Buch der Woche: Architekturpolitik in Finnland

Baukultur lernen

Finnland, das Land von Sauna und Löyly, Wald und Seen, Aalto und Saarinen. Und seit Mitte der 1990er Jahre auch Vorreiter in Sachen architektonischer Bildung. Seit Jahren wird eine Stärkung der baukulturellen Bildung auch in Deutschland gefördert. Einige Hoffnungen ruhen in diesem Zusammenhang auf der bis dato zurecht kritisch beäugten Gründung der staatlichen Bauakademie in Berlin. Immer wieder taucht dabei aber auch die Forderung nach einer stärkeren Verankerung von Architektur in schulischen Lehrplänen oder gar die Einführung eines eigenen Schulfachs an bundesdeutschen Lehreinrichtungen auf.

Der Grund für die erfolgreiche finnische Architekturpolitik findet sich indes in einer Entscheidung aus dem Jahr 1995. Damals wurde das Recht auf eine angemessen und gesund gestaltete Umgebung in den Grundrechtskatalog der Verfassung des nordeuropäischen Landes aufgenommen. Mit Rechten aber gehen auch Pflichten einher. Und so schrieb Paavo Lipponen, der von 1995 bis 2003 Premierminister Finnlands war, in seinem Vorwort der 1998 verabschiedeten Architekturpolitik damals: „Das architekturpolitische Programm betont das Recht wie auch die Pflicht der Bürgerinnen und Bürger, Verantwortung für ihre gebaute Umwelt zu übernehmen. Zu diesem Zweck soll die Architekturausbildung und die Information über Architektur gefördert werden.“

Turit Fröbe: Architekturpolitik in Finnland. Wie baukulturelle Bildung gelingen kann, Jovis Verlag, Berlin 2020

Turit Fröbe: Architekturpolitik in Finnland. Wie baukulturelle Bildung gelingen kann, Jovis Verlag, Berlin 2020

Die Urbanistin und Architekturhistorikerin Turit Fröbe hat in ihrem kürzlich im Jovis-Verlag veröffentlichten Buch „Architekturpolitik in Finnland“ untersucht, „wie baukulturelle Bildung gelingen kann“ – so der Untertitel der Publikation. Paradoxerweise ist Architektur in den finnischen Lehrplänen gar nicht in der Breite verankert, wie das in Deutschland der Fall ist. Einer der entscheidenden Unterschiede aber ist im fachlich qualifizierten Personal auszumachen: In Finnland gibt es mehr entsprechend ausgebildete Vermittlerinnen und Vermittler an den Schulen. Da braucht es also kein eigenes Schulfach. Fröbe hat für ihr Buch eine Vielzahl von Gesprächen geführt. Entsprechend viele Fachleute kommen in dem durchweg gut lesbaren Buch zu Wort, das damit nicht nur ein Blick von außen ist – der ja oft zur Verklärung neigt –, sondern eine inhaltlich profunde Analyse der aktuellen Situation vor Ort.

Die Autorin vergleicht dafür zunächst die unterschiedlichen Voraussetzungen in Deutschland und Finnland, ehe sie den Blick auf die tatsächliche Architekturpolitik Finnlands lenkt. Dass dieser Blick allemal lohnt, wird spätestens dann deutlich, wenn man sich klar macht, dass auch die deutsche Regierung noch in diesem Jahr baukulturelle Leitlinien verabschieden möchte. Neben dem finnischen Bildungssystem und der dortigen Verankerung von Architektur und Gestaltung ist dabei auch der Architektur als Bürgerbildung ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn auch das Wettbewerbswesen Finnlands ist anders aufgestellt als das hiesige. Die Bürgerinnen und Bürger können Wettbewerbsbeiträge schon vor der Jury einsehen und mittels Online-Voting bewerten. Dabei, so Fröbe, scheinen die Fachjurys in Finnland sich jedoch nicht von tagesaktuellem Populismus beeinflussen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema aber führt in der Folge dieser Form von Beteiligung zur Gründung diverser Vereine und Initiativen, die sich entsprechend engagiert bestimmten Projekten annehmen.

Neben der Nachvollziehbarkeit in Argumentation und sprachlichem Duktus liegt die Stärke des Buchs in den Fazits, die die Autorin jedem Kapitel anfügt. Daraus wiederum leitet Turit Fröbe am Ende der Publikation konkrete Empfehlungen ab, die durch einen lesenswerten Gastbeitrag von Jaana Räsänen abgerundet werden. In der Kombination mit den im Buch benannten Fallbeispielen gelingender baukultureller Bildung in Finnland lassen sich so direkte Ideen entwickeln, wie eine solche Implementierung auch in Deutschland gelingen könnte. Sie reichen von der Empfehlung, Architektur als zentralen Bestandteil von Kunst und Kultur anzuerkennen über eine aktiv geförderte Vernetzung und entsprechende Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer bis zur Gründung und Unterstützung von Architekturschulen und Vereinen, die sich der baukulturellen Vermittlung angenommen haben oder annehmen.
David Kasparek

Turit Fröbe: Architekturpolitik in Finnland. Wie baukulturelle Bildung gelingen kann, Klappenbroschur, 192 S., 50 farb. und s/w Abb., 35,– Euro, Jovis Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-86859-617-5

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