Zum einen finde ich es für alle Mitarbeiter gut, wenn sie diese Erfahrungen als Teil einer gewissen Ausbildung machen. Zum anderen betreiben wir parallel ja auch noch eine kleine Baufirma. Da kommt einfach das eine zum anderen und ergänzt sich für uns und unsere Projekte sehr gut.

Können Sie sich vorstellen, dass dieses „Selber-Machen“ auch in Zukunft eine Rolle in ihrem Büro spielen und zu einer Art Büro-Credo werden kann?
Da bin ich mir unsicher. Das ist ja vor allem eine Frage der Größe der Projekte. Bei den kleinen Projekten, die wir mit privaten Bauherren machen, geht das. Bei größeren und vor allem öffentlichen, wohl weniger – allein wegen der Gewährleistungsfragen. Als Inhaber betreibe ich das im Moment vor allem aus Interesse am Handwerk, aber auch als Abwechslung zum Büroalltag. Für diesen praktischen Teil suchen wir uns dann die schönsten Dinge raus. Das hört für uns aber spätestens im Geschosswohnungsbau auf. Oder bei Projekten, die derzeit losgehen in Bayern oder Sachsen-Anhalt. Da können wir auch wegen der Entfernung nicht mehr jeden Tag auf der Baustelle aufschlagen.

Kommt man mit einem hohen handwerklichen Anspruch hierzulande heute nicht immer wieder an Grenzen?
Ich höre zumindest immer wieder von verschiedenen Stellen, dass Maurer bestimmte Verbände nicht mehr beherrschen oder dass Zimmerer nur noch das zusammenbauen, was sie von einem Werk geliefert bekommen und nicht mehr selber fertigen. Wir haben es derzeit in vielen Material-Bereichen nur noch mit Beschichtungen zu tun. In der Masse gibt es zum Beispiel immer weniger richtiges, massives Sichtmauerwerk. Auch in der Holzverarbeitung ist das so. Vieles wird am Ende noch einmal verkleidet, verputzt oder lackiert. Und dann ist es natürlich auch egal, ob vorher präzise gearbeitet wurde. Man muss sicher auch erst die Firmen finden, die noch sauber und mit dem eigentlichen Material arbeiten, das dann als Endprodukt sichtbar bleibt.

Jan Rösler Architekten, Kindertagesstätte, Berlin 2015, Foto: Simon Menges

Jan Rösler Architekten, Kindertagesstätte, Berlin 2015, Foto: Simon Menges

Liegt das auch an einem anderen Verständnis auf Bauherren- und Handwerkerseite hierzulande, das sich von dem in der Schweiz beispielsweise unterscheidet?
Wenn ich über solch reine Materialien mit den Handwerkern spreche, und darüber, dass ich sie dann auch noch sehen will, kommt immer wieder der Hinweis, dass es deutlich aufwendiger und damit teurer ist. Wenn dann der Bauherr darauf erpicht ist, dass es am Ende vor allem sehr kostengünstig sein soll, hat man einen schweren Stand. In der Schweiz ist das anders, wie ich in meiner Zeit in Basel festgestellt habe. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass dort mehr Geld ins Bauen investiert wird, aber auch daran, dass der Beruf des Architekten einen anderen Ruf genießt als hier – und vielleicht auch daran, dass Handwerk allgemein anders wertgeschätzt wird.

Wie gelingt es Ihnen dennoch, die gewünschte Qualität in Ihren Projekten umzusetzen?
Zum einen durch die schon genannte hohe Eigenleistung: Wir machen mit unserer Baufirma einfach viel selber. Zum anderen haben wir für die kleinen und wenigen Projekte, die wir bis dato fertig gestellt haben, einige Firmen an der Hand, von denen wir wissen, dass sie ihre Gewerke so ausführen, wie wir es haben wollen – und die inzwischen auch wissen, dass es mit Rösler einfach immer ein bisschen anstrengender ist (lacht). Man darf aber auch keine Angst vor bestimmten Sachen haben und muss dem Estrichleger vermitteln, dass man als Architekt kein Problem damit hat, dass die große Fläche, die man von ihm ohne Dehnungsfuge erwartet, am Ende einen Haarriss hat und farblich ein wenig changiert.

Wie wichtig ist dabei, das Altern der Materialien mitzudenken?
Sehr wichtig. Jedes Projekt hat individuelle Erfordernisse. Ich versuche gemeinsam mit dem Bauherrn die Materialien so auszuwählen, dass sie den Alterungsprozess ertragen. Für eine außenliegende Holzverkleidung kann man sich eben nur entscheiden, wenn man akzeptiert, dass das Holz mit der Zeit grau oder schwarz wird. Da muss man wissen, dass farbige Lackierungen dem Wesen des Holzes im Außenbereich einfach widersprechen. Es arbeitet, es verändert sich, und wenn es beschichtet ist, geht die Beschichtung mit der Zeit kaputt – und das ist dann das, was dem Holz landläufig den teils schlechten Ruf beschert. Wenn man den konstruktiven Holzschutz einhält, hat man damit aber eigentlich keine Probleme. Wenn sich der Bauherr auf diese Eigenheiten des Holzes nicht einlässt, muss man eben ein anderes Material finden, das vernünftig altert. Oder man sucht andere Lösungen.

Zum Beispiel?
Das Holz mit Feuer zu behandeln. Oder ölen und tränken. Das sind Techniken, die gut funktionieren. Aber das ist natürlich von unserer Seite oft eine Extraarbeit, den Bauherrn dafür zu sensibilisieren, dass Materialien bestimmte Eigenschaften haben und nicht für jede Anwendung gleich gut geeignet sind.

www.janroesler.de

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Jan Rösler: 9. März, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion: 10. März bis 1. Mai
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin
www.daz.de
www.derarchitektbda.de

neu im club wird unterstützt von Vitra, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*