Buch der Woche: Upcycling

Eine Strategie für die „nächste Architektur“

Schon im Vorwort dieses Buches, das vom Liechtensteiner Architekturlehrer Daniel Stockhammer herausgegeben wurde, kündigt sich etwas an: Die ökologisch orientierte Architektur kann nicht länger nur ein pragmatisch-technisches Vehikel des sich wandelnden Verhältnisses zwischen Mensch und Welt sein. Der Münchner Architekt Andreas Hild, der an der TU München Denkmalpflege und Umbau lehrt, fordert hier (wie auch in der kommenden Ausgabe 4/20 unserer Zeitschrift) die Entwicklung einer zeichenhaften Dimension der Architektur, die zur Anschauung bringt, dass sie auf Materialien zurückgreift, die aus Recycling und Upcycling, aus Wiederverwendung und Weiterverwertung stammen.

Der Palast von Diokletian (erbaut 295–305 n. Chr.) in seiner heutigen Funktion als Stadtzentrum von Split, Kroatien

Der Palast von Diokletian (erbaut 295–305 n. Chr.) in seiner heutigen Funktion als Stadtzentrum von Split, Kroatien

Dabei kommt der Begriff des „Urban Mining“ ins Spiel, die Idee und Methode, die gebaute Stadt als reiche Lagerstätte unterschiedlichen Materials zu betrachten. Andreas Hild schlägt vor, die gebaute Stadt nicht nur als materielles Reservoir zu verstehen, sondern auch als einen Vorrat an Zeichen. Dann bliebe Urban Mining nicht nur eine materielle Notwendigkeit. Vielmehr erfordere es, so Hild, „einen bewussten Umgang mit der vorhandenen Zeichenwelt und den darin eingebundenen Erinnerungen“. Die Kombination der materiellen Relikte unterschiedlicher Häuser ermögliche eine „Rekombination der vorhandenen Formen“, bei der „wie in einem Text aus bekannten Wörtern eine neue Bedeutung geformt“ werde. So könne ein architektonischer Entwurf, der mit dem Upcycling von Material arbeitet, „dem Reservoir Stadt neue Zeichenkombinationen zur Verfügung stellen“.

Leon Battista Alberti, Tempio Malatestiano, Rimini Italien 1453–150 unter Verwendung der gotischen Kirche San Francesco, 12. Jahrhundert

Leon Battista Alberti, Tempio Malatestiano, Rimini, Italien 1453–1503 mit gotischer Kirche San Francesco

Die weiteren Beiträge des Buchs liefern die Grundlagen für das Nachdenken über die Möglichkeiten des architektonischen Upcyclings, aber auch für die von Hild geforderte mögliche Bedeutungsebene von Architektur. Herausgeber Daniel Stockhamer konstatiert in seinem einführenden Essay, dass der Architekt bei Re-Using- und Upcycling-Prozessen vom Schöpfer zum „Mitwirker“ werde und fragt, wie sich Entwürfe konzipieren lassen, wenn Unbestimmtheit zu einem ihrer wesentlichen Bestandteile wird und welche Gestaltungsansätze und -werkzeuge sich für den Umgang mit Unregelmäßigkeit, Unvollständigkeit und Mängeln eignen. Er stellt auch zur Diskussion, wie die Gestaltung der Upcycling-Prozesse selbst zu einer Aufgabe des Entwerfens werden können und welche Konstruktionen und welche Materialien sich dazu eignen, eine Wiederverwendung von Materialien und Bauteilen überhaupt zu ermöglichen.

Wieder- und Weiterverwendung von Bauteilen eines römischen Tempels (1. Jh. n. Chr.) in Al-Mushannaf (Kasr il Musennev) bei As-Suwaida, Syrien, Foto: Triest Verlag

Wieder- und Weiterverwendung von Bauteilen eines römischen Tempels (1. Jh. n. Chr.) in Al-Mushannaf (Kasr il Musennev) bei As-Suwaida, Syrien, Foto: Triest Verlag

Der erste Teil des Buchs zeigt Aspekte der Geschichte der Wieder- und Weiterverwertung: Der in Weimar lehrende Hans-Rudolf Meier erläutert Beispiele der Wiederverwendung von architektonischem Material von der Antike bis zur Gegenwart. Die Spolienverwendung, die er analysiert, hat nie nur einen materiellen Hintergrund, sondern immer auch eine inhaltliche Begründung: Die Verwendung antik-römischer Säulen im mittelalterlichen Kirchenbau drückte meist den Wunsch aus, an die Größe und die Macht des römischen Imperiums und seiner Cäsaren anzuknüpfen. Und noch Rudolf Olgiati „magazinierte“ in Graubünden über Jahrzehnte Hunderte von Bauteilen und Abbruchfragmenten, „um die Gegenstände über schlechte Zeiten hinwegzuretten“. Alberto Alessi, der in Zürich arbeitet, nimmt das Thema auf, erweitert es aber auf die städtische Dimension, indem er die Weiterverwendung von Resten antiker und mittelalterlicher Bauten in heutigen Stadträumen nachverfolgt: „Jede Konstruktion ist eine weitere Interpretation, eine erweiterte Gliederung“.

Ausgeschnittene Module aus Ziegelfassaden, Foto: Triest Verlag

Ausgeschnittene Module aus Ziegelfassaden, Foto: Triest Verlag

Der zweite Teil von „Upcycling“ vereint Beiträge zur Wieder- und Weiterverwendung von Geschichte. Hier geht es in einem Text von Philipp Entner und Daniel Stockhamer explizit um die Bedeutung des Liechtensteiner Baubestands als materieller Ressource. Das Schöne dieses Beitrags ist, dass er systematisch das Spektrum der Methoden des Urban Mining aufzeigt, die Refuse (Verweigerung des Neubaus zugunsten von Pflege, Erhalt und Reparatur), Reduce ( reduzierte Bodenbeanspruchung, reduzierte Baumaßnahmen im Bestand), Reuse (Rückbau, Bauteilsicherung und -wiederverwendung), Recycle (Wiederverwertung) und Rot (Zerfall des Bauwerks und des Materials) umfassen. Helfen könnten bei der Übersetzung in die Praxis Materialkataster, der Abbau von wiederverwendbaren Materialien, die Aufarbeitung und Lagerung in Erneuerungs- und Beratungszentren sowie der Handel mit wiederverwertbaren Teilen und Baustoffen. Zugleich können die Autoren mit eindeutigen Zahlen aufwarten, die die schon für Liechtenstein ungeheuren Materialmengen, ihre Probleme und die möglichen Optionen für ihre Wiederverwertung belegen.

Lendager Group, Resource Rows, Kopenhagen, Dänemark 2015–2019, Fassadendetail, Foto: Triest Verlag

Lendager Group, Resource Rows, Kopenhagen, Dänemark 2015–2019, Fassadendetail, Foto: Triest Verlag

Später beschreibt Barbara Buser vom Basler Büro „in situ“ äußerst anschaulich und beispielhaft, wie man hier mit vorgefundenen Materialien arbeitet. Obwohl auch in ihrer Darstellung alle Argumente und Zahlen für das Urban Mining sprechen, stellt Buser am Ende fest, dass die Anreize dafür selbst in der Schweiz noch nicht geschaffen sind. Gründe dafür sieht sie im Kostenverhältnis zwischen preiswerten Materialien und hohen Lohnkosten und den fehlenden strukturellen Rahmenbedingungen. Zudem brauche das architektonische Upcycling ein Umdenken in der Baubranche: „Bauten müssen so erstellt werden, dass der Rückbau und Wiedereinbau der Komponenten mitgedacht wird – design to disassemble und reassemble“.

Buchcover

Buchcover

Das außerordentlich gut bebilderte Buch mit seinem originellen, aus nicht mehr gebrauchten Büchern der Autoren und alten Bettlaken recycelten Einband ist von höchstem Interesse und leitet an, ein neues Verständnis dafür zu entwickeln, wie man Architektur im Zeichen des Klimawandels und Ressourcenendes denken, entwerfen und verstehen kann.
Andreas Denk

Upcycling. Wieder- und Weiterverwertung als Gestaltungsprinzip in der Architektur, Hrsg. Daniel Stockhammer für das Institut für Architektur und Raumentwicklung der Universität Liechtenstein, 218 S., zahlr. Abb., 39.- Euro, Triest Verlag, Zürich 2020, ISBN 978-3-03863-046-3 (momentan vergriffen, 2. Auflage für Herbst 2020 geplant).

Titelbild: Schneiden von Ziegelfassaden, Foto: Triest Verlag

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